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„halt dein huren maul“: Wie Politikerinnen mit Hass im Netz umgehen

Frauen in der Politik sehen sich weit häufiger digitaler Gewalt ausgesetzt als ihre männlichen Kollegen. Eine profil-Umfrage zeigt, wie stark sie Hass im Netz trifft – und wo die Unterschiede liegen.

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In einem Punkt herrscht unter allen befragten Frauen bemerkenswerte Einigkeit: Ja, sie haben Hass-Kommentare bekommen. Mehr als einmal. Manche regelmäßig. Was wie eine nüchterne Feststellung klingt, beschreibt für viele Politikerinnen längst den Alltag. Wer politisch Position bezieht, wird zur Projektionsfläche. Wer das als Frau tut, wird zur Zielscheibe.

Eine profil-Umfrage unter Politikerinnen und Politikern auf kommunaler, Landes-, Bundes- und EU-Ebene zeigt ein deutliches Muster: Während Männer vor allem für ihre politische Arbeit angegriffen werden, zielt der Hass im Netz gegen Frauen auf ihr Geschlecht. Es geht um gezielte Abwertung und Einschüchterung. Das Feindbild Frau verlagert sich zunehmend in den digitalen Raum – mit dem klaren Zweck, Frauen aus der Öffentlichkeit zu drängen.
„Frauen, die sichtbar sind, gelten für viele noch immer als Provokation“, sagt Justizministerin Anna Sporrer (SPÖ). Nach dem aufsehenerregenden Freispruch für zehn junge Männer im sogenannten „Fall Anna“ im Herbst 2025 wurde sie in sozialen Netzwerken massiv attackiert. Was folgte, waren Tage und Wochen voller Beschimpfungen, Entgleisungen und Vergewaltigungsdrohungen. Sporrer erstattete Anzeige. „Das ist kein Versehen. Das ist kein Ausrutscher. Das hat System“, sagt sie. Es handle sich um sexualisierte digitale Gewalt, die darauf abziele, Frauen einzuschüchtern und mundtot zu machen. „Akzeptieren muss das niemand“, sagt Sporrer.

Absender sind männlich

Die rechtlichen Möglichkeiten, sich zu wehren, wurden in den vergangenen Jahren ausgebaut. Mit dem 2021 in Kraft getretenen Gesetzespaket gegen Hass im Netz wurde der Zugang zum Recht erleichtert: Betroffene können diffamierende Inhalte schneller entfernen lassen und Unterlassungsansprüche in einem vereinfachten zivilrechtlichen Verfahren geltend machen. Anträge lassen sich elektronisch mithilfe von ID Austria einbringen. Das Gesetz soll signalisieren: Der digitale Raum ist kein rechtsfreier Raum. Doch zwischen Paragraf und Praxis klafft oft eine Lücke – viele Verfahren sind aufwendig, viele Betroffene zögern.

Eine erste Bilanz aus dem Jahr 2022 machte deutlich, dass nur wenige tatsächlich von den vorgesehenen Rechtsmitteln Gebrauch machten – damals waren es 65 Personen. Diese Zahlen stammen aus der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage durch die damalige Justizministerin Alma Zadić (Grüne).
Gleichzeitig zeigen die Erfahrungen der Politikerinnen, wie stark Hass im Netz zunehmend zur Realität ihrer politischen Arbeit geworden ist: ÖVP-Familienministerin Claudia Bauer (zuvor Plakolm) berichtet, seit der Debatte um das Kopftuchverbot an Schulen verstärkt im Visier von Internettrollen zu stehen. Die Kommentare kommen dabei vorrangig aus islamistischen Milieus, bis zu 50 pro Monat werden regelmäßig dokumentiert und an den Verfassungsschutz gemeldet, heißt es.

Die grüne EU-Abgeordnete Lena Schilling wiederum sieht sich vor allem mit rechtsextremen und queer-feindlichen Angriffen konfrontiert, etwa nachdem sie ein Foto von einer Regenbogenflagge veröffentlicht hatte. Die Wortmeldungen reichen von vulgären Beschimpfungen („halt dein huren maul“) bis zu expliziten Gewaltfantasien. Es sind Botschaften, die entmenschlichen sollen. Dass diese Strategie Methode hat, beschreibt die Journalistin und Autorin Ingrid Brodnig in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Feindbild Frau“ (Brandstätter Verlag). Digitale Gewalt gegen Frauen sei häufig sexualisiert, ziele unter die Gürtellinie und wirke besonders einschüchternd, schreibt Brodnig. Genau aus dem Grund sei es wichtig, eine „gedankliche Distanz“ zu den Hass-Kommentaren herzustellen, „aber Selbstschutz allein kann nicht die Lösung sein, Betroffene von Gewalt haben ein Recht auf gesellschaftlichen Schutz“, erklärt Brodnig.

Weiblichkeit absprechen

Besonders heftig trifft es Politikerinnen in klassischen Männerressorts. Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) wird nicht nur politisch kritisiert, in den Kommentaren wird über ihre Weiblichkeit spekuliert, ihre Kompetenz infrage gestellt, ihr Äußeres seziert. Auch die grüne Nationalratsabgeordnete Sigi Maurer kennt das seit Jahren. Seit ihrer öffentlich ausgetragenen Auseinandersetzung mit einem Wiener Lokalbetreiber in der Causa „Bierwirt“ sieht sie sich verstärkt digitaler Anfeindung ausgesetzt. Ihre Kurzhaarfrisur dient als Anlass, ihr die Weiblichkeit abzusprechen. „Was will der Bub da?“, lauten Kommentare.

Ähnliches berichtet Salzburgs FPÖ-Chefin Marlene Svazek. Bei ihr vermischen sich politische Angriffe mit abwertenden Bemerkungen über ihr Aussehen und ihren Nachnamen. Wie konkret, wollte Svazek nicht näher ausführen.

Die Plattformen, auf denen sich der Hass entlädt, sind meist dieselben: Facebook, zunehmend auch TikTok. Neu hinzu kommen Deepfakes – KI-generierte Bilder oder Videos, die täuschend echt wirken und meist einen satirischen Charakter haben. Konkrete Fälle mit sexualisierten Fälschungen seien den Befragten bislang nicht bekannt oder zumindest nicht, dass sie wüssten.

Auch Männer bleiben nicht verschont. Doch die Art der Angriffe unterscheidet sich. Sie zielen auf politische Entscheidungen, selten auf den Körper, fast nie auf die Sexualität. Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) sieht sich regelmäßig scharfer Kritik ausgesetzt, die seine Amtsführung infrage stellt. Er kündigte im Juni 2025 an, das bestehende Gesetzespaket gegen Online-Hass evaluieren zu lassen.

„Anekdoten von Idioten“

Lediglich ein Landeshauptmann, der anonym bleiben möchte, „um sich nicht als Opfer zu inszenieren“, berichtet von Morddrohungen. Man werde ihm „in den Kehlkopf schneiden“. Der Urheber des Kommentars entschuldigte sich später beim Landeshauptmann und sprach von einer „bsoffenen Gschicht“, heißt es. Von einer Anzeige sah man schließlich ab. Auch Staatssekretär Sepp Schellhorn (Neos) erhält regelmäßig abfällige Kommentare wie „Rechtsbrecher, Widerlinge, machtgeile Witzfiguren“. ÖVP-Innenminister Gerhard Karner lässt ausrichten, „wenn es zu rechtlich relevanten Vorfällen kommt, werden diese zuständigkeitsgemäß weitergeleitet“, mehr könne man öffentlich nicht sagen. Von den 25 Befragten – 18 Frauen und sieben Männer – meldeten sich lediglich zwei Männer zurück. Die Resonanz ist ungleich verteilt – wie die Betroffenheit.

Besonders alarmierend wird es, wenn aus digitalen Bedrohungen reale werden. Die Nationalratsabgeordnete Barbara Neßler (Grüne) war von Stalking betroffen. „Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass Online-Gewalt im Netz bleibt“, sagt sie gegenüber profil. Der Täter habe ihren Alltag beeinflusst, ihr Sicherheitsgefühl erschüttert. „Keine Frau sollte Angst haben müssen, verfolgt oder überwacht zu werden.“

Neßler reagiert offensiv. Sie dokumentiert und archiviert Hassnachrichten, macht besonders absurde Zuschriften öffentlich – als Teil ihrer Reihe „Anekdoten von Idioten“.

Eine Strategie der Sichtbarmachung, mit der immer mehr Politikerinnen der digitalen Gewalt begegnen.

Daniela Breščaković

Daniela Breščaković

ist seit April 2024 Innenpolitik-Redakteurin bei profil. War davor bei der „Kleinen Zeitung“.

Jakob Winter

Jakob Winter

ist Digitalchef und seit 2025 Mitglied der Chefredaktion bei profil. Gründete und leitet den Faktencheck faktiv.