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Villen, Jets, Yachten: Den Oligarchen-Schätzen auf der Spur

Deripaska, Abramovich, Shuvalov: Ein internationales Journalistenkollektiv dokumentiert die milliardenschweren Besitztümer umstrittener russischer Geschäftsleute im Ausland – auch in Österreich.

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Seit 24. Februar 2022 führt Russland Krieg gegen die Ukraine. In den Tagen darauf mussten westliche Staaten ihr Verhältnis zu Moskau neu kalibrieren – manche mehr, manche weniger, Österreich eher mehr. Dabei geht es nicht nur um den Umgang mit der russischen Politik, sondern insbesondere auch um jenen mir russischem Geld. Jahrzehntelang war dieses in Europa und anderswo höchst willkommen. Nun finden sich einige der umworbenen Geschäftsfreunde, Investoren und  Immobilienkäufer von einst urplötzlich auf Sanktionslisten wieder. Nicht nur vor dem toxischen Machtstreben Russlands wurden lange die Augen verschlossen, auch eine besondere wirtschaftliche Eigenart der russisch-europäischen Beziehungen hat man im Westen gerne ignoriert, zur Kenntnis genommen oder gar gefördert: die Verschleierung der Eigentümerschaft von Vermögenswerten durch blickdichte Firmenkonstruktionen, Treuhänder und andere Mechanismen. In Österreich muss nun der Staatsschutz ausrücken, um Besitztümer sanktionierten Personen aufzuspüren. Und plötzlich stellt man fest, dass das gar nicht so einfach ist.

profil beschäftigt sich seit Jahren im Rahmen internationaler Rechercheprojekte mit Oligarchen, deren Vermögenswerten und mit auffälligen Finanzströmen aus dem Osten. Da wäre etwa der Geldwäsche-Fall rund um den ermordeten Wiener Rechtsanwalt Erich Rebasso, die Russland-Connection der mittlerweile von den Aufsichtsbehörden geschlossenen Meinl Bank oder die Kontoverbindung des Offshore-Netzwerks eines früheren russischen Vize-Finanzministers, dessen Frau den britischen Konservativen großzügige Parteispenden zukommen ließ – nur, um einige wenige Beispiele herauszugreifen. Seit Jahren zeigen profil und viele Partnermedien auf der ganzen Welt auf, welche Probleme mit der wirtschaftlichen und finanziellen Intransparenz einhergehen, die nicht zuletzt auch von russischen Eliten weidlich genutzt und vorangetrieben wurde. Nun soll das erworbene Knowhow helfen, Licht ins Dunkel zu bringen.

Die Nawalny-Liste

profil ist Teil einer Recherchekooperation unter Leitung des „Organized Crime and Corruption Reporting Project“ (OCCRP) – einem Netzwerk für Investigativjournalismus mit einem starken Osteuropa-Schwerpunkt. Insgesamt sind 25 Medienhäuser an dem Projekt mit dem Titel „Russian Asset Tracker“ beteiligt, darunter „Le Monde“, „The Guardian“, der NDR und der „Miami Herald“. Ausgangspunkt der Recherche ist eine Liste mit 35 Namen, die die Organisation des – zunächst vergifteten, dann inhaftierten – russischen Oppositionspolitikers und Antikorruptionsaktivist Alexey Nawalny bereits 2021 erstellt und zur Anregung für mögliche Sanktionen veröffentlicht hat. Auf der Liste stehen russische Geschäftsleute und andere Personen, die entweder Präsident Wladimir Putin nahestehen oder von dessen politischen System besonders profitiert haben sollen.

Die Nawalny-Liste sollte sich als nachgerade prophetisch erweisen. Mittlerweile finden sich fast alle der Genannten auf der einen oder anderen Sanktionsliste wieder. Ein guter Ausgangspunkt für eine strukturierte Recherche.

Ziel des Journalistenkollektivs ist es, Vermögenswerte der „Nawalny 35“ im Ausland zu dokumentieren. Dies vor dem Hintergrund, dass Villen, Jets und Yachten oft nicht im eigenen Namen gehalten werden. Trotz der Komplexität ist es bereits im ersten Schritt gelungen eine dreistellige Zahl an Besitztümern auszuleuchten – einige von ihnen in Österreich. Insgesamt wurden bisher bereits mehr als 140 Assets im Wert von mehr als 17 Milliarden US-Dollar aufgespürt beziehungsweise zugeordnet. Schon jetzt ist jedoch abzusehen, dass die Arbeit mit dieser ersten Veröffentlichung noch lange nicht beendet sein wird.

Welcome to Austria

Österreich war in den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten aus mehreren Gründen ein Platz, an dem russisches Geld gerne eine neue Heimat gefunden hat: Stabile politische Verhältnisse, hohe Lebensqualität, Banken ohne Berührungsängste sowie überproportional auf Privatsphäre getrimmte Strukturen in Wirtschaft und Verwaltung dürften dabei keine unwesentliche Rolle gespielt haben. Außerdem reihten sich maßgebliche Proponenten in Politik und Wirtschaft nur allzu gerne in die Riege der Putin-Versteher ein.

Drei Personen von der Nawalny-Liste scheinen derzeit aus österreichischer Sicht besonders interessant: der Oligarch Oleg Deripaska, der Milliardär Roman Abramovich und der frühere russische Politiker Igor Shuvalov. Gegen Abramovich und Shuvalov hat die EU Sanktionen verhängt, gegen Deripaska nicht. Er steht jedoch seit 2018 auf einer US-Sanktionsliste. Alle drei haben gewisse Berührungspunkte zu Österreich. Und bei allen Dreien wurden nahe Angehörige in den vergangenen Jahren zu Eigentümern hochpreisiger Immobilien.

Ein Musterbeispiel an Intransparenz liefert zudem ein Tiroler Nobelhotel, das ursprünglich der russischen Staatsbank VTB gehört hat und dessen nunmehrige Besitzer ganz und gar kein Interesse daran haben, öffentlich bekannt zu werden. Bei der – höchst aufwendigen – Recherche griffen profil und seine Partnermedien in erster Linie auf öffentlich zugängliche Informationen zurück: Grundbücher, Firmenbücher, Verzeichnisse wirtschaftlicher Eigentümer. Neue Erkenntnisse ergeben sich nicht zuletzt daraus, dass die Funde über Ländergrenzen hinweg zusammengeführt wurden, um daraus ein Gesamtbild zu generieren.

Oleg Deripaska und das Wiener City-Penthouse

Luftlinie liegt diese – von außen eher unauffällige - Immobilie gerade einmal 200 Meter vom Wiener Stephansdom entfernt: allerfeinste Wiener Innenstadtlage nahe der Wollzeile. Die Fassade wirkt bestens gepflegt, aber keinesfalls protzig. Im Erdgeschoß gibt es zwei kleine Geschäftsräumlichkeiten. Über ihnen sind von der Straße aus fünf weitere Stockwerke zu erkennen – ein Mezzanin und vier Obergeschoße. Was man von unten nicht sieht, ist das Dach – und dabei wäre gerade dieses besonders betrachtenswert.

Das vierte Obergeschoss und das Dachgeschoss beherbergen nämlich eine Wohnstätte der Extraklasse. Auf die beiden Etagen verteilen sich rund 700 Quadratmeter Nutzfläche. Planungsunterlagen zufolge ist unter anderem Platz für ein Kaminzimmer, einen Massage- und einen Yoga-Raum, eine Sauna, ein Kino, eine Bar, zwei Balkone, eine Terrasse und eine Dach-Galerie. Hier lässt es sich zweifellos leben. Die Frage ist: Wer steht hinter dieser außergewöhnlichen Immobilie?

Laut Grundbuch befindet sich das Luxus-Penthouse im Eigentum einer LPG Projektentwicklungs GmbH. Sucht man im – öffentlich einsehbaren – Register der wirtschaftlichen Eigentümer nach dieser Firma, stößt man auf die Namen von drei Personen: zwei davon sind Mitarbeiter einer international tätigen Treuhandfirma, die dritte – und entscheidende – ist die Mutter des russischen Oligarchen Oleg Deripaska. Sie ist als wirtschaftliche Eigentümern mit dem Vermerk „Kontrolle – Settlor/Trustor“ angeführt (unter „Trustor“ versteht man einen Treugeber, „Settlor“ ist jene Person, die eine Trust-Struktur einrichtet).

Dass Vermögenswerte an nahe Verwandte ausgelagert werden, ist bei Oligarchen nicht unüblich. profil berichtete vor einigen Wochen über einen Privatjet-Deal Deripaskas, bei dem als wirtschaftliche Eigentümerin ebenfalls seine Mutter angegeben war – eine „rein persönliche Entscheidung“ – wie involvierte Berater einst festhielten. Auch das Nobelhotel Aurelio in Lech am Arlberg soll über eine komplexe Firmenstruktur – auf dem Papier – letztlich Deripaskas Mutter gehört haben. Medienberichten zufolge ging die Eigentümerschaft dann vor einigen Wochen an einen Cousin Deripaskas über. Dieser Cousin ist mit einem kleinen Anteil auch an der LPG Projektentwicklungs GmbH beteiligt, der laut Grundbuch das Penthouse gehört. Unmittelbarer Haupteigentümer der LPG ist jedoch eine Advante Management Corp. (früherer Name: Tangril Equities Ltd.) mit Sitz auf den British Virgin Islands. Die Advante fand sich bis Jänner 2022 auch in der Eigentümerkaskade des Hotels Aurelio.

Das Gebäude, auf dem sich das Wiener Penthouse befindet, war – gemeinsam mit der Nachbarliegenschaft – Teil eines Immobilien-Entwicklungsprojekts, das schon vor Jahren Deripaska medial zugerechnet wurde. Ab 2008 wurden dort Luxus-Wohnungen errichtet. Bis auf den großen Dachausbau, eines der kleinen Geschäftslokale und zwei Garagenplätze hat die LPG den Rest mittlerweile abverkauft und dabei durchaus Kasse gemacht. Urkunden aus dem Grundbuch zufolge summieren sich die Verkaufspreise auf mehr als dreißig Millionen Euro. Das Sahnehäubchen auf dem Dach hat man sich bisher allem Anschein nach behalten. Der Marktwert des Luxus-Penthouses lässt sich aus dem Grundbuch nicht eindeutig bestimmen. Als Anhaltspunkt sei angemerkt, dass die LPG den – deutlich kleineren – Dachausbau auf dem Nebenhaus 2010 um satte 5,7 Millionen Euro an den Mann gebracht hat.

Roman Abramovich und die Treuhänderin vom Fuschlsee 

Von der Wiener City ans Südufer des Salzburger Fuschlsees, von Oleg Deripaska zu Roman Abramovich – beziehungsweise zu dessen Tochter. Letztere ist dort seit Ende 2017 Eigentümerin einer rund 30.000 Quadratmeter großen Liegenschaft – inklusive Haus in Traumlage am See. Bemerkenswert ist, dass die nunmehr Dreißigjährige das Anwesen gar nicht gekauft hat. Es wurde ihr geschenkt. Laut Vertrag jedoch nicht – wie vielleicht zu erwarten gewesen wäre – von ihrem milliardenschweren Vater. Die edle Spenderin war hingegen eine britischen Staatsbürgerin, die das Refugium ihrerseits im Jahr 2007 um 11,3 Millionen Euro erworben hatte. So ist es zumindest im österreichischen Grundbuch dokumentiert.

Faktisch dürfte es hingegen ganz anders gewesen sein. Bei der erwähnten Britin handelt es sich um die Ehefrau eines Direktors des Fußballklubs FC Chelsea. Der Verein gehörte bis zum russischen Einmarsch in der Ukraine Roman Abramovich. Nun steht der Oligarch unter Sanktionen. Auf der Vereins-Website wurde der bewusste Chelsea-Direktor als einer der engsten Vertrauten des Milliardärs bezeichnet. Welche Rolle spielte seine Frau in Bezug auf die Liegenschaft am Fuschlsee?

Auf OCCRP-Anfrage teilte der Abramovich-Vertraute mit, seine Frau habe lediglich als Treuhänderin fungiert – und zwar für eine Firma, die wiederum einem Trust gehörte, dessen Begünstigte Abramovichs Kinder gewesen seien. Stimmt diese Darstellung, so wäre das es ein klassisches Beispiel dafür, wie Treuhandschaften dafür eingesetzt werden können, um die wahre Eigentümerschaft an millionenschweren Vermögenswerten zu verschleiern. Und es würde auch mustergültig demonstrieren, wie wenig aussagekräftig öffentliche Eigentumsregister in diesem Zusammenhang mitunter sind.

Igor Shuvalov: Schöner wohnen – auch in Italien

Das „Waldschlössl“ am Attersee in Salzburg steht seit Beginn der Sanktionen gegen Igor Shuvalov unter höchster medialer Beobachtung. Shuvalov war russischer Vize-Premierminister. Die See-Villa gehört einer österreichischen GmbH, die wiederum mehrheitlich im Besitz einer Liechtensteinischen Anstalt steht. Als „Stifter“ findet sich im – öffentlich einsehbaren – Register der wirtschaftlichen Eigentümer Shuvalovs Tochter. Selbiges gilt auch eine zweite österreichische GmbH. Und deren Geschäfte sind nicht minder spannend, reichen sie doch bis nach Italien – genauer gesagt, in die Toskana.

Dort am Meer etwas südlich von Grosseto befindet sich – malerisch gelegen – die „Villa Bengodi“. Die Liegenschaft gehört laut italienischem Grundbuch der österreichischen GmbH beziehungsweise einer zwischengeschalteten italienischen Firma. In ihrem jüngsten verfügbaren Jahresabschluss per 31. Dezember 2020 wies die GmbH Sach- und Finanzanlagen von insgesamt 16,6 Millionen Euro aus. Wie viel davon auf das Anwesen in der Toskana entfiel, lässt sich aus der im Firmenbuch veröffentlichten Kurz-Variante der Bilanz nicht herauslesen.

Hotel Tannenhof: Fünf Sterne, zwei höchst diskrete Eigentümer

Ein Mann, dessen Name sich ebenfalls auf der Nawalny-Liste findet, ist Andrey Kostin – Chef der Bank VTB, die mehrheitlich dem russischen Staat gehört. Gegen Kostin und die VTB wurden Sanktionen verhängt. Nun zeigen die Recherchen zum „Russian Asset Tracker“, dass die Bank jahrelang ein Luxushotel in Österreich besessen hat: das 5-Sterne-Superior-Hotel Tannenhof in St. Anton am Arlberg.

Hotel-Chef Axel Bach teilte auf Anfrage mit, die VTB-Gruppe hätte das Hotel 2010 gekauft und 2015 wieder verkauft. Wer es nun besitzt, wird als Geheimnis gehandhabt. Im Register der wirtschaftlichen Eigentümer scheinen nur Bach und eine Co-Geschäftsführerin aus Zypern auf. Die echten Eigentümer wollen nicht öffentlich bekannt werden, wie Bach mitteilt. Es seien zwei Privatpersonen, die weder in Russland geboren noch russische Staatsbürger seien und auch nicht mit der VTB in Verbindung stünden. Den Behörden gegenüber sei die Identität offengelegt worden.

Laut Firmenbuch führt die intransparente Eigentümerstruktur nach Zypern. Bach teilte auf konkrete Anfrage mit, dass VTB-Chef Kostin niemals das Hotel besessen habe. Er sei jedoch Gast gewesen. Putin nicht.

Hier finden Sie die vorläufige Gesamtliste der mehr als 140 Besitztümer umstrittener russischer Geschäftsleute im Ausland:

Stefan   Melichar

Stefan Melichar

ist Investigativ- und Wirtschaftsjournalist bei profil und Mitglied beim International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ).

Michael   Nikbakhsh

Michael Nikbakhsh

ist stellvertretender Chefredakteur, Leiter des Wirtschaftsressorts und Mitglied beim International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ)