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Österreich
06/29/2020

profil-Morgenpost: Blümeranzen

Guten Morgen!

von Edith Meinhart

Bei „blümerant“ denkt man sofort an liebliche Wiesen, vielleicht auch an den verschwommenen Blick frisch Verliebter. Der Duden belehrt jedoch eines Besseren. Das Wort leite sich vom französischen bleu mourant ab, was soviel wie sterbendes, verblassendes Blau bedeutet. In der dieswöchigen Titelgeschichte über die Grünen in der Regierung ist dieser Ausdruck vom Abgeordneten Georg Bürstmayr natürlich trefflich gewählt. Zum einen stehen die damit fälschlicherweise assoziierten lieblichen Wiesen einer Öko-Partei gut zu Gesicht, zum anderen passt das sterbende, verblassende Blau hervorragend zur Frage, um die sich in der Zwischenbilanz von Eva Linsinger und Christa Zöchling alles dreht: Ist die politische Handschrift der Grünen deutlich genug oder schlägt doch noch zu viel vom alten Türkis-Blau durch?

Blümerant, im Sinne von „flau im Magen“ oder „elend zumute“ könnte einem auch werden, wenn man den Roman „Der Dschungel“ von Upton Sinclair liest. Er beschreibt, wie es im ausgehenden 19. Jahrhundert in den Schlachthöfen von Chicago zuging. Ganz so infernalisch sind die Zustände heute nicht mehr, aber manches ist erschreckend aktuell. Von den Problemen prekärer Arbeit, die in der Pandemie nun sichtbar werden, können Sie im neuen profil auch lesen. Sehr empfehlen möchte ich Ihnen darüber hinaus das Interview mit „John M.“, dem afroamerikanischen Polizisten aus dem US-Bundesstaat Georgia, der zwar nicht wirklich so heißt, aber unter dem Schutz der Anonymität ziemlich spannende Einblicke gibt. Leider sind auch sie kein Mittel gegen die Blümeranz. Aber vielleicht sind Sie ja gerade frisch verliebt oder haben eine liebliche Wiese vor Augen.

Ich wünsche Ihnen jedenfalls eine angenehme Woche!

Edith Meinhart

 

Edith Meinhart