Sexuelle Übergriffe im Taxi: „Ich habe für Belästigung bezahlt.“
An einem Samstag, kurz vor 5 Uhr morgens, steht Marion F.* an einer Kreuzung in Wien. Sie kommt von einer WG-Party und ist auf dem Heimweg. Ein Taxi hält. Der Fahrer hupt, Marion steigt ein. „Setz dich nach vorne“, sagt er. Während der Fahrt beginnt der Mann auf sie einzureden: „Hast du einen Freund?” „Du siehst sehr hübsch aus.”
* Name von der Redaktion geändert
Kurz vor ihrer Wohnung hält der Fahrer bei einem Bankomaten. Kartenzahlung gehe nicht, sagt er. Marion steigt aus und geht zum Automaten. Noch bevor sie Geld abheben kann, steht der Mann plötzlich direkt hinter ihr. Er kommt näher und versucht, sie zu küssen. „Alles ging wahnsinnig schnell“, erzählt Marion profil zwei Wochen später. Sie sei wütend. „Ich habe auch noch dafür bezahlt, belästigt zu werden.“
Marion F. ist kein Einzelfall. Frauen berichten immer wieder von übergriffigen Gesprächen, sexualisierten Kommentaren und unerwünschten Berührungen bei Taxifahrten. F. hat das Verhalten des Fahrers nicht angezeigt – wie viele andere Betroffene auch.
Ohne Daten kein Problem
Selbst wenn es zu einer Anzeige kommt, bleibt das Ausmaß solcher Übergriffe im Dunkeln. In der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) werden sexuelle Delikte im Zusammenhang mit Taxifahrten nicht gesondert erfasst, heißt es auf profil-Anfrage vom Innenministerium. Entsprechende Vorfälle werden unter der Sammelkategorie „öffentliche Verkehrsmittel und Haltestellen“ geführt. Eine spezifische Auswertung sei nicht möglich. Mit anderen Worten: Es gibt keine belastbaren Zahlen.
Gleichzeitig verweist die Polizei auf Präventionsprogramme zur „Sicherheit im öffentlichen Raum“. Dazu gehören Workshops zu selbstsicherem Auftreten sowie sogenannte „Angstraumbegehungen“. Dabei besuchen Teilnehmer:innen Orte, die als potenziell angstauslösend gelten – etwa Tiefgaragen, Unterführungen oder Wohnhausanlagen. Anschließend werden die Eindrücke gemeinsam besprochen und mögliche Lösungen erarbeitet.
Laut der Website zum Präventionsprogramm könne bereits dieser Austausch das Unsicherheitsgefühl vieler Menschen verringern. Damit richtet sich die Verantwortung in erster Linie an mögliche Opfer – weniger an jene, die Übergriffe begehen.
In der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) werden sexuelle Delikte im Zusammenhang mit Taxifahrten nicht gesondert erfasst, heißt es auf profil-Anfrage vom Innenministerium.
Viele Betroffene
Inwieweit selbstsicheres Auftreten in solchen Situationen tatsächlich hilft, ist fraglich. Für Julia Vogel jedenfalls machte es kaum einen Unterschied. Die Wiener Content Creatorin steigt nach einem Clubbesuch im vergangenen Monat allein in ein Uber. Der Fahrer erzählt von seiner Scheidung und seinen Schulden. Bald richtet er das Gespräch auf sie. Er stellt persönliche, zunehmend übergriffige Fragen: Ob sie einen Freund habe, ob sie allein lebe. Schließlich fragt er, ob sie als junge Frau „nicht auch ein großes Bedürfnis nach Sex“ habe.
Vogel versucht, die Situation unter Kontrolle zu halten. Sie lächelt und versucht zu deeskalieren. Kurz vor ihrer Wohnung stellt der Fahrer eine weitere Frage: Ob er mit hinaufkommen könne und sie ihm einen Kaffee mache. „Ein anderes Mal vielleicht“, antwortet sie, um der Situation möglichst konfliktlos zu entfliehen. Als sie aussteigt, wartet sie, bis das Auto außer Sicht ist – erst dann geht sie zur Haustür.
Nach einem Posting auf Instagram über den Vorfall erhält Vogel über hundert Nachrichten. Viele ihrer Follower berichten von ähnlichen Erfahrungen, einige hätten Vorfälle bei den Taxidienstleistern gemeldet. „Entweder kam gar keine Reaktion oder es hieß, man könne aufgrund mangelnder Beweislage nichts machen“, sagt Vogel gegenüber profil.
Sicherheitsnetz
Der Taximarkt ist zweigeteilt. Neben klassischen Taxizentralen, bei denen Fahrten telefonisch oder direkt auf der Straße organisiert werden, gewinnen Plattformanbieter wie Uber oder Bolt zunehmend an Popularität. Sie vermitteln Fahrten über Apps, speichern Daten digital und werben mit verschiedenen Sicherheitsfunktionen. profil hat bei Funktaxi 40100, Uber und Bolt nachgefragt, wie die Unternehmen mit übergriffigem Verhalten von Fahrern umgehen.
Der Fahrdienstvermittler Bolt verweist gegenüber profil darauf, dass Fahrer:innen in Österreich strengen gesetzlichen Voraussetzungen unterliegen, etwa einer speziellen Lenkerprüfung und regelmäßigen Überprüfungen der Zuverlässigkeit. Zusätzlich setzt die Plattform auf digitale Sicherheitsfunktionen in der App – etwa Standortfreigaben oder auf eine Notfall-Assistenz: Hiermit lässt sich schnell und diskret ein Notfallteam alarmieren. Gleichzeitig wird das Bolt-Sicherheitsteam benachrichtigt, das umgehend einen Kontrollanruf einleitet, um die Situation zu klären. Die Anzahl von Sicherheitsvorfälle seien gering, dennoch investiere man laufend in weitere Schutzmechanismen.
Auch die Wiener Taxizentrale Funktaxi 40100 betont, Belästigung werde mit „null Toleranz“ behandelt. Laut dem Unternehmen gebe es im Schnitt ein bis zwei Beschwerden pro Jahr wegen sexualisierter Kommentare, Belästigung oder Übergriffe durch Lenker.
Betroffene können Fahrer über Kennzeichen oder über gebuchte Fahrten identifizieren. Das Unternehmen empfiehlt daher, Fahrten möglichst über App oder andere Kommunikationsdienste zu bestellen. Bei Beschwerden drohen Gespräche, Verwarnungen oder der Ausschluss von der Funkvermittlung. Da die Lenker nicht bei Funktaxi 40100 angestellt sind, könne das Unternehmen sie nicht kündigen, aber von der Vermittlung ausschließen.
Eine profil-Anfrage an Uber blieb bis zum Redaktionsschluss unbeantwortet.
Rechtliche Konsequenzen
Nicht jeder Vorfall bleibt bei einer Beschwerde. Vergangenen September, gegen fünf Uhr morgens, steigt eine 28-jährige Frau nach einem Clubbesuch in Wien in ein Taxi. Doch statt zu ihrer Adresse fährt der Lenker mit ihr zu einer Baustelle im 21. Wiener Gemeindebezirk. Dort soll er sie in einem Container vergewaltigt haben.
Die Frau konnte sich später an große Teile der Fahrt nicht erinnern, heißt es in einem Pressestatement der Landespolizeidirektion Wien. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Vergewaltigung und des Missbrauchs einer wehrlosen Person. Es gilt die Unschuldsvermutung. Anrainer gaben laut Polizei an, den Fahrer bei der Baustelle mehrfach mit unterschiedlichen Frauen gesehen zu haben. Die Polizei sucht nach weiteren möglichen Opfern.
Die Wiener Opferschutzanwältin Patricia Hofmann hat mehrere Frauen vertreten, die Übergriffe durch Taxifahrer ebenfalls angezeigt haben. Dabei geht es den Betroffenen oft nicht primär um eine Verurteilung: „Viele sagen, sie wollen vor allem, dass so etwas niemand anderem passiert“, so Hofmann.
Nicht alle Verfahren enden vor Gericht. Manche werden eingestellt – etwa, weil Aussage gegen Aussage steht, oder der Fahrer nicht eindeutig identifiziert werden kann. Wer ein Taxi spontan auf der Straße anhält und unter Schock aussteigt, merkt sich oft weder Kennzeichen noch Namen. „Dann ist es schwierig, den Fahrer im Nachhinein auszuforschen", so die Anwältin.
Lösung mit Potenzial
Um Frauen einen sicheren Heimweg zu ermöglichen, haben sich auch Alternativen herausgebildet – etwa der Fahrdienst FLINTAXI. Hinter dem Projekt steht die Wienerin S. Dhillon. Die Idee entstand aus persönlichen Erfahrungen und Gesprächen. „Manche erzählten, dass Fahrer ihnen auf den Oberschenkel gegriffen haben oder sich während der Fahrt selbst im Schritt massiert haben.“, so Dhillon.
Außerdem berichtet sie aus ihrem beruflichen Umfeld: „Ich arbeite als Lehrerin, und die Mädels, die 14 oder 15 sind, erzählten auch von übergriffigen Fragen über ihre Sexualität: ‚Bist du noch Jungfrau?‘ oder ‚Willst du deine erste Erfahrung mit einem echten Mann haben?‘“
Der Fokus von FLINTAXI liegt auf FLINTA*-Personen – das steht für Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, Trans- und Agender-Personen. Der * verweist auf weitere marginalisierte Geschlechtsidentitäten. Das Angebot richtet sich aber auch an alle anderen Menschen, die sich in herkömmlichen Taxis unwohl fühlen.
Innerhalb eines Jahres haben sich mehrere hundert Personen auf der Website registriert. Um damit die laufenden Kosten zu decken, reicht diese Auftragslage aber noch nicht aus. Dhillon habe bei der Wiener Frauenstadträtin Kathrin Gaál um politische Unterstützung angesucht. Eine Antwort habe sie bisher nicht bekommen. Trotzdem bleibt sie optimistisch: „Wenn Fahrgäste bei mir einsteigen, merke ich oft ihre Erleichterung. Viele wünschen sich einfach, sicher nach Hause zu kommen.“