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Gebraucht-Implantate aus Europa? Indien fürchtet Marktüberflutung
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Indiens Ärzte sind besorgt. Mit dem neuen EU-Indien-Freihandelsabkommen öffnet der traditionell protektionistische Staat seinen Markt für eine Reihe europäischer Erzeugnisse. Damit riskiert Indien eine mögliche Flutung des indischen Gesundheitssystems mit medizinischen Gebraucht-Geräten aus der EU. Während der Import von Second-Hand CT-, MRT- oder Mammografie-Geräten in Indien streng geregelt ist, sind ausgerechnet gebrauchte Implantate wie Herzschrittmacher, Gelenke oder Glukose-Monitore weitgehend unkontrolliert. Ein EU-Zertifikat reicht: Ob eine Knieprothese jahrelang am Markt war – oder im Körper – spielt regulatorisch kaum eine Rolle.
Indien importiert etwa 70 bis 90 Prozent der medizinischen Geräte aus dem Ausland. Derzeit etwa ein Viertel davon aus Europa. Das neue Handelsabkommen zwischen der Union und Indien könnte diesen Anteil weiter vergrößern. Für die EU sind medizinische Maschinen- und Geräte-Exporte ein großer Markt, erklärt Komplexitätsforscher Peter Klimek vom österreichischen Lieferketteninstitut. „Das ist der Bereich, wo die EU global gesehen noch tatsächlich ein Stärkefeld hat, gerade bei solchen Spezialgeräten.“ Wie viele davon als Gebrauchtgeräte im Ausland landen, ist unklar. Doch die Gefahr für Indiens Wirtschaft und Gesundheit ist real, sagt Dr. Vinay Aggarwal, Ex-Präsident der Indian Medical Association in den indischen Medien.
Derzeit sind Gerätschaften im medizinischen Bereich, von Skalpell bis Brillenglas, noch mit bis zu 27,5 Prozent hohen Zöllen belegt. Bei der Mehrheit der Produkte sollen diese Handelshemmnisse mit dem Indien-EU-Abkommen fallen. Keine Barrieren mehr für europäische Medizintechnik – ob neu oder „pre-loved“.
Die „Mutter aller Deals“
Neben berechtigten Sorgen sieht die indische Wirtschaft im Deal aber hauptsächlich Vorteile. Immerhin erhält der Staat dadurch für über 90 Prozent seines Europa-Exportwerts unmittelbare Zollfreiheit. Für den Wirtschaftspartner EU ist der Deal besonders profitabel, denn die Handelsbarrieren Indiens sind derzeit unter den höchsten der Welt: 150 Prozent auf Wein, 110 Prozent auf Bier, Autos und Würste, 44 Prozent auf Maschinen und Industrieprodukte. Die Kommission erwartet sich durch Indiens Handelsliberalisierung jährlich rund vier Milliarden Euro Zollersparnis.
Das Medienecho zum Abkommen, das Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen als „Mutter aller Deals“ bezeichnete, fiel dafür vergleichsweise leise aus. Zumindest im Vergleich zu dem umstrittenen Mercosur-Deal mit Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay, der voraussichtlich im März teilweise in Kraft treten soll. Dabei ist die neue Freihandelszone mit Indien in jeder Hinsicht beachtlich: Sie umfasst rund ein Viertel der Weltbevölkerung und deckt Volkswirtschaften ab, die zusammen ein BIP von über 22 Billionen US-Dollar repräsentieren.
Schon vor der feierlichen Abkommens-Einigung durch die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Indiens Premier Narendra Modi am 27. Jänner waren die Wirtschaftsräume eng verwoben. In den vergangenen zehn Jahren verdoppelte sich der bilaterale Handel zwischen den zwei Wirtschaftsmächten. Für Smartphones und IT-Hardware ist Indien nach China der zweitwichtigste Lieferant der Union. Umgekehrt sind die EU-Länder sogar der Handelspartner Nummer eins für den bevölkerungsreichsten Staat der Welt. Der Warenhandel zwischen den Mächten belief sich 2024 auf über 120 Milliarden Euro.
Die neue Freihandelszone zwischen Indien und der EU27.
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Die neue Freihandelszone zwischen Indien und der EU27.
Die Alternative
Vom Deal soll besonders die angeschlagene europäische Industrie profitieren. Das hofft auch Igor Sekardi, Experte für internationale Handelsbeziehungen bei der Industriellenvereinigung (IV). „Aktuell sinken heimische Exporte bedingt durch die Standortschwierigkeiten der Industrie, unter anderem durch hohe Energiekosten und hohe Bürokratielast sowie durch andere Herausforderungen wie die Zölle von Donald Trump“, so Sekardi. „Insbesondere in der aktuellen volatilen geopolitischen und wirtschaftlichen Situation ist es wichtig, den Marktzugang zu verbessern und verlässliche Partnerschaften zu stärken.“ Der Experte begrüßt das Abkommen, denn die wichtigsten Exportwaren, die nach Indien verschifft werden, sind allesamt Industriegüter: Autos, hochwertige Arzneimittel, Maschinen wie Turbinen – und eben auch medizinische Instrumente und Gerätschaften.
Die frisch geschlossene Beziehung ruft daher neue Interessenten aus der Branche auf den Plan. Der Industrielle Karl Ochsner leitet die niederösterreichische Ochsner Wärmepumpen GmbH in fünfter Generation. Seine Heizsysteme verkauft er in zahlreiche Länder in Europa, wie Deutschland oder die Schweiz. Auch nach China liefert Ochsner seine Produkte. Nach Indien nicht. Jedenfalls noch nicht. Das könnte sich demnächst ändern. „Indiens große Investitionen in die Erneuerbaren haben mich bewogen, mir das näher anzuschauen“, so Ochsner.
Der Standort könnte auch als Produktionsstätte, nicht nur als Exportland für das Unternehmen interessant sein, meint er. Und weil man ja in Asien schon vertreten ist, wäre auch der bürokratische Schritt nach Indien nicht mehr so groß. China birgt für das Geschäft außerdem durchaus Herausforderungen, die die Suche nach neuen vergleichbaren Märkten attraktiver machen. „China ist eine Diktatur. Indien ist eine Demokratie“, fasst Ochsner das geradeaus zusammen. Auslandsunternehmen in China sind darauf angewiesen, welche Sektoren die staatlichen Entwicklungsprogramme fördern. Gleichzeitig basieren ihre Geschäftsentscheidungen oft auf wirtschaftlichen Kennzahlen, deren Transparenz und politische Unabhängigkeit umstritten sind.
Unternehmer Karl Ochsner liebäugelt mit dem Wärmepumpen-Geschäft in Indien.
© Clara Peterlik
Unternehmer Karl Ochsner liebäugelt mit dem Wärmepumpen-Geschäft in Indien.
Unternehmer Karl Ochsner liebäugelt mit dem Wärmepumpen-Geschäft in Indien.
Karl Ochsner, Geschäftsführer Ochsner Wärmepumpen Gmbh und Präsident IV Niederösterreich
Darüber hinaus bestehe in China ein hohes Risiko von Produktnachahmungen, so Ochsner. „Wir mussten sogar einmal unsere Marke ändern, weil sie in China kopiert wurde. Plötzlich gab es ein zum Verwechseln ähnliches Produkt samt kopierter Marke, aber deren Wärmepumpen haben nicht funktioniert.“ Seither habe man die Produktion vor Ort aufgegeben und beschränkt sich auf die Zulieferung.
All das macht Indien als Alternative für Firmen wie jene von Ochsner durchaus reizvoll. „Das Interesse österreichischer Unternehmen am indischen Markt steigt stetig. Das liegt am Wachstum, aber beispielsweise auch an den Englischkenntnissen dort“, meint auch Außenhandelsexperte Sekardi. Indien wächst tatsächlich. Nicht nur hat die junge Bevölkerung dort mittlerweile China als einwohnerstärkstes Land der Welt abgelöst. Indiens Wirtschaft ist mit knapp sieben Prozent Wachstum im Jahr 2024 die am stärksten wachsende Volkswirtschaft der G20-Staaten. Nur zum Vergleich: Im selben Zeitraum lag das BIP-Wachstum der EU-27 bei etwa einem Prozent.
Die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Österreich und Indien reichen jetzt schon längst über Handel hinaus und sind durch prominente Namen geprägt. Industrie-Schwergewichte wie AT&S, Andritz oder Fronius sind seit Jahren in Indien aktiv. Vergangenes Jahr übernahm der indische Fahrzeugkonzern Bajaj die Mehrheit der KTM-Mutter Pierer Mobility und damit den in die Insolvenz geschlitterten Motorradhersteller KTM.
Deal or no Deal
Neue Handelsallianzen wie jene mit Indien sind nicht zuletzt dank der Volatilität von US-Präsident Donald Trump gerade en vogue. „Die EU wie auch andere sogenannte mittlere Kräfte – etwa Australien, Kanada oder Südamerika – haben natürlich durch die geopolitische Lage Anreize, untereinander Partnerschaften zu schließen“, sagt Komplexitätsforscher Peter Klimek.
Trumps umwelt- und demokratiefeindliche Politik sowie die Zolldrohungen, die er im Sommer 2025 schließlich wahr werden ließ, vergraulten die politischen und wirtschaftlichen Partner. So auch Unternehmer Karl Ochsner. „Seit Donald Trump den Erneuerbaren die Tür vor der Nase zugehauen hat und aus dem Klimaabkommen ausgestiegen ist, haben wir unsere Pläne für die USA auf Eis gelegt.“ Die Hoffnung für Unternehmen wie Ochsner Wärmepumpen sind nun neue Beziehungen.
Die hat ironischerweise auch Donald Trump selbst zuletzt mit Indien angestrebt. Zunächst erhöhte Trump die Zölle gegen Indien – als Strafe für den Import russischen Öls – auf 50 Prozent. Am 2. Februar verkündete Trump überraschend neue Handelsvereinbarungen mit Indien und eine Zollsenkung auf 18 Prozent – und verkaufte das eigene US-Öl als Russland-Alternative gleich mit. Win-Win. Auch Indiens Premier Modi ist – ähnlich wie Trump – kein unumstrittener Regierungschef. Ihm werden international antimuslimische, nationalistische und autoritäre Tendenzen vorgeworfen.
Im Gegensatz zu den USA scheint er aber an langfristig stabilen Handelsbeziehungen mit Europa interessiert zu sein. Dass dadurch die eine oder andere Gebraucht-Knieprothese nach Indien kommt, fällt für den Staat deshalb wohl nicht zu sehr ins
Gewicht. Und außerdem: „Am Ende muss Indien selbst entsprechende Medizinsicherheits-Regulierungen umsetzen, um so etwas zu verhindern“, meint Komplexitätsforscher Klimek. Um den indischen Gesundheitssektor vor europäischem Medizinramsch zu schützen, wird also entscheidend sein, ob die Marktöffnung von einer wirksamen Regulierung begleitet wird.
Hannah Müller
ist seit September 2025 bei profil.