Frühere Hypo-Zentrale in Klagenfurt

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Pandora Papers Russia
04/14/2022

Karibik-Millionen: Wie eine Russin die ehemalige Kärntner Hypo-Zentrale kaufte

Die staatliche Nachlassverwalterin HETA veräußerte die frühere Zentrale der Hypo Alpe-Adria 2018 an eine intransparente Offshore-Struktur. Dahinter soll eine mysteriöse russische Geschäftsfrau mit interessanten Kontakten stehen.

von Stefan Melichar, Michael Nikbakhsh

Mit ihren Kanten und Ecken ist sie, nun ja, gewöhnungsbedürftig. Gerade was den funktionalen Charakter betrifft. Die 1999 eröffnete Zentrale der Kärntner Pleitebank Hypo-Alpe-Adria in Klagenfurt ist ein Winkelwerk von einem Gebäude. Wenig attraktiv an einer stark befahrenen Ausfallstraße in Richtung Südautobahn gelegen, ist sie längst auch ein Symbol für all das geworden, was in der einstigen Kärntner Landesbank über viele Jahre schief gelaufen war. Mit dem wirtschaftlichen Niedergang und dem Fortschreiten des Hypo-Skandals nach der Notverstaatlichung Ende 2009 erinnerte das eigenwillige Bauwerk immer mehr an ein untergehendes Schiff. Ein Mahnmal für Misswirtschaft und Korruption.

Welch ein Glück, dass die staatliche Hypo-Nachlassverwalterin HETA eine Käuferin für die Immobilie finden konnte: Ende November 2018 unterzeichnete eine in Klagenfurt ansässige maximo gmbh den Kaufvertrag über insgesamt 7,7 Millionen Euro. 6,7 Millionen Euro davon entfielen auf das Gebäude mit einer Bruttogeschoßfläche von rund 28.000 Quadratmetern, eine Million Euro auf den Grundstückswert. Eine schöne Summe (wenn auch nur ein Bruchteil der kolportierten Projektkosten von 200 bis 300 Millionen Schilling, zu damaligen Kursen 15 bis 20 Millionen Euro).

Recherchen von profil und ORF im Rahmen der internationalen „Pandora Papers Russia“-Kooperation liefern nun erstmals Hintergründe zum Ursprung des Geldes.

Demnach war es eine Briefkastenfirma in der Karibik, die den Kaufpreis stemmte. Das ergibt sich jedenfalls aus Vertragsunterlagen, welche Kreditvergaben zwischen mehreren involvierten Firmen regeln sollten. Die Struktur wirkt in höchstem Maße undurchsichtig. Angebliche Eigentümerin ist eine weitgehend unbekannte Russin. Ihre Firmen unterhalten offenbar auch Geschäftsbeziehungen zu Offshore-Vehikeln, die sich laut den Pandora Papers-Datensätzen engen Angehörigen des früheren ukrainischen Managers und pro-russischen Politikers Yevhen Bakulin zurechnen lassen. Bakulin – ein gebürtiger Russe – wurde 2018 in der Ukraine wegen mutmaßlicher Wirtschaftsstraftaten zur Fahndung ausgeschrieben.

„Pandora Papers Russia“

Bei den Pandora Papers handelt es sich um riesige Menge geleakter Daten von vierzehn verschiedenen Treuhand- und Anwaltskanzleien, die auf das Gründen und Administrieren von Offshore-Firmen spezialisiert sind. Die Daten wurden dem International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) zugespielt, das eine globale Recherchekooperation ins Leben rief und bis heute leitet. Ergebnisse werden seit Herbst 2021 veröffentlicht. Zuletzt wurde bei der Auswertung ein noch stärkerer Fokus auf Russland-Connections gelegt – die Resultate werden unter dem Titel „Pandora Papers Russia“ präsentiert. In Österreich sind profil und ORF an der Kooperation beteiligt.

Rund um Immobiliengeschäft in Klagenfurt spielen vor allem die geleakten Daten der Kanzlei Alemán Cordero Galindo & Lee (Alcogal) mit Hauptsitz in Panama eine wichtige Rolle. Diese zeigen, dass Alcogal im Auftrag einer Schweizer Vermögensverwaltungsfirma eine Reihe von Briefkastenfirmen administrierte. Eine davon: Dirmel International Limited mit Sitz auf den British Virgin Islands. Daten aus den Pandora Papers zufolge stattete Alcogal die Dirmel Ltd. nicht nur mit Treuhand-Direktoren aus, sondern noch dazu mit einem Treuhand-Gesellschafter. Das führt – kurz gesagt – dazu, dass niemand in einem öffentlichen Firmenbuch sieht, wem die Firma tatsächlich gehört. Blickdichter lässt sich eine company kaum noch aufsetzen.

Kärnten, Schweiz, Karibik

Gegründet wurde die Dirmel Ltd. bereits 2012. Sechs Jahre später wurde dann offenbar die Angelegenheit mit der Hypo-Zentrale in Klagenfurt spruchreif. profil und ORF liegen sowohl ein Kreditvertrag als auch ein Treuhandvertrag vor, die Zahlungsflüsse in Zusammenhang mit dem geplanten Kauf regeln sollten. Die vorliegende Version ist jeweils von den Direktoren der Dirmel unterzeichnet, jedoch – noch – nicht von den Vertragspartnern innerhalb der Firmenstruktur. Unterschriftsdatum war demnach der 28. September 2018.

Zusammengefasst ergibt sich aus den Dokumenten folgende Vorgehensweise: Dirmel Ltd. mit Sitz auf den Britischen Jungferninseln reservierte zunächst bis zu 13 Millionen Euro für den Hauskauf in Klagenfurt. 3,5 Millionen Euro davon sollten auf einem Treuhandkonto in der Schweiz geparkt, 9,5 Millionen Euro als Kredit an eine Schweizer Firma namens Stern Real Properties AG verliehen werden.

Die Stern Real ist die Muttergesellschaft Firma maximo in Klagenfurt. Die Stern Real sollte ihrerseits neun Millionen Euro – wiederum in Form eines Kredits – an die maximo durchreichen, Letztere dann damit die Hypo-Immobilie kaufen. Im vorliegenden Vertragswerk ist davon die Rede, dass die maximo den angestrebten Kauf indirekt für die Stern durchführen werde.

Zweckgesellschaften ohne Track-Record

Im Überblick heißt das: Die österreichische GmbH, die offiziell als Käuferin auftrat, tat das nur auf dem Papier. Eigentlich stand eine Gesellschaft in der Schweiz dahinter. Diese wiederum erhielt das nötige Geld von einer Briefkastenfirma auf den British Virgin Islands. Weder die Stern noch die maximo wiesen einen nachvollziehbaren Track record im Immobiliengeschäft auf: Beide wurden erst Mitte 2018 gegründet – somit relativ knapp vor dem Deal. Warum hat die staatliche HETA die Hypo-Immobilie an eine derart intransparente Firmenkonstruktion verkauft?

Auf Anfrage erklärt eine HETA-Sprecherin, es sei „in der Immobilienbranche aus haftungsrechtlichen, steuerrechtlichen und sonstigen Gründen üblich“, dass der Erwerb durch „neugegründete Zweckgesellschaften“ stattfinde. Laut HETA wurde vor dem Closing der Transaktion „unter Beiziehung von Compliance-Experten einer der ‚Big4‘-Wirtschaftsprüfergesellschaften eine den gesetzlichen Erfordernissen entsprechende Prüfung der Source of Funds beziehungsweise der wirtschaftlichen Eigentümerschaft des Käufers durchgeführt“. Die Nachfrage, welche Dokumente und Erkundigungen konkret eingeholt wurden, blieb bis Redaktionsschluss allerdings unbeantwortet.

Die Pandora Papers-Sammlung enthält ein HETA-Formular zur Feststellung der tatsächlichen wirtschaftlich Berechtigten der Briefkastenfirma Dirmel. Im Formulartext ist festgehalten, dass die HETA gemäß vierter EU-Geldwäscherichtlinie dazu verpflichtet sei, die Eigentümerstruktur zu verstehen und die Identität der wirtschaftlichen Eigentümer zu ermitteln. Dieses „Beneficial Owner Statement“ wurde augenscheinlich am 18. Juli 2018 von den Treuhand-Direktoren der Dirmel unterzeichnet. Es enthält lediglich den Namen „Tatiana Malygina“, ein Geburtsdatum, eine Adresse und die Angabe der Staatsbürgerschaft – russisch.

Ein Wohnblock in einer Kleinstadt

Sucht man nach der angeführten Adresse auf Google Earth, stößt man auf folgenden schmucklosen Wohnblock in der russischen Kleinstadt Kstovo in der Region Nizhniy/Nischni Novgorod:

Dass jemand, der um mehrere Millionen Euro eine Immobilie in Österreich kauft, eine solche Adresse angibt, wirkt zumindest überraschend. Eine Geschäftsführerin der maximo teilte auf Anfrage mit, dass gemäß russischer Gesetzgebung eine einmal registrierte Adresse unbeschränkt beibehalten werden könne. „Wie die meisten Russen“ wohne Malygina nicht an der registrierten Adresse. Dazu kommt allerdings, dass es gar nicht einfach ist, in öffentlichen Quellen weiterführende Informationen über die Russin aufzutreiben. Sie ist zwar als Eigentümerin einer Immobilienfirma in Moskau eingetragen, legt darüber hinaus aber keinen Wert auf Öffentlichkeit gleich welcher Art. Wer ist sie? Und vor allem: Woher hatte sie das Geld für den Kauf der Hypo-Zentrale?

Eines vorneweg: Alle Personen aus dem Firmenkonstrukt Malyginas, die von profil und ORF dazu befragten wurden, betonten, dass Malygina tatsächlich die wirtschaftliche Berechtigte hinter der Immobilie in Klagenfurt sei (zu detaillierten Fragen gab es dann freilich keine Antworten mehr). Auch im österreichischen Register der wirtschaftlichen Eigentümer, das öffentlich einsehbar ist und vom Finanzministerium geführt wird, ist – in Bezug auf die maximo GmbH – Tatiana Malygina eingetragen (die Eintragungen erfolgen allerdings auf Basis der Meldungen der jeweiligen Unternehmen. Dass dort nichts Anderes steht als man auf Journalistenanfrage bekannt gibt, ist daher nicht überraschend).

Als bald nach dem Verkauf der ehemalige Hypo-Zentrale der Name Malygina erstmals medial durchsickerte, wurden keine nennenswerten Details über diese geheimnisvolle Person bekannt. Der „Standard“ schrieb: „Sie kauft und entwickelt gern ‚schwierige‘ Immos.“

Weitere sieben Millionen für Immobilien in Österreich

Auch die Kanzlei Alcogal führte Malygina als wirtschaftliche Berechtigte der Dirmel in ihren Unterlagen. Zur Herkunft der Mittel waren in einer entsprechenden Tabelle allerdings gerade einmal zwei knappe Wörter vermerkt: „personal savings“ – private Ersparnisse. Das ist reichlich unkonkret. Die Dirmel hatte nicht nur bis zu 13 Millionen Euro für den Hypo-Deal auf der hohen Kante. Laut vorliegendem Vertrag gewährte sie 2018 auch einer weiteren BVI-Firma einen unbesicherten Kredit über sieben Millionen Euro. Diese Balyford Investments Ltd. sollte damit ausschließlich Immobilien in Österreich erwerben, wie extra festgehalten wurde. Ob das umgesetzt wurde, und um welche Liegenschaften es sich handelte, geht aus den Unterlagen nicht hervor.

Hier wird es interessant: Als wirtschaftliche Berechtigte der Balyford scheinen in den Pandora Papers zwei russische Staatsbürger auf. Recherchen zufolge handelt es sich bei ihnen um die Kinder von Yevhen Bakulin, einst Chef der staatlichen ukrainischen Gasfirma Naftogaz, dann Abgeordneter für die pro-russische „Partei der Regionen“ im ukrainischen Parlament. Bakulin ist gebürtiger Russe und stammt – Zufall oder nicht – aus Kstovo, jener Stadt, in welcher der Wohnblock mit Malyginas offizieller Adresse steht. Im Frühjahr 2018 wurde Bakulin laut ukrainischen Medienberichten in der Ukraine auf die Fahndungsliste gesetzt, weil er in mutmaßliche Wirtschaftsverbrechen verstrickt gewesen sein soll. Er dürfte zuvor das Land verlassen haben. Die Ukraine ließ in der Folge Konten in der Schweiz einfrieren. In den Pandora Papers findet sich eine entsprechende Anordnung der Schweizer Bundesanwaltschaft an eine betroffene Bank aus dem Juni 2018.

Darin hieß es: „Es besteht der Verdacht, dass O. K. (Anm.: ein weiterer Russe), allenfalls zusammen mit Bakulin Yevgeny, sich durch ungetreue Amtsführung zum Nachteil der ukrainisch staatlichen Gesellschaft Naftogaz resp. deren Tochtergesellschaft Chornomornaftogaz in der Höhe von mind. USD 150 Mio. bereichert hat. Es liegen Hinweise vor, dass Vermögenswerte aus dieser ausländischen Anlasstat auf Schweizer Finanzinstitute transferiert wurden und damit der Tatbestand der Geldwäscherei … erfüllt wurde.“ Im aktuellen Kontext besonders interessant scheint folgender Beisatz: „Im Falle von Bakulin Yevgeny gibt es Anhaltspunkte, dass solche Gelder auf Konten seiner beiden Kinder … transferiert wurden resp. auf Konten von Gesellschaften, an denen die beiden Kinder wirtschaftlich berechtigt sind.“

Alle Betroffenen haben sämtliche Vorwürfe immer bestritten. In der Schweiz wurde – zumindest zum damaligen Zeitpunkt – gegen Bakulin und seine Kinder nicht ermittelt. Aus den im Rahmen der Anordnung beschlagnahmten Kontounterlagen erhofften sich die Behörden Informationen darüber, ob das Strafverfahren auch auf sie auszudehnen wäre – oder nicht.

Die Luxemburg-Connection

Der Kredit der Dirmel an Balyford ist nicht die einzige Verbindung zwischen Malygina und den Bakulin-Kindern. Malygina ist auch in Luxemburg als wirtschaftliche Eigentümerin einer Firma eingetragen. Diese Silky Management S.A. ging Beteiligungen an zwei Immobilienfirmen in Deutschland ein – an einer übernahm die Silky nicht ganz 95 Prozent der Anteile, an der zweiten die alleinige Eigentümerschaft. Gemäß jüngstem verfügbaren Jahresabschluss per Ende 2019, hatte die Luxemburger Mutterfirma ihren deutschen Töchtern bis dahin mehr als 40 Millionen Euro an Krediten zur Verfügung gestellt. Die Anteile an den Beteiligungen selbst standen mit weiteren knapp 36 Million Euro in der Büchern. Umgekehrt erfolgte die Finanzierung der Silky Management per Ende 2019 im Wesentlichen mittels Krediten dreier Offshore-Firmen: der erwähnten Balyford Investments Ltd., einer Burrard Holdings Limited und einer Oranmore Investments S.A. Diese drei Firmen stellten der Silky Management – die offiziell Malygina gehört – insgesamt mehr als 90 Millionen Euro zur Verfügung. In den Pandora Papers finden sich drei Firmen mit genau diesen Namen. Bei allen dreien waren – soweit ersichtlich – zu bestimmten Zeitpunkten die Bakulin-Kinder als wirtschaftliche Eigentümer beziehungsweise Begünstigte vermerkt.

Erwähnt sei, dass keine dieser drei Firmen in der Anordnung der Schweizer Bundesanwaltschaft aus 2018 genannt war. Dennoch: Woher stammt das Geld, das hier in Bausch und Bogen in mitteleuropäische Immobilieninvestments floss? Diesbezügliche Anfragen blieben bis Redaktionsschluss unbeantwortet.