Wie ein Geburtstag den Spion Jan Marsalek enttarnt
Im Prozess gegen Ott geht es weit mehr als nur um den Verdacht, dass der BVT-Beamte geheime Daten gesammelt und nach Moskau verkauft haben könnte. Ott bestreitet sämtliche Vorwürfe. Im Hintergrund soll der frühere Wirecard-Vorstand Jan Marsalek ein ganzes Netzwerk aus russischen Spionen in Europa dirigiert haben. profil berichtete ausführlich über Marsaleks Mordkomplotte gegen Journalisten, der Bespitzelung von profil-Chefredakteurin Anna Thalhammer, wie drei Diensthandys aus dem Innenministerium nach Moskau beschafft wurden und wie russische Kriegspropaganda hinter vermeintlichen pro-ukrainischen Stickern versteckt wurde.
Beweise für all das und noch viel mehr wollen britische Behörden in Chats zwischen dem in London verurteilten russischen Spion Orlin Roussev und einem gewissen „Rupert Ticz“ gefunden haben. Die österreichischen Ermittler gehen davon aus, dass es sich bei Ticz um Marsalek handelt. Nur: Egisto Ott bezweifelt, dass die zehntausenden in London sichergestellten Chats tatsächlich von Marsalek geschrieben wurden. „Für mich ist da gar nichts klar“, sagte Otts Anwältin Anna Mair schon in ihrem Eingangsstatement vor Gericht: „Wir wissen nicht, wer das geschrieben hat.“
Auf der Jagd nach sich selbst
Was deutet also darauf hin, dass sich Marsalek hinter dem Tarnnamen „Rupert Ticz“ versteckt? Die Staatsanwaltschaft Wien fragte am 26. Februar dieses Jahres bei den britischen Behörden nach. Und die haben nun geantwortet: Auf 18 Seiten sind Nachrichten von Ticz gesammelt, die auf seine wahre Identität hinweisen. Sie zeigen, wie der russische Spion Jan Marsalek die Öffentlichkeit bewusst täuscht, sich einfache Eselsbrücken als Gedächtnisstützen baut und zu seinem Geburtstag in Feierlaune ist.
Jan Marsalek ist einer der meistgesuchten Menschen Europas – und wollte das offenbar gerne ändern. „Ich arbeite daran, mich von der verdammten Interpol Wanted-Liste zu entfernen“, schrieb „Rupert Ticz“ am 27. September 2020 an Roussev, danach folgte – wie so oft in seinen Nachrichten – ein tränen-lachendes Emoji und eine Finte: „Ich habe überlegt, eine Website einzurichten, die nach Jan Marsalek jagt und alle öffentlichen Informationen über diesen bösen Hurensohn sammelt. Ich habe sogar überlegt, ein Kopfgeld für denjenigen auszuschreiben, der relevante Informationen zum Aufenthaltsort dieses Typen liefert“.
Warum sollte Marsalek nach sich selbst jagen? Ein Monat später, am 26. Oktober 2020, gab „Ticz“ Antworten: „Ich überlege, eine Stiftung einzurichten, die nach mir jagt. Vielleicht können wir sogar ein bisschen Geld sammeln.“ Dass er dabei Informationen erhalten würde, sei ein „Schlüsselstück“, so „Ticz“: „Und es kann auch verwendet werden, um falsche Informationen zu verbreiten.“ Anfang November 2020 versuchte „Ticz“ offenbar, einen falschen Vereinsgründer für diese Plattform zu erfinden: „Was wird unsere Geschichte, warum er den Verein gründet?“, fragte „Ticz“: „Hasst er mich einfach? Oder hat er Geld als Wirecard-Investor verloren?“
Marsalek wollte also unter falschem Namen eine falsche Stiftung ins Leben rufen, die nach ihm sucht – um zu erfahren, was seine Verfolger über ihn wissen und sie gleichzeitig auf falsche Fährten zu führen.
Falsche Identität, echter Geburtstag
Zweiteres dürfte ihm immer wieder gelungen sein. Ende Oktober 2020 machte sich „Ticz“ auch über die mediale Berichterstattung zu Jan Marsalek lustig: „Offenbar war ich ein österreichischer Geheimagent, der Deutschland im Auftrag des österreichischen Geheimdienstes infiltriert hat.“ Im Mai 2021 schreibt er: „Offenbar bin ich ein russischer Super-Spion, der die österreichischen Dienste unterwandert und den französischen Präsidenten korrumpiert hat.“
Doch so erhaben sich Marsalek in den Nachrichten präsentierte, so unvorsichtig war er in seinem Chat mit Roussev auch: Den klarsten Hinweis lieferte „Ticz“ ausgerechnet zum Geburtstag von Jan Marsalek. Marsalek wurde am 15. März 1980 in Wien geboren. Am 16. März 2021 schrieb „Ticz“: „Ich war gestern mit meiner Geburtstagsparty abgelenkt.“
Nun feiert man manchmal ein paar Tage vor, manchmal ein paar Tage nach dem eigentlichen Geburtstag. Als gesuchter Agent muss man sich aber vor allem noch mehr Geburtsdaten merken – nämlich zumindest alle der eigenen Tarn-Identitäten. Marsalek hatte dafür offenbar eine beinahe unglaublich einfache Lösung, wie er am 5. April 2022 schrieb: „Geburtstag: 16.04.1981. Das ist mein echtes Geburtsdatum +1“ Gemeint ist wohl: Marsaleks Geburtsdatum, 15.03.1980, +1 Tag, +1 Monat und +1 Jahr.
Es kann so einfach sein.
Im Prozess gegen Egisto Ott obliegt es allein dem Gericht, ob es die Nachrichten zwischen Roussev und Ticz als authentisch einstuft und Marsalek zuordnet. Die Chats sind jedenfalls eine zentrale Argumentation der Staatsanwaltschaft, um die mutmaßliche Spionage für Russland aufzuzeigen. Egisto Ott schafft es aber auch so nicht aus den Schlagzeilen: Vergangene Woche berichtete zuerst der „Falter“, dass die Staatsanwaltschaft nun auch ermittelt, ob über Ott die Daten von 36.368 Bediensteten des Innenministeriums, vorwiegend Polizistinnen und Polizisten, abgeflossen sind.
Ob sich Egisto Ott am Rande seines heutigen Prozesstages zu diesen Vorwürfen äußern wird? Mein Kollege Stefan Melichar ist vor Ort und wird berichten.