„Viele fremde Gesichter“
In der Realität zeigt sich ein anderes Bild: Zwar hieß es laut Hacker, dass das Winterpaket und auch die Versorgung der rund 13.000 obdachlosen Menschen „unantastbar“ bleiben, gleichzeitig bekommen Obdachlose in Notquartieren seit Jahresbeginn kein warmes Mittagessen mehr. Laut FSW handle es sich dabei aber gar nicht um eine Sparmaßnahme. Die Essensausgabe in den Notquartieren war während der Coronapandemie eingeführt worden, um die Ansteckungsgefahr zu verringern: Die Obdachlosen sollten nicht so oft den Ort wechseln müssen, um eine warme Mahlzeit zu bekommen. Die Rückkehr zum Zustand vor der Pandemie sei ohnehin geplant gewesen. Dass dieser Schritt nun gerade mit den laufenden Sparmaßnahmen zusammenfällt, bezeichnet das FSW als „unglücklichen Zeitpunkt“.
Gleichzeitig seien die Sparmaßnahmen aber auch eine Reaktion auf Empfehlungen des Stadtrechnungshofs, der in einem Bericht aus dem Jahr 2024 auf kostendämpfende Maßnahmen im Bereich des Winterpakets hingewiesen hatte. Für die Betroffenen heißt das: Wer auf eine warme Mahlzeit angewiesen ist, muss weiterziehen oder sich einen Platz in den überfüllten Wärmestuben suchen. Konkrete Angaben zum Einsparungsvolumen durch die eingesparten Mittagessen in den Notquartieren kann das FSW nicht machen.
Kurz vor 13 Uhr bildet sich eine Schlange vor der Theke in der Obdach Sautergasse. Selma spürt, dass sich etwas verändert hat. „Viele fremde Gesichter sind hier“, sagt sie, während sie an einem der braunen Holztische sitzt, die dampfende Gemüsesuppe vor sich. „Es ist gefährlicher geworden.“ Sie denkt an die Schlägereien der vergangenen Woche. Seit die 13 Notquartiere kein warmes Mittagessen mehr ausgeben, kommen nun auch jene, die sonst im Quartier gegessen haben, in die Wärmestuben.
Veränderung spüren auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sabine Danzinger leitet seit der ersten Stunde die Wärmestube Sautergasse. „Wir haben große Räume. Das ist gut, denn so können wir auch eine räumliche Trennung ermöglichen, wenn Konflikte entstehen“, sagt sie. „Seit den Sparmaßnahmen kommen mehr Menschen in die Wärmestube, und unter ihnen gibt es auch Gruppen, die sich nicht verstehen.“ An diesem Mittwochnachmittag reicht ein Augenblick, um die Routine zu unterbrechen. Die Musik, die oft aus einer kleinen Bluetoothbox spielt, wird dann auch mal abgedreht. So soll verhindert werden, dass die Lautstärke neue Unruhe in den Raum trägt.
Ein Drittel aus Osteuropa
Vor dem Eingang zum Speisesaal stapeln sich zusätzliche Tische und Stühle. An Tagen wie diesen, wenn es draußen bitterkalt ist, rechnet das Team mit noch mehr Menschen. Laut der Bilanz zum Winterpaket 2022/23 wurden in den Wärmestuben rund 40.000 warme Mittagessen ausgegeben. Für diesen Winter rechnet man vor Ort mit einem Zuwachs.
60 Prozent der Obdachlosen in der Wärmestube kommen aus dem osteuropäischen Raum, sagt Danzinger. Viele von ihnen kennt sie seit Jahren. Hauptsächlich sind es Männer mittleren Alters, die aus Ungarn über die Grenze nach Österreich kommen und in Wien einen Zufluchtsort finden, um den Winter zu überdauern. In Ungarn ist Obdachlosigkeit seit der Verfassungsänderung 2018 verboten. Wer dauerhaft im öffentlichen Raum schläft oder campiert, riskiert Strafen oder gar eine Verhaftung.
An diesem Mittwochnachmittag ist die Auslastung besonders hoch, was neben den Sparmaßnahmen auch am aktuellen Kälteeinbruch liegt. An solchen Tagen sind Danzinger und ihr Team stark gefordert. Insgesamt arbeiten elf Personen in der Wärmestube, die meisten in Teilzeit. Ob das neue Nebenbeschäftigungsverbot die Personalressourcen in der Einrichtung reduziert, beobachtet die Sozialarbeiterin derzeit noch.
Es ist kurz vor 14 Uhr, auf der Theke liegen Nussschnecken, Pistaziencroissants, Topfengolatschen – eine kleine Überraschung zum Nachmittag. Eigentlich hätte heute als Nachspeise ein Früchtekompott auf dem Menüplan gestanden, doch an diesem Tag war die Tafel in der Einrichtung. Die Tafel Österreich beliefert die Wärmestube zweimal pro Woche mit geretteten Lebensmitteln und Spenden. Doch auch dort spürt man den Druck: Private Spenden gehen zurück, Supermärkte und Handel kalkulieren knapper. Deshalb arbeitet die Tafel inzwischen verstärkt mit Bauern aus dem Wiener Umland zusammen, die überschüssiges Gemüse abgeben. Obst bleibt oft Mangelware. Ein Blick in Danzingers Vorratskammer reicht, um zu verstehen, wie fragil die Versorgung ist. Zwischen Tomatenmark, Nudeln, Zucker und Marmelade klaffen Lücken. Auf einem Regalbrett stehen ein paar Packungen Schoko-Schnitten, eine Spende der Tafel. Viel ist das nicht. Hätte es die Plunderstücke nicht gegeben, wären zum Kompott die Schnitten ausgegeben worden. „Improvisation gehört zum Alltag“, sagt Danzinger. Auch Fleisch ist seltener geworden, maximal zweimal pro Woche steht es auf dem Speiseplan. Auf die Frage, ob sie in diesem Winter schon jemanden wegschicken musste, dem sie nichts anbieten konnte? „Bis jetzt musste noch niemand weggeschickt werden, und wir konnten vor Ort immer gemeinsam eine Lösung finden“, sagt Danzinger.
Draußen liegt die Kälte über der Stadt. Drinnen werden die letzten Plunderstücke verteilt. Dann noch eine kleine Überraschung: Weihnachtskekse von einem Großspender. Für einen Moment hellt sich die Stimmung auf. Auch Selma lächelt. Sie wird bleiben, bis die Wärmestube schließt. Und morgen wird sie wiederkommen, weil sie muss. Wie viele andere auch.