Polizisten gehen auf einen Maler zu
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Installateur, Vermieter, Maler: Die perfiden Maschen eines Serienbetrügers

Mal Installateur, mal Vermieter: Ein mutmaßlicher Betrüger kann es nicht lassen. Ein 44-Jähiger soll in Wien dutzende Menschen um tausende Euro gebracht haben. Elfmal wurde er schon verurteilt, bald steht er schon wieder vor Gericht.

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Als Beamte der Polizeisondereinheit WEGA an einem Donnerstagvormittag Mitte Jänner ein Hostel in Wien-Favoriten stürmten und lautstark an Zimmer 103 klopften, flüchtete der gesuchte Mann aus dem Fenster. Er kletterte über ein Baugerüst auf die Straße und rannte davon.

Damit hatte die Polizei allerdings gerechnet. Mit gezogener Glock 19 konnte ihn ein Polizist nach nur wenigen Minuten stellen und am Boden fixieren.

Bei dem Mann am Boden, dessen Jeans bei der spektakulären Festnahme rissen, handelte es sich um den mutmaßlichen Betrüger Dragan S., dessen Serien damit vorerst beendet wurden. Den 44-Jährigen hatte die Polizei zu diesem Zeitpunkt schon seit Monaten gesucht. Weil er keinen festen Wohnsitz hatte, teils bei Familie, Freunden oder wie zuletzt in Favoriten in Hotels und Hostels unterkam, dauerte es, bis man ihm auf die Schliche kam. Jetzt sitzt der Verdächtige in der Wiener Josefstadt in Untersuchungshaft.

Bis dahin soll er dutzenden Menschen insgesamt fast 80.000 Euro abgeknöpft haben. Das sind zumindest die Fälle, die ihm die Wiener Staatsanwaltschaft aktuell zuschreibt und wegen denen er sich bald unter anderem wegen gewerbsmäßigen schweren Betrugs vor Gericht verantworten wird müssen – es gilt die Unschuldsvermutung.

Die Ermittlungsakten liegen profil vor. Daraus geht hervor: Die Tricks von Dragan S. sind simpel, sein Vorgehen ist teils stümperhaft. Aber: Seine Maschen funktionieren – zumindest meistens.

Trick 1: Der Handwerker

So soll er etwa am Nationalfeiertag 2025 eine 83-jährige Frau in der Herrmanngasse in Wien-Neubau an ihrer Haustüre angesprochen haben: Er sei von einer Firma und müsse in der Wohnung Nachschau halten bezüglich Malerarbeiten. Die Frau willigte ein. 300 Euro soll er der Frau abgeknöpft haben – angeblich, um Arbeitsmaterialien zu besorgen. Auf einem handschriftlichen Zettel soll er das sogar bestätigt haben. Die Wohnung wurde nie renoviert. Die Frau erkannte den Mann erst auf einem Foto wieder, das ihr die Polizei zeigte.

Meistens soll sich S. aber als Installateur ausgegeben haben. Er sei von der Hausverwaltung, von dieser beauftragt oder von den Firmen „Elz“, „Soritzler“, „Spriteler“ oder „Spitzer“, soll er behauptet haben, als er an Haustüren läutete oder in Stiegenhäusern Bewohner und Bewohnerinnen ansprach. Es gebe einen Wasserschaden im Haus, bei der Wohnung unterhalb gebe es schon einen Wasserfleck an der Decke, er müsse die Rohre kontrollieren, soll er erzählt haben. Andere Geschichten drehten sich laut Aussagen der Betroffenen um Gasthermen, die er im Auftrag der Hausverwaltung oder von Wiener Wohnen warten sollte.

In der Wohnung angekommen soll er zu Waschbecken oder Therme gegangen sein, dort tatsächlich herumgeschraubt haben, meistens aber recht schnell Geld für anstehende Reparaturen oder Materialien, die er erst holen müsse, kassiert haben.

Ich bin vom Einkaufen nachhause gekommen und wurde von einem unbekannten Mann im Stiegenhaus angesprochen

83-jährige Mieterin

Eine 80-Jährige aus Wien -Rudolfsheim schilderte der Polizei: „Ich bin vom Einkaufen nachhause gekommen und wurde von einem unbekannten Mann im Stiegenhaus angesprochen“. Er habe sie gefragt, ob sie Türnummer 9 habe. Als sie bejahte, habe er behauptet, sie habe einen Wasserschaden in der Wohnung darunter verursacht. Sogar ein Foto des vermeintlichen Schadens habe er ihr gezeigt.

„Er telefonierte die ganze Zeit mit einer unbekannten Person auf Deutsch und ich hörte die ganze Zeit das Wort Hausverwaltung heraus. Daher dachte ich, dass er mit meiner Hausverwaltung telefoniere“, so die Frau. Sie ließ den Mann in ihre Wohnung: „Er hantierte mit seinen Händen am Syphon herum und meinte, dass unter dem Waschbecken alles nass sei. Anschließend ist er dann runter zum vermeintlichen Wasserschaden gegangen und forderte mich auf, das Wasser in der Küche aufzudrehen. Danach kam er wieder hoch und meinte, dass es wegen meiner Abwasch unten tropft“. Er habe gesagt, er könne das jetzt reparieren oder das Wasser für zwei Tage sperren.

Die Dame zahlte 312 Euro, damit der vermeintliche Installateur sofort das richtige Syphon besorgt. Der Mann kam jedoch nicht wieder. Erst der Sohn der Frau reparierte das Waschbecken wieder, das wohl nur tropfte, weil es der vermeintliche Installateur präpariert hatte.

Bei anderen Personen soll D. dafür bis zu 800 Euro verlangt haben. Skeptischen Mietern soll er wieder einen handschriftlichen Zettel ausgestellt haben – oder sie sogar seinen echten Reisepass abfotografieren haben lassen. Das machte es den Ermittlern nun leicht, ihm zahlreiche mutmaßliche Taten zuzurechnen.

Trick 2: Der Vermieter

Der 41-jährige gelernte Maler, Anstreicher und Bodenleger ist kein unbeschriebenes Blatt. Er war seit dem Jahr 2000 regelmäßig im Gefängnis, auch wegen Verstößen gegen das Suchtmittelgesetz, wegen Einbruchs und Raubs. Insgesamt wurde S. elfmal verurteilt.

Zuletzt saß er ab 2018 zwei Jahre und neun Monate, davor ab 2013 vier Jahre – jeweils wegen Betrugs – in Haft. Schon damals wandte er einen Trick an, dem ihm die Wiener Staatsanwaltschaft nun wieder in 22 Fällen vorwirft.

Wenn S. auf freiem Fuß war, kam er nicht nur in Hotels oder Hostels unter, sondern auch bei seiner Lebensgefährtin. Oder nach der Trennung bei einem Verwandten.

Ihre Wohnungen waren es, die er in deren Abwesenheit abfotografiert und auf Facebook oder Willhaben zum Vermieten angeboten haben soll. Dass die Wohnungen in Wien-Rudolfsheim und Floridsdorf gar nicht ihm gehörten, erfuhren die Interessenten erst von der Polizei – und nachdem sie S. bereits eine Kaution bezahlt hatten.

Am 3. Jänner 2025 schilderte etwa eine Frau der Polizei, dass sie auf Facebook gepostet hätte, eine Wohnung für ihre Familie zu suchen und dass sie daraufhin von einem Mann namens „Tom Richi“ angeschrieben worden sei. Es sei zu einer Besichtigung gekommen, bei der die Frau 650 Euro bezahlt haben soll, damit die Wohnung für sie reserviert bleibe. Es kam sogar zu einem Treffen bei einem echten Notar, wo sie weitere 1300 Euro Kaution bezahlte. Als dann aber der Schlüssel übergeben werden sollte, war der vermeintliche Vermieter nicht mehr erreichbar.

In weiteren Verdachtsfällen soll sich der 44-Jährige als „Rici“ ausgegeben haben. Als er bei einer Besichtigung gefragt wurde, warum die Wohnung denn bewohnt aussehe, soll er gesagt haben, dass er die Wohnung für seinen Stiefvater vermieten würde, der Arzt im Burgenland sei – und momentan noch eine Studentin darin wohnen würde, die bald ausziehen werde.

Reinhard Nosofsky
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Reinhard Nosofsky

Vor allem in Städten habe Handwerksbetrug „durchaus Einzug gehalten", warnt Reinhard Nosofsky vom Bundeskriminalamt.

Die mutmaßlichen Betrugsmaschen sind dem Bundeskriminalamt längst bekannt. Sogenannter Handwerksbetrug werde mit nahezu allen Berufen betrieben, sagt Reinhard Nosofsky, Leiter der Betrugsermittlung im Bundeskriminalamt. Vom Installateur über den Viermieter, den Schlüsseldienst, die Umzugsfirma oder den Kammerjäger bis zur Teppichreinigung werden alle Arbeiten angeboten und dann nicht oder nur unzureichend ausgeführt. Vor allem in Städten habe das „durchaus Einzug gehalten.“ KI habe die Masche „auf ein neues Level“ gehoben, weil entsprechende Inserate und Webseiten in Windeseile gebaut werden können.

Der Kriminalist rät daher dazu, sich Bewertungen zu Firmen im Internet durchzulesen und das Impressum auf Webseiten genau zu kontrollieren.

Trick 3: Jede Gelegenheit nutzen

Im Fall Dragan S. waren es aber wohl nicht nur überrumpelte Mieter und Menschen auf Wohnungssuche, die übers Ohr gehauen wurden. S. soll jede Gelegenheit genutzt haben, um an Geld zu kommen. So soll er etwa auch ein Willhaben-Inserat für ein Handy geschaltet, Geld kassiert und weggelaufen sein; die Möbel eines Hotels, in dem er nächtigte, verscherbelt haben oder einer Kellnerin die Geldtasche mit 800 Euro gestohlen haben.

Wir erreichen diese Menschen oft nicht

Psychiaterin Sigrun Roßmanith

Psychiaterin und Gerichtsgutachterin Sigrun Roßmanith sagt, ohne diesen Fall im Detail zu kennen, dass Betrug durchaus eine Sucht sein könne. Oft würden sich Betrüger rechtfertigen, in dem sie sich einreden, dass entsprechende Gelegenheiten doch jeder ausnutzen würde oder sie alles wieder gut gemacht hätten, wären sie nicht erwischt worden.

Betrüger würden andererseits oft eine erhöhte Dissozialität aufweisen und andere Menschen nur als Mittel zu ihrem Zweck betrachten. Sie seien oftmals erstaunlich überzeugend und können das Vertrauen ihres Gegenübers gewinnen, indem sie seine Schwächen erkennen und ausnutzen. Besserung durch Therapie funktioniere da nicht: „Wir erreichen diese Menschen oft nicht“. Wiederholungstäter seien keine Seltenheit, so Roßmanith.

Dragan S. werde sich beim Gerichtsprozess Ende April weitestgehend schuldig bekennen, sagt sein Anwalt Michael Ofner. Dem 44-Jährigen drohen wegen des raschen Rückfalls nach der letzten Haftstrafe bis zu fünf weitere Jahre Gefängnis. Vielleicht gelingt es dem Maler danach doch, seinem Leben einen neuen Anstrich zu verpassen.  

Konstantin Auer

Konstantin Auer

seit 2025 als Projektleiter des „Frühstück“-Newsletters im Digitalteam des profil, davor bei PULS24 und Kurier. In seinen Recherchen geht es meist um soziale Ungerechtigkeiten, menschliche Abgründe und juristische Herausforderungen im Graubereich zwischen Chronik und Politik.