Egisto Ott bei der Fortsetzung des Prozesses wegen des Verdachts der Russland-Spionage. Ott bestreitet sämtliche Vorwürfe.
Wählen Sie profil als bevorzugte Google-Quelle

Ott-Prozess: Das Marsalek-Puzzle und Geldbündel im Fastfood-Sackerl

Das Verfahren wegen des Verdachts der Russland-Spionage gegen den Ex-BVT-Beamten Egisto Ott steuert dem Ende zu. Nun sollen Chats darüber Aufschluss geben, ob wirklich der mutmaßliche Kreml-Agent Jan Marsalek seine Finger im Spiel hatte.

Drucken

Schriftgröße

Hören Sie sich diesen Artikel an

„Jackie Chan“ chattet mit „Van Damme“. „CN“ mit „Rupert Ticz“. Und irgendwo tauchen dann auch noch „Wireless 009“, „Schlomo Rabenstein“ und „Charlies Aunt“ auf. Eines wurde im Gerichtsprozess gegen den früheren BVT-Beamten Egisto Ott am Montag mehr als deutlich: Klarnamenpflicht gibt es in verschlüsselten Kommunikationsapps wie „Telegram“ keine. Und die echten Namen hinter den Alias-Bezeichnungen herauszufinden, gleicht ermittlungstechnisch einem Puzzle-Spiel.

Für die Staatsanwaltschaft Wien liegt auf der Hand, dass es sich bei „Rupert Ticz“ in Wahrheit um den flüchtigen Ex-Wirecard-Vorstand und mutmaßlichen Kreml-Spion Jan Marsalek handelt. „CN“ wiederum wäre demnach ein gewisser Orlin Roussev, der Chef eines von London aus – im Auftrag Marsaleks agierenden – bulgarischen Agentenrings. Roussev soll den Ermittlern zufolge auch noch unter dem Namen „Jackie Chan“ gechattet haben; und der eingangs erwähnte „Van Damme“ soll ein gewisser Biser D. gewesen sein, ein Mitglied in Roussevs Bande. 

Urteil möglicherweise am 20. Mai

Doch nur, weil die Anklagebehörde das ihrer Verdachtslage nach so sieht, heißt das nicht, dass auch das Geschworenengericht diese Ansicht teilt. Und ausschließlich dieses hat am Ende des Tages darüber zu befinden. Der Ott-Prozess steuert aufs Finale zu: Nächster Verhandlungstag ist der 18. Mai. Kommt es zu keinen Überraschungen, könnte bereits am 20. Mai ein Urteil fallen. 

Jetzt, in der Schlussphase des Verfahrens, geht es noch einmal ganz intensiv um die Frage, ob tatsächlich Marsalek hinter den von britischen Behörden sichergestellten Chat-Nachrichten mit Roussev steckt. Und ob sich vielleicht noch weitere relevante Erkenntnisse aus britischen Ermittlungsergebnissen ableiten lassen. Mehrere Mitglieder der Londoner Bulgaren-Truppe wurden bekanntlich zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Die Handys und der Laptop

Egisto Ott hat sämtliche Vorwürfe immer bestritten, es gilt in vollem Umfang die Unschuldsvermutung. Der Kernverdacht im Prozess ist bekanntlich jener der Russland-Spionage. Warum die echten Identitäten hinter einigen der erwähnten Chat-Namen diesbezüglich entscheidend sein könnten? Weil die Staatsanwaltschaft so eine potenzielle, mehrstufige Indizienkette von Ott zu Marsalek – und damit zum russischen Nachrichtendienst FSB – darstellen will. 

Das gilt insbesondere in Bezug auf zwei Teilvorwürfe aus der Anklageschrift: die mutmaßliche Weitergabe dreier – zuvor abgezweigter – Diensthandys hochrangiger Mitarbeiter des Innenministeriums an einen Boten Marsaleks; und die mögliche Übergabe eines mit einer speziellen Verschlüsselungstechnologie ausgestatteten Laptops, wie er mitunter auch von westlichen Sicherheitsbehörden verwendet wird.

Adresse von Otts Tochter im Fokus

Gemäß Verdacht sollen sich die mutmaßlichen Übergaben an der Wiener Adresse der Tochter von Egisto Ott abgespielt haben. Ott soll zu der Wohnung einen Schlüssel gehabt haben. Die Adresse wird einerseits in damaligen Chats zwischen „Rupert Ticz“ (mutmaßlich: Marsalek) und „CN“ (gemäß Verdachtslage: Roussev) erwähnt, die auf dem Mobiltelefon Roussevs sichergestellt wurden. Andererseits taucht sie aber auch in einem am Montag vor Gericht präsentierten Chatverkehr zwischen „Jackie Chan“ (den Ermittlern zufolge ebenfalls Roussev) und „Van Damme“ (mutmaßlich Biser D., jenes Mitglied der Londoner Bande, welches dann die Abholung in Wien durchgeführt haben soll) auf.  

Vor Gericht wurden zahlreiche Chat-Nachrichten verlesen, welche aus Sicht der Staatsanwaltschaft untermauern sollen, dass Jan Marsalek tatsächlich seine Finger im Spiel hatte. Was seine mögliche Alias-Identität „Rupert Ticz“ betrifft, berichtete profil bereits vorab über eine Zusammenstellung von Handychats, welche kürzlich im Rechtshilfeweg von Großbritannien nach Österreich übermittelt wurde.

„Echt sympathisch. Italiener“

Erörtert wurden am Montag jedoch auch Nachrichten, die laut Verdachtslage zwischen Roussev („Jackie Chan“) und seinem Bandenmitglied Biser D. („Van Damme“) ausgetauscht worden sein sollen. Demnach schrieb „Van Damme“, nachdem er einmal bei der Wohnung von Otts Tochter gewesen sein soll, ins Deutsche übersetzt: „Der ist echt sympathisch. Italiener.“ Warum das relevant sein könnte? Ott ist italienischer Abstammung. 

Gemäß Anklage soll in der Wohnung auch einmal ein hoher Bargeldbetrag übergeben worden sein. Diesbezüglich wurde am Montag vor Gericht ein Foto präsentiert, das aus dem Handy von Biser D. stammen soll: Darauf ist augenscheinlich eine Papier-Tragetasche eines Fastfood-Restaurants mit mehreren Bündeln Geldscheinen darin zu sehen – auf einem Autositz und laut Standortdaten rund 70 Meter von der Adresse von Otts Tochter entfernt. Die Ermittler haben den Autositz, auf dem sich die Papiertasche befand, näher unter die Lupe genommen. Demnach passt der Sitz zu einem Auto-Modell, das ein weiteres Mitglied der Londoner Bulgaren-Truppe zuvor angemietet hatte. 

Ott hat die Vorwürfe immer bestritten. Man wisse nicht, wer die Chats geschrieben habe, meinte seine Anwältin Anna Mair beim Prozessstart im Jänner. Es wird sich zeigen, wie die Geschworenen am Ende des Tages das alles einordnen.

Ott: Personaldaten nicht geheim

Am Rande der Verhandlung am Montag wies Ott – vergangene Woche vom „Falter“ berichtete – Vorwürfe zurück, er habe geheime Personaldaten von Bediensteten des Innenministeriums weitergegeben. Der frühere BVT-Beamte brachte ein Exemplar eines Personalverzeichnisses mit ins Gericht und ließ sich bereitwillig damit auf der Anklagebank fotografieren. „Das waren keine geheimen Daten“, meinte er zur Austria Presseagentur. „Das haben’s um 2,50 Euro kaufen können.“

Stefan Melichar

Stefan Melichar

ist Chefreporter bei profil. Der Investigativ- und Wirtschaftsjournalist ist Mitglied beim International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ). 2022 wurde er mit dem Prälat-Leopold-Ungar-Journalist*innenpreis ausgezeichnet.