Minus 24 Grad Celsius. Temperaturen, die so eisig sind, dass sie trotz warmer Kleidung unter die Haut kriechen und am Körper schmerzen. So kalt war es Anfang Februar in Kyjiw. So kalt könnte es in den Nächten jederzeit wieder werden. Seit Wochen harren der 70-jährige Viktor Pytailo und seine Ehefrau Ludmilla in ihrer Wohnung in der ukrainischen Hauptstadt in der Kälte aus. Die Wintertage sind lang und finster mit bloß zwei nächtlichen Stunden Strom. Russische Drohnen und Raketen zerbombten die kritische Energieinfrastruktur in der Nacht auf den 12. Februar. Schon wieder. Tausende Wohnungen, die mit Fernwärme versorgt werden, haben derzeit keine Heizmöglichkeit.
Bei Ludmilla und Viktor ist die Heizung nach zwei eisigen Tagen Energieausfall nun zum Glück wieder in Betrieb – auch wenn sie nicht besonders heiß wird. Am Gasherd können sie sich immerhin warme Mahlzeiten kochen. Für die Betriebskosten von Gas, Strom und Heizung muss das Paar circa die Hälfte ihrer geringen staatlichen Pension aufwenden. Die gemeinsamen 9000 Hrywnja im Monat, etwa 175 Euro, reichen lange nicht für die alltäglichen Bedürfnisse aus. „Wir kriegen es trotzdem irgendwie hin“, meint Viktor.
Russische Drohnen
Der ukrainische Staat, der die Pensionen zu etwa einem Viertel mitfinanziert, steht an der Kippe zum Bankrott. Die Haushaltsausgaben für die Landesverteidigung stiegen über die vergangenen vier Jahre auf hunderte Milliarden. Sie machen etwa die Hälfte der nationalen Budgetaufwendungen aus. Der Wiederaufbau der Infrastruktur nimmt ob der ständigen Angriffe durch russische Drohnen und Raketen kein Ende. Mehr denn je ist die Bevölkerung auf medizinische Versorgung und staatliche Hilfsgelder angewiesen.
Am 11. Februar, einen Tag vor dem jüngsten Drohnenangriff auf die ukrainische Hauptstadt, einigte sich das Europäische Parlament nach langer Debatte endlich auf ein neues Darlehenspaket für die Ukraine. Über die beiden Jahre 2026 und 2027 sollen 90 Milliarden Euro in Tranchen an den Staat ausgezahlt werden. 60 Milliarden gibt es für die Verteidigung, 30 Milliarden für den übrigen Staatshaushalt – unter anderem für Viktors und Ludmillas bescheidene Pensionen.
Wir haben ein ukrainisches Sprichwort: Bevor der Dicke schlank wird, stirbt der Dünne.
Olga Pindyuk, Ökonomin Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw)
über die Zermürbung durch einen langen Stellungskrieg
Ohne das Geld wäre die Ukraine nicht nur binnen weniger Monate mittellos, sondern vor allem bald vom russischen Aggressor eingenommen. Ein finanzieller Befreiungsschlag ist diese Summe dennoch nicht. Schätzungen des Internationalen Währungsfonds zufolge wären in den kommenden zwei Jahren mindestens 135 Milliarden Euro für eine effektive Verteidigung und einen funktionierenden Staat notwendig.
„Die Ukraine erhielt während des gesamten Kriegs-Zeitraums gerade genug Geld, um eine Niederlage zu vermeiden“, sagt Olga Pindyuk, Ökonomin am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw), „aber nicht genug, um einen entscheidenden und schnellen Sieg zu erringen.“ Pindyuk ist Expertin für die ukrainische Wirtschaft und selbst in der Ukraine geboren. „Die russische Ökonomie und die Bevölkerung sind im Vergleich zur Ukraine viel größer. Wir haben ein ukrainisches Sprichwort: Bevor der Dicke schlank wird, stirbt der Dünne“, sagt sie. Ohne die entscheidenden Mittel werde die Ukraine bloß einen langandauernden Zermürbungskrieg gegen das Schwergewicht Russland verlieren.
Zumindest erlaubt das neue Hilfspaket der Ukraine nun erstmals die Beschaffung von Waffen und Verteidigungsgütern mit EU-Geldern. Zuvor deckte die Union nur die ‚indirekte Verteidigung‘ – das Aufrechterhalten ziviler und staatlicher Strukturen – ab: den Wiederaufbau von Infrastruktur, die Versorgung der Zivilbevölkerung, die Finanzierung von Schulen.
Die Wehrfähigkeit der Ukraine sei jedoch für ganz Europa maßgeblich, so Pindyuk. „In unserer neuen Realität scheint die EU keinen starken Verbündeten mehr in den USA zu haben. Die Union hat nun erkannt, dass sie in kritischen Sicherheitsfragen der strategischen Autonomie Vorrang einräumen muss.“ Schon jetzt melden diverse europäische Staaten regelmäßig feindliche Drohnensichtungen und Hackerangriffe. Im September 2025 allein drangen etwa 20 russische Drohnen in den polnischen Luftraum ein. Mit einem Sieg Russlands und der Verschiebung der europäischen Grenze weiter Richtung Westen wäre diese Gefahr noch unmittelbarer.
Trotz der realen Bedrohung mahlen die europäischen Mühlen wie gewohnt langsam – dem neuen Darlehensbeschluss ging ein fast zweijähriges Ringen voraus. Ende 2025 plante die Kommission noch, eingefrorenes russisches Staatsvermögen für das Hilfspaket zu verwenden. Der belgische Staat, in dem das sanktionierte Vermögen liegt, stellte sich jedoch aus Haftungsbedenken gegen dieses Vorhaben. Für die nun vereinbarten 90 Milliarden Euro hat die Union selbst einen Kredit am Kapitalmarkt aufgenommen. Für die Ukraine ist das Hilfspaket zinsfrei. Der überfallene Staat solle das Geld später aus russischen Reparationszahlungen begleichen. Falls es je dazu kommt.
Nachts keine Laternen
In Kyjiw sind die Temperaturen eine Woche nach dem EU-Beschluss mittlerweile etwas erträglicher. Unter Tags hat es nun vier Grad unter dem Gefrierpunkt. Sogar die Sonne scheint zwischendurch. Das kann jedoch schnell umschwenken.
Trotz Sonnenschein ist es auf den Straßen unter Viktors und Ludmillas Fenstern ruhig. Straßenbahnen und Züge können ohne Elektrizität nicht fahren. Straßenlaternen bleiben auch in der Nacht ausgeschaltet. Es sind kaum Menschen unterwegs, denn der Boden ist an vielen Stellen immer noch gefroren. Vor ein paar Tagen ist Ludmilla auf dem Eis ausgerutscht und hat sich die Hand gebrochen und den Rücken verletzt. Die Röntgenuntersuchung und die ärztliche Beratung mussten das ältere Ehepaar auch von ihrer knappen Pension stemmen. Nun sitzt Ludmilla mit einem Gipsarm zuhause und kann nicht nach draußen gehen.
Die ältere Bevölkerung ist in diesem Krieg eine besonders vulnerable Gruppe. Mehr als ein Drittel aller ukrainischen Binnenvertriebenen sind Pensionisten. Ein Großteil dieser vertriebenen Senioren ist armutsgefährdet und muss in einer fremden Stadt mit geringen finanziellen Mitteln eine Wohnung mieten. In den von den Russen belagerten Gebieten machen Pensionisten etwa zehn Prozent der Bevölkerung aus. Ihre geringe Mobilität erschwert ihnen die Flucht. Die Überlebenschancen dieser Gruppe Menschen ist dadurch deutlich reduziert.
In Ludmillas und Viktors Heimatstadt wird versucht, die flächendeckende Energieversorgung wiederherzustellen.
Viktor und Ludmilla wurden glücklicherweise nicht aus ihrer Heimatstadt Kyjiw vertrieben. Aber auch sie kämpfen täglich mit den Auswirkungen des Angriffskrieges. Ursprünglich hatten die beiden geplant, den Winter in Sicherheit in Wien zu verbringen – bei ihrer Tochter und ihrem Enkelsohn, die schon seit Kriegsbeginn in Österreich sind. Doch Ludmilla kann mit ihrer Verletzung mindestens zwei Monate lang nicht reisen und muss weiter ausharren.
Das Ehepaar Pytailo wird den Alltag in Kyjiw weiterhin mit einem knappen Pensionseinkommen bestreiten. Durch das europäische Darlehen ist es zumindest für einige weitere Monate abgesichert. Auf lange Sicht wird das EU-Hilfspaket jedoch nicht für den ukrainischen Staatshaushalt und die Landesverteidigung ausreichen. Denn ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht, denkt auch Olga Pindyuk. „Ohne Geld kann es zu einer Situation kommen, in der die Regierung vor einer unmöglichen Entscheidung steht: entweder Renten und Krankenhäuser zu finanzieren oder die Armee an der Front zu unterstützen“, sagt sie.
Auf Druck der FPÖ müssen Ukraine-Vertriebene monatlich Kontoauszüge vorlegen. Wer nicht erscheint, fliegt aus der Grundversorgung. Betroffene berichten.