Sie arbeiten dort, wo niemand hin will: Justizwachebeamte
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Sie arbeiten dort, wo niemand hin will: Justizwachebeamte
Freiwillig in Haft: Der Job als Justizwache
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Wer hierher kommt, hat einen guten Grund. Oder keine Wahl. Am Rand von Wien steht ein massiver Gebäudekomplex wie ein eigener abgeriegelter Bezirk inmitten von Gewerbeflächen – umgeben von Zäunen, Kameras und Straßen, die nur hierher führen und sonst nirgendwo: in die Justizanstalt Simmering.
Daneben das Jugendgefängnis Münnichplatz – zwei Haftanstalten, die historisch zusammengehören und heute getrennt voneinander funktionieren. Wer hier arbeitet, hat sich entschieden, täglich an einen Ort zu gehen, den andere meiden.
In den letzten Wochen dominierten kritische Berichte über die Justizanstalten die Schlagzeilen. Wiederholt starben Insassen unter ungeklärten oder zumindest erklärungsbedürftigen Umständen. In Hirtenberg wurde ein Mann zu Tode geprügelt, in Stein hat sich ein Insasse das Leben genommen, in Eisenstadt wurde ein Häftling bei einem Brand tödlich verletzt, und wie profil erfahren hat, soll auch ein Insasse der Justizanstalt Klagenfurt im Februar gestorben sein. Die Ermittlungen laufen.
In all diesen Fällen richtete sich der Blick auf die Haftbedingungen und auf den Umgang mit den Gefangenen. Österreichs Gefängnisse sind voller als je zuvor. Mehr als 10.000 Menschen befinden sich im Strafvollzug, eine Zahl, die in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen ist. Mit ihr wächst der Druck auf die Justizanstalten. Und auf jene, die den Betrieb aufrechterhalten: die Justizwachebeamten. Österreichweit arbeiten rund 4000 Frauen und Männer in den 28 Haftanstalten. Aber wer sind die Menschen, die sich für den Job hinter Gittern entscheiden?
Helmut Murlasits arbeitet seit 30 Jahren in der Justizanstalt Simmering
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Helmut Murlasits arbeitet seit 30 Jahren in der Justizanstalt Simmering
Helmut Murlasits, 51, war gerade Anfang 20, als er das erste Mal die Justizanstalt Simmering betrat. Man hatte ihn damals als Elektriker engagiert, um hie und da etwas zu reparieren, den Strom zu prüfen. Doch der Job war unsicher, er wusste nicht, wie lange er ihn noch behalten würde.
Als er sah, dass auf dem Gelände der Justizanstalt Simmering gerade ein Neubautrakt für Untersuchungshäftlinge entstand und Personal dringend gesucht wurde, erkannte er eine Chance.
Vom Jagdschloss zur Justizanstalt
Die Justizanstalt Simmering befindet sich in einem ehemaligen Jagd- und Lustschloss der Habsburger. 1745 richtete Kaiserin Maria Theresia dort ein Armenhaus ein. Später nutzte man das Gebäude als Kaserne und Depot. Im Jahr 1920 wurde daraus eine Jugendstrafanstalt, ab 1929 – mit einer Unterbrechung im Zweiten Weltkrieg – eine Bundesanstalt für Erziehungsbedürftige, in der schwer erziehbare Kinder und Jugendliche untergebracht wurden. Seit 1975 dient Simmering als Strafanstalt für Erwachsene, in der angrenzenden Justizanstalt Münnichplatz werden männliche Straftäter bis 18 Jahren untergebracht. Von 1994 bis 1999 wurde auf dem Gelände ein neuer Trakt für Untersuchungshäftlinge gebaut, damals noch unter dem Namen „Trakt 2“.
Murlasits, der mittlerweile zum Kommandanten aufgestiegen ist, erinnert sich noch gut an diese Zeit. Nachdem er sich für den Posten als Justizwachebeamter beworben hatte, kam er zunächst in den Wirtschaftsbereich. Reparaturen, Instandhaltung, praktische Arbeiten, oft gemeinsam mit Insassen. „Ich dachte mir, ich mache im Grunde dasselbe wie vorher, aber unter besseren Bedingungen“, sagt er heute. Was viele nicht wissen: Der Beruf ist breiter, als es das Bild vom uniformierten Beamten vermuten lässt. Es gehe nicht nur um Aufsicht, sondern auch um Organisation, um den Ablauf innerhalb eines Systems, das rund um die Uhr funktionieren muss, sagt Murlasits.
Fast alles erlaubt
Trotzdem hatte die Justiz lange Schwierigkeiten, diesen Beruf attraktiv darzustellen. Das änderte sich erst in den vergangenen Jahren, auch aus der Not heraus. Die Anforderungen wurden schrittweise gesenkt. Die Mindestgröße fiel, sichtbare Tattoos sind heute kein Problem mehr, das Mindestalter wurde auf 18 Jahre reduziert. Unverändert geblieben ist nur die Voraussetzung der österreichischen Staatsbürgerschaft. Heute arbeiten in der Justizanstalt Simmering rund 160 Beamtinnen und Beamte, circa 440 Insassen sind derzeit dort inhaftiert.
Michael Pausacker ist für das Recruiting zuständig
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Michael Pausacker ist für das Recruiting zuständig
Michael Pausacker, 36, der für das Recruiting zuständig ist, sieht in den Änderungen keine Absenkung von Standards, sondern eine Anpassung an die Realität. Ziel sei es, Bewerber zu erreichen, die den Beruf früher vielleicht gar nicht in Betracht gezogen hätten, sagt er. Wählerisch könne man jedoch nach wie vor nicht sein. Viele Kandidatinnen und Kandidaten scheitern im Auswahlverfahren, das aus Tests und praktischen Übungen besteht und prüfen soll, wie jemand in Stresssituationen reagiert. „Es gibt Bewerber, die ein falsches Bild vom Beruf haben“, sagt Pausacker. „Sie orientieren sich an ‚Prison Break‘ oder anderen amerikanischen Serien.“ Die Realität aber sei eine andere und habe nichts mit US-amerikanischen Gefängnissen zu tun.
Quereinstieg Justiz
Auffällig ist, dass immer mehr Menschen aus anderen Berufen in die Justiz wechseln. Alexander Pinterich ist einer von ihnen. Er war selbstständig, betrieb eine Tennisschule, bis die Pandemie sein Geschäftsmodell zerstörte. Die Insolvenz zwang ihn zur Neuorientierung. Der Quereinstieg in den öffentlichen Dienst war für ihn vor allem eine Entscheidung für Stabilität. Heute arbeitet er in der Überwachungszentrale der Justizanstalt Simmering, nach einer rund einjährigen Ausbildung, die Theorie und Praxis verbindet.
Quereinsteiger Alexander Pinterich ist Jänner in der Simmering
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Quereinsteiger Alexander Pinterich ist Jänner in der Simmering
Auch Jacqueline Krakowitsch hat einen solchen Weg hinter sich, wenn auch unter anderen Vorzeichen. 2009 bewarb sich die ehemalige Büroangestellte zum ersten Mal für den Posten, scheiterte damals aber noch an der Mindestgröße (163 Zentimeter bei Frauen, 168 Zentimeter bei Männern), die 2011 abgeschafft wurde. Heute ist die 35-Jährige Inspektorin und Teil einer Spezialeinheit, die bei Gefahrensituationen eingreift, etwa wenn es zu einem Suizidversuch oder Konflikten kommt.
Der letzte Suizidversuch in der Justizanstalt Simmering liegt nur wenige Wochen zurück, berichten die Beamten. Genaueres dürfen sie nicht sagen. „Natürlich ist das belastend“, sagt Krakowitsch, „aber wir erhalten jede nötige Unterstützung.“ Die Beamten können Supervision beantragen, und wer möchte, kann Präventionsworkshops besuchen. 2011 wurde eine Fachgruppe Suizidprävention eingerichtet, die 2024 österreichweite Schulungen für Nachtdienstkommandantinnen und Nachtdienstkommandanten durchgeführt habe. „Aufgrund dieser Sensibilisierungsmaßnahme werden Suizidversuche noch öfter als solche erkannt und entsprechend dokumentiert“, teilte das Justizministerium kürzlich mit.
„Alarmierende“ Zahlen bei Suiziden
Trotz dieser Bemühungen werfen die aktuellen Todesfälle in den Haftanstalten Fragen auf, die sich nicht mit Recruiting-Kampagnen beantworten lassen. Sie betreffen vor allem jene, die täglich hinter den Mauern arbeiten. Im laufenden Jahr wurden in österreichischen Justizanstalten bereits sechs Suizide und zwölf Versuche gemeldet, teilte die Volksanwaltschaft am Donnerstag mit. „Damit zählen wir bereits Ende März 2026 so viele Fälle, wie es insgesamt im ganzen Jahr 2020 gab“, sagt Volksanwältin Gabriela Schwarz (ÖVP). Sie spricht von „alarmierenden“ Zahlen. Gegen mehrere Beamte wird wegen der Vorfälle strafrechtlich ermittelt.
Suizidversuche und Eskalationen: Dass Krakowitsch die einzige Frau in der 17-köpfigen Einsatzgruppe ist, die bei solchen Krisensituationen ausrückt, sieht die 35-Jährige nicht als Nachteil. Im Gegenteil, Frauen bringen laut Krakowitsch oft andere Qualitäten im Umgang mit Insassen ein, beispielsweise „mehr Empathie“, sagt die 35-jährige Inspektorin. Das komme ihr in einem Männergefängnis unter vorwiegend männlichen Kollegen meistens zugute. Frauen werden hier genauso behandelt wie Männer, im Alltag sei kein Unterschied spürbar, sagt Krakowitsch, während sie die Tür zum internen Fitnessraum aufsperrt. Darauf hängt ein Zettel: „Wenn du zu schwach bist, die Gewichte zurückzulegen, kontaktiere bitte unser Personal. Die Mädchen helfen dir gerne!“
Jacqueline Krakowitsch ist die einzige Frau in der Einsatzgruppe bei Krisensituationen
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Jacqueline Krakowitsch ist die einzige Frau in der Einsatzgruppe bei Krisensituationen
Trotz der unterschiedlichen Lebenswege, die die Menschen hierherführen, gibt es einen gemeinsamen Nenner: die Aussicht auf Sicherheit. Nach sechs Jahren im Dienst werden Justizwachebeamte verbeamtet und sind damit praktisch unkündbar. In einer Arbeitswelt, in der vieles unsicher und befristet ist, ist das für viele ein entscheidendes Argument. Für Quereinsteiger, junge Menschen und sogar Spitzensportler.
Christoph Dressler, 32, Beachvolleyballer und österreichischer Vizemeister zum Beispiel. Oder Dominik Čertov, 31, Gewichtheber und mehrfacher Staatsmeister. Beide sind Teil des Programms „Athleta“, mit dem das Justizministerium – so wie auch Bundesheer, Polizei und Zoll – Leistungssportlern eine berufliche Perspektive bieten will. Die Idee dahinter ist einfach: Sportkarrieren sind endlich, der Übergang in ein gesichertes Berufsleben oft schwierig. Drei Jahre dauert die Ausbildung: zwei Wochen Praxis in der Justizanstalt, ein Monat Theoriekurs im Klassenzimmer, in der Zwischenzeit widmen sie sich ihrer jeweiligen Sportart. Danach steht ihnen die Möglichkeit offen, hinter den Mauern der Justizanstalt Karriere zu machen.
Beamte der „Athleta“: Gewichtheber Dominik Čertov und Beachvolleyballspieler Christoph Dressler
© Wolfgang Paterno
Beamte der „Athleta“: Gewichtheber Dominik Čertov und Beachvolleyballspieler Christoph Dressler
Leistungssport ist begrenzt“, sagt einer von ihnen. „Da ist es gut, wenn man danach etwas Sicheres hat“, auf Dauer, hinter Gittern. Den größten Erfolg für die Justizwache fuhr die Vorarlberger Skiläuferin Ariane Rädler ein. Bei den Olympischen Spielen in Cortina d’Ampezzo holte sie Gold in der Team-Kombination.
Daniela Breščaković
ist seit April 2024 Innenpolitik-Redakteurin bei profil. War davor bei der „Kleinen Zeitung“.