Opernball 2026: Wie Sebastian Kurz mangels Kanzler den Kanzler geben konnte
Man sollte die ÖVP zur Benimm-Nachschulung beim Elmayer schicken. Dass die schwarze Ministerriege am Donnerstag dem heurigen Opernball, dem ersten der Dreierkoalition aus ÖVP, SPÖ und Neos, geschlossen fernblieb, widerspricht den guten Manieren wie eine schwarze Fliege zum Frack. Vielleicht herrschte ja die Angst, der Ballbesuch wäre in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht schicklich.
Nun weiß man aber, dass der Opernball nicht irgendeine Hupf-Redoute ist, sondern quasi der offizielle Ball der Republik Österreich. Dort als Minister oder Ministerin nicht anzutanzen, ist ein bisschen so, wie den Nationalfeiertag zu schwänzen. Einzig Bundeskanzler Christian Stocker hatte eine akzeptable Erklärung – er nahm an einem Gipfel der EU-Regierungschefs in Brüssel teil.
Der Opernball ist aber nicht nur Staatsball, sondern auch eine riesige Wirtschafts-, Fremdenverkehrs- und Industriemesse in Frack und großer Robe, für einen quirligen Netzwerker wie Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer also genau der richtige Ort zur Entfaltung. Aber auch er fehlte und schickte bloß seine Staatssekretärin Elisabeth Zehetner. Und auch sein früherer Chef, Oberösterreichs Landeshauptmann Thomas Stelzer, stellte sich ein.
Keine Wehrdiensterinnerungsmedaille
Alexander Pröll, 35, erweiterte sein umfangreiches Portefeuille als Staatssekretär für Digitalisierung, Verfassung, öffentlichen Dienst, Koordinierung und Kampf gegen Antisemitismus um die Funktion „oberster ÖVP-Repräsentant“. Eine kleine Benimm-Schulung würde auch ihm nicht schaden. Unrasiert geht man nicht zum Opernball, schon gar nicht als oberster ÖVP-Repräsentant an der Seite des Bundespräsidenten. Wobei: Alexander Van der Bellen taucht seit jeher unrasiert in der Staatsoper auf.
Als Van der Bellen Donnerstagabend als letzter Gast mit Gattin Doris Schmidauer die Oper über die Feststiege betritt, applaudieren die Ballgäste. Passend zu seinem Amt trägt Van der Bellen den eindrucksvollsten Orden, den exklusiv dem Bundespräsidenten zustehenden „Großstern des Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich“. Alexander Pröll trägt keinen Orden, nicht einmal die Wehrdiensterinnerungsmedaille oder das Freischwimmerabzeichen.
Auch wenn es für die Wiener Bourgeoisie so schmerzhaft sein muss wie die Kürzung des Lateinunterrichts: Am Opernball 2026 sind die Sozialdemokraten die besseren Bürgerlichen. Sie wissen, was sich gehört. Für Bürgermeister Michael Ludwig ist der Opernball ein jährlicher Fixtermin wie der 1.Mai.-Aufmarsch – wahrscheinlich sind in der Oper mittlerweile auch mehr Besucher als am Rathausplatz.
Vizekanzler Andreas Babler kann seinen ersten Auftritt am Opernball gegenüber seinen früheren Stamokap-Genossen damit rechtfertigen, nur seinen Job zu tun. Als Kulturminister ist er der Schirmherr der Veranstaltung. Begleitet wird Babler von seinem langjährigen Freund Max Minichmayr und seiner Kabinettschefin Sandra Breiteneder im goldschimmernden Ballkleid. Tempora mutantur, wie die Lateiner sagen, solange es noch welche gibt: Vor fast 20 Jahren besetzte Breiteneder mit anderen Jungsozialisten die eigene Parteizentrale in der Löwelstraße, um gegen den damaligen Kanzler Alfred Gusenbauer und die Einführung von Studiengebühren zu demonstrieren.
Vorbildlich fällt der Auftritt von Peter Hanke aus. Der SPÖ-Verkehrsminister strahlt im tadellosen Frack wie eine frisch lackierte Taurus-Lok, stolziert durch die Foyers mit herausgestreckter Brust und scharf gescheiteltem Haar wie ein andalusischer Marqués, um den Hals ein passender Orden am Bande in den spanischen Nationalfarben rot und gelb, der sich auf Nachfrage des profil-Reporters allerdings als burgenländisches Ehrenzeichen herausstellt.
Der Opernball ist wahrscheinlich die letzte Veranstaltung, auf der man Frauen des öffentlichen Lebens hinsichtlich ihres Äußeren beurteilen darf, vor allem dann, wenn sie mit textilen Accessoires politische Zeichen setzen wollen. Man kannte das von Elizabeth II. Anders als die Queen verbreitet Außenministerin Beate Meinl-Reisinger, Neos, ihre Botschaft weniger subtil. Sie wählte ein EU-blaues Kleid mit gelben EU-Sternen. Die grüne EU-Abgeordnete Lena Schilling – sie erschien vor, aber nicht in der Staatsoper – trägt ein weißes Kleid. Mit einer Debütantin aus dem Jungdamen- und Jungherrenkomitee kann man sie aber nicht verwechseln. Zum einen fehlt Schilling das Krönchen, zum anderen ist ihr Kleid mit großen roten Lettern bedruckt: „Tax the Rich. Save the Climate“. Das eine hängt mit dem anderen zwar nicht zwingend zusammen, aber die Botschaft kommt rüber. Möglich, dass Andreas Babler den Schriftzug auch gern auf seinem Frackhemd hätte.
Zu Vermögensteuern und CO2-Bepreisung hätten die Interessenvertreter der Wirtschaft sicher auch eine Meinung artikulieren können. Die neue Wirtschaftskammerpräsidentin Martha Schultz hat ihr Nichterscheinen schon vorab angekündigt. Dass auch der Wiener Wirtschaftskammerpräsident Walter Ruck der Oper fernbleibt, überrascht nur jene, die die profil-Artikel zu den Jobs für Rucks Familienmitglieder überlesen haben.
Aus Politiker-Sicht muss man sich den Opernball als große Steh- und Drängelparty vorstellen. Nach der Eröffnung wechseln der Bundespräsident und die Minister aus der Mitteloge in ihre seitlich gelegenen Logen, um Huldigungen entgegenzunehmen. Die Logen daneben sind von prominenten Unternehmen wie den Casinos Austria und prominenten Persönlichkeiten wie der Sacher-Gürtler-Familie belegt.
Da es in den Logen eng zugeht, verlagert sich ein Großteil des Geschehens bald in die Gänge und Foyers davor, wo die Bosse aus Politik und Wirtschaft aufeinandertreffen und sich auch Polit- und Wirtschaftsberichterstatter wie der profil-Ballreporter ein bisschen wichtigmachen dürfen. Die Künstler meiden diesen Bereich, nur Jedermann-Darsteller Philipp Hochmair schaut diesmal vorbei, bleibt aber so wenig beachtet wie es wohl auch Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig bliebe, wäre er am Ball erschienen.
Die Logen selbst werden zu diesem Zeitpunkt vor allem als Weindepot genutzt oder als Rückzugsort, wenn es etwas wirklich Wichtiges zu besprechen gibt, aus SPÖ-Sicht etwa den Stunt von Ex-Kanzler Christian Kern, der mit seiner Absage, für den Parteivorsitz zu kandidieren, die Balllaune von Andreas Babler gehoben haben dürfte.
Der ÖVP geht es mit Sebastian Kurz schon seit Langem so, obwohl der frühere ÖVP-Obmann alle Comeback-Gelüste dementiert. Um Aufmerksamkeit muss er sich an diesem Abend dennoch nicht sorgen. Am Opernball hat Kurz im zweiten Rang zwei Logen für 38 Gäste gemietet, darunter seine israelischen Geschäftspartner. Im Laufe des Abends ist zu beobachten, wie sich das gesellschaftliche Geschehen von der Regierungsebene ein halbes Stockwerk nach oben verlagert und mehr oder weniger staatsnahe Spitzenmanager, die unten gerade noch Grünen Veltliner tranken, vor der Kurz-Loge Gin und Tonic genießen. Gegen Ende des Balles schaut auch noch Alexander Pröll vorbei. Der Staatssekretär arbeitete einst als Referent in Kurz‘ Kanzlerkabinett und nahm auch an dessen Gipfeltreffen im Tiroler Seefeld teil.
Man lernt: Auch auf dem Opernball herrscht das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Die wichtigen Leute wollen einen Kanzler sehen. Fehlt der aktuelle, nimmt man den früheren umso lieber, vor allem wenn es sich um Sebastian Kurz handelt. Am nächsten Opernball sollte die ÖVP-Führungsriege wieder antanzen. Alles Walzer gilt auch für Minister.