Ein Jahr Einwegpfand: Wer gewinnt – und wer draufzahlt
„Pfand sorgt für weniger Müll in der Natur!“ Dieser Slogan prangt unter den zwei putzigen Pfandmonstern auf den Werbeplakaten. Seit einem Jahr wird in Österreich zum großen Sammeln aufgerufen. Wer eine Flasche oder eine Dose mit dem Pfandlogo zurückbringt, wird mit den 25 Cent belohnt, die man zuvor dafür bezahlt hatte. Durch das Land zieht sich ein Graben: Viele begrüßen den Einwegpfand als Umweltschutzmaßnahme, manche empfinden ihn als umständlich oder nervig, und andere machen ein gutes Geschäft.
Die zentrale Betreiberfirma EWP Recycling Pfand Österreich zog am Mittwoch zum ersten Geburtstag des Pfandsystems eine Bilanz. 81,5 Prozent aller Pfandgebinde – Aluminiumdosen und PET-Flaschen – seien 2025 in den Pfandautomaten zurückgekehrt. Damit wurde die angepeilte Sammelquote von 80 Prozent erreicht. Von den zwei Milliarden im Vorjahr in Umlauf gebrachten Getränkeverpackungen wurden 1,4 Milliarden dem Recycling zugeführt. Wer genau nachrechnet, kommt allerdings nur auf etwa 70 Prozent.
Der Unterschied erklärt sich laut EWP-Geschäftsführerin Monika Fiala durch Übergangsfristen: Zwar gilt der Einwegpfand seit Anfang 2025, bis Jahresende durften jedoch auch nicht-bepfandete Altbestände verkauft werden. Zudem verblieben Produkte in den Lagern, für das erste Jahr habe man daher die Sammelquote auf Basis der „durchschnittlichen Verweildauer von 51 Tagen“ berechnet. Das EU-Ziel, bis 2029 rund 90 Prozent aller Plastikverpackungen (Single-Use-Plastic-Verordnung) zu recyceln, hält Fiala dennoch für erreichbar.
Die EWP mit Sitz in der Wiener Schönbrunner Schlossstraße verwaltet damit nicht nur das Pfandsystem, sondern auch jene 25 Cent, die auf jeder Dose und Flasche lasten. Wer eine Verpackung zurückbringt, erhält den Betrag retour. Wer sie verliert, im Hausmüll entsorgt oder einfach nicht zurückbringt, lässt den Pfandbetrag bei der EWP – der sogenannte Pfandschlupf.
Laut EWP wurden rund 20 Prozent der Gebinde, also 400 Millionen Stück, nicht retourniert. Der Gegenwert von rund 100 Millionen Euro Pfandschlupf verbleibt damit in der Schönbrunner Schlossstraße und dient zur teilweisen Finanzierung von Logistik, Recycling, Verwaltung und Systemkosten – profil berichtete. Wie hoch die gesamten Aufwendungen und Erlöse der EWP durch das öffentlich beauftragte Pfandsystem sind, wollte Fiala auf Nachfrage nicht beantworten.
Was feststeht: Eine der größten Kostenpositionen ist die sogenannte Handling Fee: Händler erhalten für jede zurückgenommene Verpackung eine Aufwandsentschädigung von rund vier Cent. Wie hoch diese Gesamtsumme ausfällt, wollte die EWP auf Nachfrage auch nicht beziffern. Fiala verweist darauf, dass die Höhe von vier Cent von externen Gutachtern der BOKU festgelegt werde. Bei 1,4 Milliarden zurückgegebenen Verpackungen ergibt sich jedoch ein Betrag von knapp 56 Millionen Euro, der an den Handel geflossen ist. Zusätzlich gab es rund 80 Millionen Euro an öffentlichen Förderungen, etwa für die 6400 Rücknahmeautomaten, die landesweit aufgestellt wurden. Ob diese Fördermittel bei der Kalkulation der Handling Fee berücksichtigt wurden, wird von fachkundiger Seite allerdings angezweifelt. Auch, weil zum Zeitpunkt der Planung nicht klar war, wie viel Fördermittel fließen werden.
Viel Geld und viel Aufwand – doch aus Sicht der EWP lohnt sich beides. „Getränkeflaschen und -dosen werden nun separat gesammelt, sortenrein erfasst und in einem geschlossenen Materialkreislauf geführt. Dadurch bleibt das Material rein und kann nahezu vollständig recycelt werden“, sagt Fiala. Der Handel wird belohnt, die Umwelt geschont. Auch die Konsumentinnen und Konsumenten befürworten zu 75 Prozent das Pfandsystem, laut EWP-Umfrage. Also alles gut? So ganz überzeugt ist ein Player nicht: die Hersteller.
Weniger Bierdosen
„Wir sehen in allen Getränkekategorien einen spürbaren Rückgang“, sagt Florian Berger vom Verband der Getränkehersteller im Gespräch mit profil, „der Umlern-Prozess für Konsumentinnen und Konsumenten ist groß.“ Hohe Preise im Supermarktregal dämpfen die Kauflaune ohnehin.
Besonders stark spürbar sei das in der Brauwirtschaft: Der Absatz der klassischen „Hüsn“, die Aluminiumdose, sei seit Einführung des Einwegpfands um rund 20 Prozent eingebrochen, so Berger, der auch Geschäftsführer des Brauereiverbands ist. Ein Hoffnungsschimmer für die Branche ist Mehrweg in der 0,3-Liter-Variante. Der Rückgang bei Dosen lasse sich damit allerdings nur teilweise kompensieren.
Berger ortet die Ursachen vor allem in der Kaufpsychologie. Während das Einwegpfand beim Umweltschutz punktet, verlieren Getränkeprodukte an „Convenience“, also an Bequemlichkeit. Nach dem Konsum müsse man sich aktiv um die Rückgabe kümmern – ein Vorgang, den viele erst noch in ihren Alltag integrieren müssen.
Während sich also das Pfandsystem selbst feiert, kämpft die Getränkeindustrie mit einer schwachen Konjunktur und rückläufigen Umsätzen. Durch unterschiedliche nationale Pfandsysteme in Europa werde zudem die Warenfreiheit innerhalb der Union eingeschränkt.
Das Pfand-Paradoxon
Je höher die Rückgabequote, desto geringer der Pfandschlupf – und damit eine zentrale Einnahmequelle der EWP. Finanziert wird das System daher zusätzlich über eine Produzentengebühr: Für jede bepfandete Verpackung zahlen Hersteller ein bis zwei Cent beim „Inverkehrbringen“ ihres Produkts. Getränkeproduzenten wie Red Bull oder Rauch, die in der EWP als Mitglieder vertreten sind, beobachten diese Gebühr genau. Aus eigenem Interesse wollen sie diese Kosten möglichst niedrig halten – auch weil sich diese letztlich im Verkaufspreis niederschlagen.
Für zusätzlichen Unmut sorgt, dass die EWP Verpackungen künftig nach ihrer Recyclingfähigkeit bewerten will. Etiketten oder Klebstoffe, die schwieriger zu trennen sind, können zu einem „Gebührenaufschlag“ führen, „wodurch die Produzenten nachhaltig dazu angeregt werden, ihre Verpackungen besser recycelbar zu gestalten“, begründet die EWP. Für die wirtschaftlich ohnehin unter Druck stehenden Produzenten bedeutet das weiteres Zähneknirschen, nachdem hohe Investitionen in neue Pfandverpackungen und laufende Produzentengebühren in Kauf genommen wurden.
Ein Lichtblick bleibt: Die Hersteller erhalten ein Vorkaufsrecht auf das recycelte Endprodukt von der EWP, dem Recyclat. Nach EU-Recht müssen Verpackungshersteller künftig mindestens 25 Prozent Recyclingmaterial einsetzen. Durch das Pfandsystem kann insbesondere PET-Kunststoff sortenrein und lebensmitteltauglich aufbereitet werden. PET soll wieder zu PET werden, soweit der Werbeslogan.
Allerdings: Ganz ohne den Zusatz von neuem Material kommt auch die modernste, recycelte PET-Flasche nicht aus – ein offenes Geheimnis in der Kunststofftechnik.