Anna und Albert bei der Handyschulung für Senioren
© Alexandra Unger
Anna und Albert bei der Handyschulung für Senioren
Kurse für Silver Surfer: Fake News erkennen und „Handy-Wischen“
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Der entscheidende Hinweis kam per Handy. Eines Abends vergangenen Sommer nahm Anna Schaffer einen Anruf ihrer Tochter entgegen: „Mama, ich habe gerade den Mann deines Lebens im Fernsehen gesehen.“ Gemeint hatte sie Albert Böhm, 72 Jahre alt, Kandidat in der ORF-Sendung „Liebesg’schichten und Heiratssachen“. Er war auf der Suche nach einer Partnerin.
Vergangenen Mittwoch, eineinhalb Jahre später, sitzen Anna und Albert, längst ein Liebespaar, längst in einer Lebensgemeinschaft, im Pensionistenklub in der Schlagergasse in Wien-Alsergrund und wischen auf den Displays ihrer Handys. Beide versuchen Apps auf ihren Bildschirmen zu verschieben, genau so, wie es Dietmar, „der Didi“, vom Mobilfunkbetreiber A1 an diesem Nachmittag im Seniorenkurs zum Thema Handynutzung erklärt. „Wenn es nicht sofort klappt“, sagt Didi, „kann man den Zeigefinger leicht anhauchen.“
Von Australien bis Österreich diskutiert die Politik über Social-Media-Restriktionen für Jugendliche. Albanien hatte TikTok eingeschränkt, Frankreich will, ebenso wie Österreich, bis zum nächsten Schuljahr ein Verbot durchsetzen. Das Nutzungsverhalten der Jungen ist vor allem durch dschihadistische Blitzradikalisierungen dramatisch in den Fokus der politischen Debatte gerückt. Es wird nicht nur über Verbote debattiert, Medienkompetenz findet international Eingang in Schulpläne, die Jungen sollen wissen, wie man sich sicher im Netz bewegt. Wie sicher sind aber jene, die alles dürfen? Wie gewappnet sind ältere Semester für die Gefahren auf Social Media? Wer sich die Zahlen anschaut, der bekommt so seine Zweifel.
Silver Surfer
Nicht nur, weil sie aufgrund ihres Alters Schwierigkeiten haben, die Geräte zu bedienen. Seniorinnen und Senioren, deren Feinmotorik eingeschränkt ist, könnten auch Touchscreenstifte verwenden, sagt der Fachmann bei der Schulung im Pensionistenheim und verteilt sie an den quadratischen Tischen, an denen rund 15 Personen, mehr Frauen als Männer, Platz genommen haben. „Einem 92-Jährigen, der ununterbrochen zittrige Hände hat, erleichtert so ein Staberl das Leben ungemein.“
Manchmal, sagt Anna, eine pensionierte Krankenschwester, starrt sie ins Handy, tippt Nachrichten und merkt gar nicht, dass Stunden vergangen sind. „Die Zeit rinnt einem durch die Finger.“ Albert, früher Maurer, versucht sich indes künstlerisch am Smartphone. Kaum ein Tag vergeht, an dem er nicht an Fotocollagen für seinen WhatsAapp-Status bastelt, erzählt er – und auch das kostet Zeit. „Wir schimpfen immer über die Jungen“, sagt Albert Böhm. „Aber wir älteren Semester hängen auch dran.“
Das belegen auch die nackten Zahlen: Laut Statistik Austria waren 75 Prozent der über 65-Jährigen online; laut Bitcom, dem Branchenverband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche, können sich drei Viertel von ihnen ein Leben ohne Internet nicht mehr vorstellen. Und dieses Internet birgt für sie kriminelle Gefahren: Ältere sind laut Cybercrime-Report des Innenministeriums besonders anfällig für Online-Betrügereien.
Pensionistenheim Wien Alsergrund
Das heutige Thema der digitalen Fortbildung ist "Videotelefonie".
© Alexandra Unger
Pensionistenheim Wien Alsergrund
Das heutige Thema der digitalen Fortbildung ist "Videotelefonie".
Pensionistinnen und Pensionisten aus allen Teilen Wiens
An diesen Tag sind mehr Damen als Herren im Kurs.
© Alexandra Unger
Pensionistinnen und Pensionisten aus allen Teilen Wiens
An diesen Tag sind mehr Damen als Herren im Kurs.
Welches Handy ist das richtige?
Viele ältere Herrschaften haben Schwierigkeiten bei der Bedienung der Touchscreens und brauchen Hilftsmittel.
© Alexandra Unger
Welches Handy ist das richtige?
Viele ältere Herrschaften haben Schwierigkeiten bei der Bedienung der Touchscreens und brauchen Hilftsmittel.
Immer mehr Seniorinnen und Senioren nutzen das Internet
Das Handy ist auch für Pensionistinnen und Pensionisten ein ständiger Begleiter.
© Alexandra Unger
Immer mehr Seniorinnen und Senioren nutzen das Internet
Das Handy ist auch für Pensionistinnen und Pensionisten ein ständiger Begleiter.
Was ist ein Smartphone?
Eine Frage, die bei dieser Schulung beantwortet wird.
© Alexandra Unger
Was ist ein Smartphone?
Eine Frage, die bei dieser Schulung beantwortet wird.
Die „Silver Surfer“ können oftmals auch schwer Fake-Inhalte erkennen: Etwa KI-generierte Deepfake-Werbeanzeigen – und das bringt sie um ihr Geld. Laut Austrian Cooperative Research, dem Dachverband der außeruniversitären Forschungsinstitute in Österreich, wurden im ersten Halbjahr 2025 mehr als 4600 solcher problematischen Anzeigen mit einer europaweiten Reichweite von 21,5 Millionen Darstellungen dokumentiert – davon rund fünf Millionen in Österreich. Die Ziele solcher Betrügereien sind nicht die Jungen, denen man Social Media verbieten will, sondern ihre Eltern und Großeltern. 75 Prozent der betrügerischen Werbung richteten sich an Personen über 45.
Alte Radikale
Kein Wunder: In einer Umfrage aus dem Jahr 2017 gaben etwa 55 Prozent der 18- bis 29-Jährigen an, dass sie schon einmal mit Fake News konfrontiert waren. Von den über 60-Jährigen glaubte das nur jeder Fünfte. Wer glaubt, keine Falschinformationen zu sehen, fällt leichter auf sie hinein.
Die Sache ist aber auch politisch brisant: Denn die Älteren sind nicht nur lost im Internet, sie sind es auch konkret in den sozialen Netzwerken. Und auch sie sind vor Radikalisierung nicht gefeit: „Überwiegend kontaktieren uns Menschen zwischen 25 und 45 Jahren, die in Sorge um ihre Eltern sind“, schreibt Tobias Meilicke, Leiter der Beratungsstelle für Betroffene von Verschwörungserzählungen in Berlin, in seinem Vorwort zum Buch „Abgetaucht, radikalisiert, verloren? Die Generation 50+ im Sog der Filterblasen“.
Auch der deutsche Verfassungsschutz hat das Problem der älteren Extremisten bereits erkannt: Die meisten „Reichsbürger“ seien etwa zwischen 50 und 59 Jahre alt. Ältere Semester waren auch empfänglicher für Verschwörungserzählungen in der Corona-Zeit: Junge Menschen zwischen 16 und 30 Jahren zeigten in einer Studie aus Deutschland 2022 die geringste Zustimmung zu digitalen Coronaverschwörungen. Ab 31 schenkte ihnen indes jeder Vierte Glauben. Alter schützt vor Irrglauben nicht.
Barbara Buchegger klärt beim Verein „Safer Internet“ Kinder und Jugendliche über die Gefahren im Netz und auf Social Media auf. Sie ist aber auch beim Verein „Digitalsenioren“ tätig und arbeitet mit älteren Herrschaften. Sie kennt also beide Seiten, und sie sagt: „Die Älteren haben zumeist mehr Probleme mit dem digitalen Umgang als Jüngere.“ Buchegger spricht gar nicht mehr von „Social Media“, sondern von „Kurzvideoplattformen“, die passiv genutzt werden, die dazu verleiten, in geschlossene Systeme abzutauchen. „Bei der Einschätzung der Inhalte – was Fake ist und was nicht – tun sie sich schwerer.“
Digital unvorbereitete Seniorinnen und Senioren treffen in den sozialen Netzwerken auf Turbo-Vermarktungsmaschinen – auch bei fragwürdigen Produkten wie Esoterik. Ältere Menschen würden hier mit falschen Versprechungen zu dubiosen Geschäften gelockt, schreiben Sarah Pohl und Mirijam Wiedemann über „Die Generation 50+ im Sog der Filterblasen“: „Nicht selten werden online verbindliche Verträge für esoterische Abo-Produkte abgeschlossen, der Filterblaseneffekt in sozialen Netzwerken bestärkt zunächst die Senioren in ihrem Tun.“
Im Jahr 2007 startete der Mobilfunkbetreiber A1 in Österreich seinen Digitalcampus, wo sich sowohl Jugendliche als auch Senioren digital fortbilden können, auch bei Kursen wie jenen im Wiener Pensionistenklub. Die Kurse sind innerhalb kürzester Zeit ausgebucht, sagt Daniela Fritz, die den A1 Digitalcampus leitet, „es ist wie ein Taylor-Swift-Konzert“. Vor allem seit der Pandemie ist die Nachfrage rasant gestiegen.
63 Prozent der 16- bis 74-Jährigen in Österreich verfügen über digitale Kompetenzen, das ist um neun Prozent mehr als der EU-Schnitt. Das bedeutet aber auch, dass 3,5 Millionen Menschen nicht über diese Kompetenzen verfügen. Das Büro von Alexander Pröll, dem Staatssekretär für Digitalisierung (ÖVP), verweist auf die sogenannte Digitale Kompetenzoffensive. Landesweit werden mehr als 4500 Kurse angeboten.
Henrike Brandstötter, Mediensprecherin der Neos, begrüßt das, fordert jedoch mehr. Es bräuchte einen nationalen Schulterschluss. In jeder Pfarrbibliothek, auf jedem Gemeindeamt sollten beispielsweise regelmäßige Sprechstunden stattfinden, wo man mit allen Fragen kommen kann, angefangen damit, wie man Fake News erkennt, bis hin zum Thema Schutz vor dem Polizei-Trick.
Statussymbol Handy
Fritz Stejskal ist ein rüstiger Herr von 78 Jahren, das graue Sakko sitzt, ebenso seine Uhr, mit der er jederzeit seinen Blutdruck messen kann. Sie hat rund 400 Euro gekostet, man kann für so etwas auch 1000 Euro ausgeben, sagt Stejskal. Der digitale Appetit der Senioren ist groß, und es gibt viel zu holen; zum Beispiel Hörgeräte, die zugleich auch Kopfhörer sind, oder Smartwatches, die die Rettung rufen, wenn man stürzt.
Seit zwölf Jahren lebt Herr Stejskal, einst Restaurant-Manager, im Seniorenheim in Wien-Leopoldau. „Als ich damals mit meiner Frau eingezogen bin, bin ich mit dem Handy durchs Haus gegangen und habe geschaut, ob ich eh überall Empfang habe.“ Seither hat sich vieles verändert. An den 30 Adressen des Kuratoriums der Wiener Pensionisten-Wohnhäuser gibt es längst flächendeckendes WLAN; kaum jemand, der hier wohnt, besitzt kein Handy. „Ein paar sitzen überhaupt den ganzen Tag oben und starren aufs Tablet“, sagt Stejskal, er ist auch Bewohnerbeirat. „Man erreicht sie kaum noch.“
Im Pensionistenheim ist das Handy auch eine Art Statussymbol. „Daran kann man gleich erkennen, wie sehr die Familie auf dich schaut.“ Manche haben das neueste iPhone, andere kriegen das „was kein Enkerl mehr will“, sagt Stejskal. „Erst letztens hab ich mit dem Angehörigen eines Heimbewohners geschimpft, als ich gesehen habe, was er dem Opa für ein Klumpert mitgebracht hat. Das kann’s ja nicht sein.“
Die digitalen Technologien drehen in gewisser Weise auch die gesellschaftliche Wissenspyramide um: Hier lernen die Alten von den Jungen – sie sind förmlich auf deren Hilfe angewiesen. Denn es sind meistens die Jungen, die der Oma das Online-Banking zeigen, dem Opa erklären, wie man Fotos verschickt, die wissen, wie das E-Mail-Passwort der Tante lautet, und die aufklären, warum das gestochen scharfe Gesicht auf dem Bildchen, dass der Onkel in den Familienchat stellt, vielleicht nicht echt sein könnte, sondern von der KI generiert.
Den Jüngsten will die Regierung nun ein Tor ins Internet nehmen, ihre Großeltern bleiben aber weitgehend ungeschützt. Anna Schaffer und Albert Böhm im Pensionistenklub in Alsergrund wischen unterdessen weiter auf ihrem Handy, „dem Wischer“, wie Albert sagt. „Wir sind vielleicht ein bissl älter, aber wir sind genauso neugierig wie die Jungen.“
Nina Brnada
ist Redakteurin im Österreich-Ressort. Davor Falter Wochenzeitung.
Max Miller
ist seit Mai 2023 Innenpolitik-Redakteur bei profil. Schaut aufs große Ganze, kritzelt gerne und mag Grafiken. War zuvor bei der „Kleinen Zeitung“.