Rika sucht seit einem Jahr nach Grafikjobs
© Hannah Müller
Rika sucht seit einem Jahr nach Grafikjobs
Jugend und KI: „Ich arbeite gerade daran, mich selbst abzuschaffen“
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Rika kommt gerade von einem Bewerbungsgespräch. Es ist gut gelaufen, doch das muss noch lange nichts heißen. Das weiß die 31-jährige Grafikerin aus Erfahrung. Mit der rasanten Entwicklung von KI-Bildtools sind Kreativ-Jobs am Arbeitsmarkt knapp geworden. Die Konkurrenz ist bei offenen Stellen entsprechend hart. Seit einem Jahr ist die ausgebildete Designerin schon auf Jobsuche. „Nie im Leben hätte ich mir in der Ausbildung gedacht, dass das ein riskanter Job oder Bereich ist“, sagt Rika kopfschüttelnd.
Die künstliche Intelligenz (KI) hat das menschliche Niveau im Kreativbereich und in vielen Verwaltungs- und Recherchetätigkeiten bereits eingeholt – wenn nicht sogar überholt. Damit reduziert die neue Technologie nach und nach den Bedarf an Arbeitskräften. Von diesem Wandel sind vor allem junge Menschen am Beginn ihrer Karriere betroffen.
Klassische Einsteiger-Tätigkeiten (E-Mails verfassen, simple Grafiken zeichnen, PowerPoint-Präsentationen erstellen) werden zunehmend automatisiert. In den USA, wo KI schon stark im Arbeitsalltag etabliert ist, sind die Stellenausschreibungen für Einstiegsjobs seit 2023 um 35 Prozent zurückgegangen. Das zeigt eine aktuelle Studie des US-Forschungsinstituts „revelio labs“. In besonders betroffenen Bereichen wie etwa Buchhaltung, Rechnungswesen oder Finanzanalyse sank die tatsächliche Beschäftigung von Berufseinsteigerinnen laut einer Stanford-Studie um 13 Prozent. Und in Österreich?
Die wirtschaftliche Lage in Österreich erschwert jungen Menschen die Jobsuche noch zusätzlich. Seit Anfang dieses Jahres dürfen Arbeitsuchende darüber hinaus neben dem Bezug des Arbeitslosengeldes nicht mehr geringfügig verdienen. Für Rika fallen damit einmalige, kleinere Grafikaufträge weg. „So kriegst du aber auch schwerer eine Festanstellung“, sagt sie. „Durch solche Aushilfsjobs lernst du Leute kennen, die dich vielleicht brauchen und behalten wollen.“ Während der Arbeitssuche hat Rika deshalb bereits einige Zusatzschulungen absolviert, um sich am Jobmarkt breiter positionieren zu können – auch im Digitalbereich. Die Webdesignkompetenz, die sie im Rahmen einer AMS-Ausbildung erworben hat, war nach kurzer Zeit aber wieder hinfällig. Auch das kann die KI inzwischen kostengünstig für Unternehmen erledigen. Es wirkt, als wäre die intelligente Technologie immer einen Schritt voraus.
Wandel des Wandels
Durch die jüngere Menschheitsgeschichte ziehen sich technologische und gesellschaftliche Umbrüche in immer neuen Wellen der Industrialisierung – von der Dampfmaschine bis zum Computer. Schon im 19. Jahrhundert protestierten Textilarbeiter gegen ihre Abschaffung durch moderne Webmaschinen und zerstörten Fabriken und Apparate. Jedes Mal hat eine industrielle Transformation Widerstand ausgelöst. Jedes Mal hat die neue Technologie auch Arbeitsplätze gekostet. Aber jedes Mal war der Wandel unaufhaltsam. Und er hat jedes Mal auch neue Jobs geschaffen und langfristig zu mehr Wohlstand geführt – wenn auch nicht immer für alle gleichermaßen.
Die KI-Revolution stellt die Gesellschaft jetzt vor eine gänzlich neue Form des Wandels. Selbst ihre Entwicklerinnen verstehen die Technologie noch nicht abschließend. Die künstliche Intelligenz lernt laufend dazu und optimiert sich selbst. Der Fortschritt vollzieht sich damit nicht mehr schrittweise, sondern exponentiell – die Auswirkungen sind kaum vorherzusehen.
Junge Arbeitnehmerinnen zwischen 25 und 44 Jahren sind laut einer Studie des wirtschaftsnahen Forschungsinstituts EcoAustria in ihrer Tätigkeit am stärksten gefährdet, da sie oft noch nicht genug Arbeitserfahrung und Spezialisierung aufweisen, um am Markt gegenüber der KI unentbehrlich zu sein. Während frühere Revolutionen vor allem körperliche Arbeit automatisierten, greift KI grundlegend in kognitive Berufsfelder ein. Also auch in jene White-Collar-Tätigkeiten, für die Menschen jahrelang studiert und sich laufend weitergebildet haben.
Laut EcoAustria sind in Österreich erstmals Beschäftigte ohne Migrationshintergrund von diesen digitalen Umbrüchen stärker betroffen. Die Transformation trifft den intellektuellen und akademischen Bereich. Ein abgeschlossenes Studium der Wirtschafts- oder Rechtswissenschaften galt lange als Jobgarant. Doch der Wind beginnt sich zu drehen – auch in Österreich, wo die Verbreitung der virtuellen Gehirne noch am Anfang steht.
Der Anfang vom Ende
Luzi (Name von der Redaktion geändert) ist Nachwuchsforscherin der Rechtswissenschaften und arbeitet an einer heimischen Universität. Im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit hilft die 26-Jährige unter anderem dabei, ein Rechtslexikon zu vervollständigen. Sie recherchiert die genaue Begriffsherkunft und Definition juristischer Fachtermini und verfasst dazu den jeweiligen Lexikon-Eintrag. Mit ihrer aufwendigen Recherchearbeit sollen rechtswissenschaftliche KI-Tools gefüttert und trainiert werden, die später voraussichtlich einen Großteil der Recherchearbeit junger Juristinnen obsolet machen. „Wenn man es überspitzt darstellen will, arbeite ich gerade daran, mich selbst abzuschaffen“, sagt Luzi. Gänzlich aussterben werde ihr Berufsfeld nicht, denkt sie. Doch der Konkurrenzdruck wird vermutlich steigen. „Vielleicht gibt es bald weniger Nachwuchsstellen in meinem Bereich.“ Bis vor Kurzem war das in der Rechts-Branche noch undenkbar und große Anwaltskanzleien klagten über Fachkräftemangel.
Juristische Einsteigertätigkeiten können bald durch KI übernommen werden.
© Hannah Müller
Juristische Einsteigertätigkeiten können bald durch KI übernommen werden.
„Wenn man es überspitzt darstellen will, arbeite ich gerade daran, mich selbst abzuschaffen.“
Luzi, 26, Nachwuchs-Rechtswissenschaftlerin (Name von der Redaktion geändert)
Die schwindenden Jobchancen verunsichern heute viele, sogar schon im Teenageralter, erzählt die Karriereberaterin Mia Schaller. Ihr Unternehmen CareerFlow hat sie vor zweieinhalb Jahren gegründet, um Jugendliche und junge Erwachsene beim Berufs(wieder-)einstieg zu unterstützen. Aus ihren Beratungsgesprächen weiß sie, dass junge Menschen große Angst vor der KI-Konkurrenz am Arbeitsmarkt haben. „Viele denken, dass es aufgrund der KI bald gar keine Jobs mehr geben wird. Das wird stark auf Social Media - auf Instagram, auf TikTok und so weiter – verbreitet. Aber das stimmt so einfach nicht“, betont die Karriereberaterin.
Dennoch sind KI–sichere Jobs heute ein wichtiger Entscheidungsfaktor in der Berufsorientierung. Deshalb rät Schaller von einigen Jobs mittlerweile dezidiert ab. Dolmetsch beispielsweise wird immer häufiger von intelligenten Sprachtools übernommen, der Markt für Übersetzerinnen schwindet. Die wenigen verbleibenden Stellen sind oft prekär. Sie ermutigt sprachinteressierte Jugendliche deshalb, ihre Fähigkeiten anderweitig einzusetzen - etwa in der Kommunikation oder Vermittlungsarbeit.
Für einige ihrer Kundinnen ist es aber schon eine Herausforderung, überhaupt erste Berufserfahrungen zu sammeln. Praktika und Ausbildungsposten werden gestrichen – nicht nur wegen der KI, sondern auch aufgrund der schwächelnden Konjunktur. „Die Unternehmen investieren nicht mehr in den Nachwuchs“, kommentiert Schaller die Marktsituation. „Einige Betriebe sind überfordert mit jungen Menschen und wollen sich das Ausbilden nicht antun.“ Und letztlich kann ein Chatbot die meisten Routinetätigkeiten heute besser und schneller erledigen als ein unerfahrener Trainee. Viele Unternehmen, die Personalkosten sparen können, sehen sich im Wettbewerbsvorteil.
In manchen Branchen, vor allem im Finanzbereich, verschwinden die unteren Sprossen der Karriereleiter. Einige von Mia Schallers jüngeren Kundinnen bieten sich daher schon unbezahlt für Praktika an, denn ohne jegliche Vorerfahrung ist der Karriereeinstieg kaum möglich.
Diese Einstiegshürden beobachtet auch die Grafikerin Rika im freiberuflichen Kreativbereich. „Diese netten Kreativ–Minijobs schwinden alle: Einladungen, Broschüren oder Logos für kleine Unternehmen. Ich sehe oft herzlose KI-generierte Werbungen oder Bilder und denke mir dann: Wie schade! Das hätte irgendjemand machen können, der das studiert hat oder es einfach gerne macht“, sagt sie. Vor ein paar Jahren habe man kleine Auftragswerke noch in sein Portfolio aufnehmen und bei Bewerbungen vorlegen können. „Man nimmt so vor allem jungen Menschen die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln und sich auszuprobieren“, findet sie.
Jugend, quo vadis?
Doch wie in der Vergangenheit produziert auch diese technologische Revolution nicht nur Verlierer. Banale, aber zeitaufwendige Routine- und Bürokratieaufgaben entfallen und erlauben mehr Zeit für interessante und komplexere Tätigkeiten. „Die Jugendlichen, die Softwareentwicklung machen wollen, müssen wahrscheinlich bald keine Programmiersprachen mehr lernen“, vermutet Schaller. Das sei für viele ein attraktives Jobargument.
Manche Junior-Tätigkeiten werden sich inhaltlich verändern, glaubt auch die Juristin Luzi. „Die Aufgabe wird dann eher darin bestehen, dem älteren Chef die KI zu erklären und sie richtig einzusetzen.“ Denn gerade Jüngere finden sich im Umgang mit neuer Technologie oft schneller zurecht. Das könne man auch zu seinem Vorteil nutzen, meint Schaller.
Anton Schuster verkauft KI-Tools an Unternehmen
© Hannah Müller
Anton Schuster verkauft KI-Tools an Unternehmen
„Europa darf nicht wieder aufgrund von moralischem Denken irgendwo anstehen.“
Anton Schuster, 26, Unternehmer
So wie der 26-jährige Anton Schuster. Er macht den technologischen Wandel zu seinem Geschäftsmodell. Sein siebenköpfiges Unternehmen SLS Strategy berät Banken und Versicherungen – und bietet auch kundenspezifische KI-Tools an. Die KI kontaktiert Kunden mit Angeboten, erstellt Investment-Analysen, sortiert Daten und kreiert unternehmensspezifische Info-Memos. Es sind genau jene Aufgaben, mit denen viele Mitarbeiter ihre Karriere beginnen. Durch die Tools ließen sich etwa 30 bis 40 Prozent der Arbeitszeit einsparen, meint der junge Unternehmer. Ob deshalb Stellen gestrichen werden? „Die einen sagen: Hey, cool, dann kann ich mir einen Junior sparen, oder sogar mehr. Mittelgroße Unternehmen sehen eher die Möglichkeit zu wachsen“, meint Schuster. Unternehmen würden zwar nicht mehr neu einstellen, aber dem bestehenden Personal neue, komplexere Aufgaben erteilen, weil durch die KI neue Kapazitäten frei würden.
Trotz Arbeitsmarktwandel und Herausforderung für Berufseinsteiger dürfe man der Transformation nicht entgegenwirken, findet Schuster. „Stillstand ist nie eine Option. Wir müssen diesen Weg gehen. Europa darf nicht wieder aufgrund von moralischem Denken irgendwo anstehen.“ Politik und Gesellschaft müssten sich überlegen, wie der Herausforderung begegnet werden könne.
„Bald wird es eine selbstverständliche Jobanforderung an Jugendliche sein, KI nutzen zu können“, meint auch Karriereberaterin Schaller.
Doch der Wandel ist weder naturgegeben, noch vollziehe er sich gleichmäßig und gerecht, meint Fridolin Wenny, Digitalisierungsexperte bei der Arbeiterkammer Wien. KI-Automatisierung treffe Frauen fast doppelt so häufig wie Männer. Vor allem Verwaltungsjobs – in Banken, Versicherungen oder im öffentlichen Sektor –, die häufig von höher gebildeten Frauen übernommen werden. „Weil das Jobs sind, die sich relativ gut in Teilzeit durchführen lassen“, erklärt Wenny, „und bei Frauen liegt schließlich immer noch der Großteil der unbezahlten Care-Arbeit.“ Männer in Führungspositionen beeinflussen den Einsatzbereich der Technologie und bevorzugen dabei naturgemäß jene Entscheidungen, die sie selbst weniger hart treffen, so der Experte.
Robo-Tax
Um dem Jobverlust vorzugreifen, fordern jetzt ausgerechnet die Architekten dieser schönen neuen Arbeitswelt, etwa Sam Altman, CEO des ChatGPT-Entwicklers OpenAI, ein bedingungsloses Grundeinkommen und eine „Robotersteuer“ – also Abgaben durch KI–Unternehmen, die die Disruption am Arbeitsmarkt ausgleichen sollen.
Ob es wirklich zur Massenarbeitslosigkeit kommt, ist fraglich. Es werde immer Fachkräfte brauchen, die die KI in den unterschiedlichen Bereichen trainieren und kontrollieren, denkt auch AK-Experte Fridolin Wenny. Ein vorschneller Stellenabbau oder ein Ausbildungsstopp durch Unternehmen sei daher kurzsichtig.
Auch beim Unternehmensberater Deloitte hält man Alarmismus wegen der smarten Softwares nicht für gerechtfertigt. Gerade bei Einsteigerjobs würden wirtschaftliche Entscheidungen wie zurückhaltende Neueinstellungen oder Einsparungen zunehmend mit KI begründet – obwohl viele dieser Tätigkeiten derzeit noch gar nicht eins zu eins automatisierbar sind, erklärt Nicholas Viveros, Technologie-Berater bei Deloitte. Auch KI-euphorischen Unternehmen empfiehlt er daher, nicht immer sofort den Einsatz von entsprechenden Tools. „KI macht Prozesse nicht unbedingt immer leichter, sondern zieht oft auch neue Komplexitätsschleifen hinein“, meint er. Man müsse ganzheitlich denken, Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Ausbildner ins Boot holen, um den Wandel nachhaltig zu vollziehen. „Wir neigen dazu, die kurzfristigen Auswirkungen einer Technologie zu überschätzen und die langfristigen zu unterschätzen“, zitiert er den US-Zukunftsforscher Roy Amara.
Am Ende des Gesprächs mit profil hat Grafikerin Rika ein Schreiben in ihrer Mailbox. Wieder eine Job-Absage. Während auf der einen Seite eine neue Zukunft gebaut wird, verschwindet auf der anderen Seite eine Perspektive.
Hannah Müller
ist seit September 2025 bei profil.