drei Mädchen sitzen auf einer Bank nebeneinander und schauen aufs Handy, ihre Köpfe sind abgeschnitten
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Gefährlicher Content, penetrante Werbung, süchtig machende Algorithmen – Social Media wird jungen Nutzern oft zu viel. Wichtiger als ein Verbot wäre ein geschulter Umgang, meinen Fachleute und Jugendliche selbst.

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Videos von aufgelösten, schluchzenden Jugendlichen fluteten im Jänner 2025 Social Media – was war passiert? Die US-Regierung kündigte an, die Videoplattform Tiktok zu verbieten. Die junge Nutzerbasis reagierte mit Nervenzusammenbrüchen. Drohen so heftige Reaktionen auch in Österreich, wenn die Regierung wie geplant im Sommer Social Media für Kinder verbietet? Mit diesem Vorstoß machte Medienminister Andreas Babler von sich reden, er will ein „Social-Media-Ordnungs-Gesetz“. Die genaue Altersgrenze und technische Umsetzung für das Verbot sind noch offen.

Vorbild ist Australien, hier ist Social Media für unter 16-Jährige bereits verboten . Auch eine 15-Jährige aus Österreich hat schon am eigenen Leib erfahren, wie sich das offline-Leben dort anfühlt: „Ich war in Australien am Flughafen und dort wurde mein Snapchat Account gesperrt”, erzählt sie profil: „Ich weiß, dass meine Freunde angefressen sind, wenn ich ihnen auf Snapchat nicht antworte. Dann fand ich es aber erleichternd, einmal eine Pause davon zu haben.“ 

Die Likes, die schnellen Bilder, der nie endenwollende Strom an Unterhaltung, Scrollen kann einen echten Rausch auslösen  – und süchtig machen. „Wir kommen um eine gesetzliche Regelung nicht herum. Die Eltern entscheiden ja auch nicht, ob die Kinder Alkohol trinken dürfen. Das ist Aufgabe der Politik“, sagt Kathrin Sevecke von der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (ÖGJKP). Auch die ständigen Vergleiche seien gefährlich, erklärt die Primaria und Abteilungsvorständin der Klinik für Kinder– und Jugendpsychiatrie in Hall in Tirol: „Da vergleiche ich mein ganz normales Gesicht mit vielleicht jugendtypischer Akne mit einer KI-generierten Normschönheit.“  Das erhöhe das Risiko für depressive oder ängstliche Symptome. 

Ich bin jetzt 18 und seit ich 14 war hat sich so viel verändert in den Sozialen Medien, das kann man gar nicht mehr vergleichen.

Hannah Scheidl, Bundesschulsprecherin

Mehr Medienbildung in der Schule sehen Experten wie die ÖGJKP als entscheidenden Schlüssel neben dem Verbot für jüngere Teenager. Auch die Bundesjugendvertretung (BJV) hält ein Verbot für Unter-14-Jährige für sinnvoll, solange Datenschutz und technische Umsetzung stimmen. 

Mit Fokus auf die Schule fordert Bundesschulsprecherin Hannah Scheidl mehr Beschäftigung mit Digitalen Medien im Unterricht und vor allem auch Fortbildungen für Lehrkräfte, damit diese am neuesten Stand bleiben. Selbst für sie ist das schwierig: „Ich bin jetzt 18 und seit ich 14 war hat sich so viel verändert in den Sozialen Medien, das kann man gar nicht mehr vergleichen.“

Jugendliche selbst zeigen sich in Dialogformaten der BJV überraschend reflektiert: Handyfreie Zeiten in der Volksschule und Unterstufe werden positiv aufgenommen, pauschale Verbote ab der Oberstufe hingegen abgelehnt. Viel wichtiger ist ihnen, den Umgang mit digitalen Technologien praktisch in der Schule zu erlernen. Eltern sollen diesen Lernprozess aktiv begleiten – etwa durch leicht zugängliche Informationen und ein gutes eigenes Vorbild. Das ist besonders wichtig, betont auch Roland Mader, ärztlicher Leiter des Anton-Proksch-Instituts, wo Online-Süchte behandelt werden: „Wenn ich dem Kind sage, jetzt tu das Handy weg, muss ich auch selbst bereit sein, mein Handy wegzulegen.“

Soziale Medien werden immer weniger sozial

Social Media sei in den vergangenen Jahren passiver geworden, beschreibt die Initiative Safer Internet: Es gehe nicht mehr vordergründig um Austausch und Vernetzung. Von Tiktok ist der Trend der leicht verdaulichen, reizüberfluteten Kurzvideos auf andere Plattformen geschwappt. Jugendliche konsumieren den Content überwiegend passiv und lassen sich von Inhalten, die der Algorithmus vorschlägt, berieseln. 

Künstliche Intelligenz (KI) macht es noch schwieriger zu erkennen, was real ist und was nicht. Aber nicht nur die Fake-News belasten, auch die echten Nachrichten, „etwa die Videos von den ICE-Attacken aus den USA, bei denen Leute leiden oder sogar sterben. Die bringen sehr zum Nachdenken“, erzählt eine 19-Jährige. 

Und dann gibt es noch Mobbing, den Wunsch nach Aufmerksamkeit und Bestätigung, die ständige Werbung. Ein Giftcocktail für die Psyche, der sich da im Netz zusammenbraut. Und zu Depressionen, Sozialphobie, Schlafstörungen, Adipositas und Radikalisierung führen kann.

Entzug nur kurz schmerzhaft

Wenn Eltern und Lehrkräfte aber gar nicht mehr zu ihren Teenagern vordringen können, kann eine Therapie helfen. Vor allem wenn sie ihr normales Leben vernachlässigen, die Schule, die Hobbys, die Freunde, sagt Mader. 

Gerade junge Menschen müssten erst lernen, sich „offline“ zurecht zu finden: „Soziales Lernen findet in der realen Welt statt. Ich muss jemanden in die Augen schauen, um mit Emotionen umgehen zu lernen. Das können Emojis nicht leisten.“. 

Am Anton Proksch-Institut können sich Jugendliche seit 2019 von ihrer Display-Sucht entwöhnen. Start der achtwöchigen Therapie ist einmal ein Detox, also gar kein Handy. Am Anfang ist das für die Jugendlichen richtig „verstörend“, sie würden sich komplett von der Welt abgeschottet und verlassen füllen. Aber nach zwei, drei Tagen, merken sie schon: Der Entzug tut ihnen richtig gut. Auch Studien zeigen: Positive Effekte stellen sich rasch ein. Ziel ist, die Betroffenen behutsam in das reale Leben zurückzuführen, Interessen wieder aufzubauen, das Miteinander fördern, etwa gemeinsam spielen statt am Handy zocken.

Langfristig gehe es aber nicht darum, das Handy abzugewöhnen, sondern einen guten Umgang damit zu finden. Die digitalen Plattformen könnten ja auch Unterstützung und Austausch bieten, Zugehörigkeitsgefühl schaffen. 
 

Außerdem sind sie aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken – alleine in der Schule. Whatsapp-Gruppen für Projekte, Teams für den Unterricht, Youtube für Erklärvideos. Whatsapp ist mit Abstand die meist genutzte Plattform laut dem Jugend-Internet-Monitor von Safer Internet, danach kommen Youtube, Snapchat, Tiktok, Instagram und auf Platz sechs sogar Teams. 

Eltern und Schulen hätten dabei schon jetzt viele Möglichkeiten, die oft ungenutzt bleiben - zum Beispiel Teams zu kontrollieren. Denn dort zeigt sich das gleiche schädliche Verhalten von Mobbing bis zur Verbreitung von Fake News wie auf anderen Plattformen, sagt Safer Internet. Gleichzeitig, betont Bundesschulsprecherin Scheidl, gebe es eigentlich bereits Altersgrenzen für Social Media, die konsequenter umgesetzt werden müssten, bevor neue Regelungen kommen.

Doch selbst klare Altersgrenzen und mehr Medienbildung greifen aus Sicht der Bundesjugendvertretung zu kurz, wenn sich an den Plattformen selbst nichts ändert. Sebastian Stark, Vorsitzmitglied der Bundesjugendvertretung, macht klar: Das eigentliche Problem liegt nicht bei den Jugendlichen, sondern an den Algorithmen und den fehlenden Schutzkonzepten. Und er betont: „Ein zentraler Punkt ist, junge Menschen aktiv in politische Entscheidungen einzubeziehen. Denn Gesetze, die ohne ihre Perspektive entstehen, laufen Gefahr, an ihren tatsächlichen Bedürfnissen vorbeizugehen.“

Eine Grafik des Jugend-Internet-Monitors 2026
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Womöglich müssen Jugendliche gar nicht gezwungen werden, weniger Zeit auf den sozialen Netzwerken zu verbringen: Der Jugend-Internet-Monitor von Safer Internet schaut sich seit elf Jahren das Social-Media-Verhalten der Jugendlichen in Österreich an und befragt dafür 500 Jugendliche zwischen elf und 17 Jahren. Auch 2025 setzte sich ein Trend fort: Die Social Media-Nutzung geht zurück. Jugendliche seien gereizt und überfordert von den Plattformen und sie merken, sie tun ihnen nicht gut, wie Safer Internet berichtet. Auch zu profil sagt eine 16-Jährige, Influencer und Werbung nerven sie, eine 15-Jährige meint: „Ich finde es schade, dass einige Freunde bei Treffen nur aufs Handy schauen und man nichts mehr zusammen unternimmt.“

Was der Internet-Monitor aber auch herausgefunden hat: Häufig wandern die Jugendlichen von Social Media einfach auf andere Anwendungen ab. Vor allem KI-Chatbots, die bereits 94 Prozent benutzen. Und welche Folgen das mit sich bringt, lässt sich noch schwer abschätzen, warnen die Fachleute.

Maria Prchal

Maria Prchal

ist seit 2025 Redakteurin im Digitalteam. Ihre Schwerpunkte sind unter anderem Sozialpolitik, Klima und technische Themen.