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Pandora Papers Russia
04/11/2022

Die Offshore-Welt der Oligarchen

Eine internationale Recherche enthüllt, wie die russische Elite über Jahre hinweg Besitztümer hinter Briefkastenfirmen und Stiftungen versteckte – mit Hilfe einer globalen Beraterindustrie. Die Spuren führen auch nach Österreich. Unter anderem in den Wohnpark „Fontana“ von Siegfried Wolf.

von Stefan Melichar, Michael Nikbakhsh

Pandora Papers: Das ist der Name des größten journalistischen Projekts der Geschichte, an welchem auch profil beteiligt war – und ist. Im Oktober des Vorjahres veröffentlichten wir als Teil eines Kollektivs rund um das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) erste Ergebnisse einer globalen Recherche – aus Österreich war auch der ORF engagiert.

Auf Grundlage eines großen Datenlecks dokumentieren seither rund 600 Journalistinnen und Journalisten die verdeckten Offshore-Geschäfte von hunderten reichen und einflussreichen Personen rund um den Globus: Staats- und Regierungschefs, Kommunalpolitiker, Staatsbedienstete, Geschäftsleute, Sportgrößen, Celebrities, Kriminelle.

Die Auswertung der mehr als 11,9 Millionen Dokumente – es handelt sich um Geschäftsunterlagen von 14 international tätigen Anwalts- und Treuhandkanzleien – hatte schon 2021 zu hunderten Russinnen und Russen geführt. Einige von ihnen stehen mittlerweile auf internationalen Sanktionslisten.

Willkommen bei den Pandora Papers Russia

Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine hat das ICIJ-Recherchekollektiv die Pandora Papers-Datensätze ein weiteres Mal analysiert und mit anderen Quellen verknüpft, wobei der Fokus nunmehr auf den Geschäften russischer Oligarchen und Politiker lag.

Die Ergebnisse zu dieser Recherche werden seit dem 11. April als „Pandora Papers Russia“ nach und nach von den Projektpartnern veröffentlicht, so auch von profil. Eine fundierte Übersicht des internationalen Geschehens finden sie auf der Website des ICIJ.

Soweit es profil betrifft, sind die Pandora Papers Russia ein weiteres großes Kapitel in einer Reihe internationaler Kooperationen, die immer wieder auch die Geschäftsbeziehungen russischer Geschäftsleute in Österreich beleuchteten. So zuletzt das Projekt „Russian Asset Tracker“, das gemeinsam mit der Investigativ-Plattform Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) entstand.

Siegfried Wolf und sein Wohnpark „Fontana“

Die Pandora Papers Russia führen einmal mehr in alle Welt – und auch nach Österreich. Eine der Spuren weist ins niederösterreichische Oberwaltersdorf südlich von Wien. Genauer: in den Wohnpark „Fontana“, einen Rückzugsort für Menschen mit viel Schotter und distinguiertem Wohnempfinden. Wohnparkbetreiber ist der Unternehmer Siegfried Wolf, langjähriger Geschäftspartner des Oligarchen Oleg Deripaska.

Ein Unternehmen Wolfs verkaufte dort 2020 zwei große Bau-Parzellen. Die Käufer: undurchsichtige Firmenkonstrukte. Eine der beteiligten Gesellschaften lässt sich aber mit einem Mann verbinden, der in Putins Russlands eine wichtige Rolle spielte: Kirill Androsov, Putins Vize-Stabschef als dieser Premier war.

Eine zweite Spur führt nach Kärnten, eine dritte zu einer schicken See-Villa und eine vierte zu einer großen österreichischen Bankengruppe und einem ihrer sehr prominenten Kunden. Dazu werden wir noch gesondert berichten.

Russlands Milliardäre und die treuen Hände

Russlands Elite hat über Jahrzehnte hinweg eine globalisierte Industrie aus Rechtsanwälten, Bankern, Steuerberatern, Wirtschaftsprüfern, Vermögensberatern, Treuhändern am Leben erhalten, deren gemeinsamer Daseinszweck sich im Verwischen von Spuren erschöpft. Der Besitz vermögender Leute verschwindet hinter Kaskaden aus Briefkastenfirmen, Strohleuten und Verträgen: Immobilien, Grundstücke, Kunstgegenstände, Firmenbeteiligungen, Flugzeuge, Yachten, Bankkonten, Wertpapierdepots, Edelmetalle – und alles, was es sonst noch für ein sorgenfreies, sanktionssicheres Leben braucht.

Es sind bedeutende Player aus der Beraterbranche, die in den Pandora Papers aufscheinen: Die Anwaltskanzleien Alemán, Cordero, Galindo & Lee (Panama) und Demetrios A. Demetriades (Zypern), die Finanzdienstleister Trident Trust (British Virgin Islands), Asiaciti Trust (Hong Kong), Alpha Consultig (Seychellen) und neun weitere.

Viele dieser Anbieter betreuten jahrelang auch und gerade Klientinnen und Klienten aus der Russischen Föderation.

Die Pandora Papers führen zu den Briefkastenfirmen, Trusts und Stiftungen hunderter Oligarchen, Industrieller, Banker, Öl-Manager, Ex-Minister, -Abgeordneter, Kommunalpolitiker. Die Britischen Jungferninseln waren in der Vergangenheit einer der beliebtesten Ankerplätze für russische Offshore-Vehikel, Zypern ein weiterer.

Was die Datensammlung auch zeigt: Die Konstruktionen wurden bereits in der Vergangenheit dazu genutzt, um dräuenden Problemen aus dem Weg zu gehen. So beispielsweise in den Jahren nach 2014. Auf die Krim-Annexion Russlands folgten erste internationale Sanktionen, was wiederum zu teils bemerkenswerten Vermögenstransfers führte. Vielfach wurden die gerade schon erwachsenen Kinder reicher Russen zu Besitzern von Villen, Zinshäusern, Grundstücken und Flugzeugen. Ähnliches trug sich rund um die US-Sanktionen gegen mehrere Oligarchen im Jahr 2018 zu. Wieder war Vermögen in Bewegung geraten – unter den damals von den USA Sanktionierten war übrigens unter anderem auch Oleg Deripaska, Geschäftspartner des Austro-Oligarchen Siegfried Wolf.

Wolf hatte wiederum auch gute Kontakte zu Herman oder German Gref, dem CEO des größten russischen Finanzhauses Sberbank (auf dem Papier ist Wolf bis heute Aufsichtsratschef der nunmehr geschlossenen Sberbank Europe mit Sitz in Wien).

Gref hatte laut den ausgewerteten Datensätzen einst Assets im Gegenwert von rund 75 Millionen US-Dollar in einem Familien-Trust geparkt – ein komplexes Geflecht aus Firmen und Stiftungen –, ehe er den Großteil davon 2017 seinem im Ausland lebenden 24-jährigen Neffen übertrug. Die Sberbank war bereits nach der Krim-Annexion 2014 mit ersten US-Sanktionen belegt worden, nach dem Russlands Überfall auf die Ukraine wurden diese deutlich verschärft. Gref, einst auch russischer Wirtschaftsminister, gilt als Verbündeter Putins – auch gegen den Banker bestehen nun Sanktionen in Europa, den USA und Großbritannien.

Peter Aven, Mikhail Fridman, German Khan und Alexei Kuzmichev sind die vier Gründer der russischen Alfa Bank, der größten Privatbank des Landes. Gegen die Bank und die Gründer wurden heuer ebenfalls internationale Sanktionen verhängt. Fridman, ein geborener Ukrainer mit Lebensmittelpunkt in London, war einer der ersten Oligarchen gewesen, welche die russische Invasion öffentlich kritsierten.

Die Pandora Papers Russia-Recherchen offenbaren nun, dass die Alfa Bank-Gründer ab den 1990er Jahren über die Britischen Jungferninseln ein Millionenvermögen kontrollierten, wobei es abermals rund um die Sanktionen 2014 zu Verschiebungen kam.

Alexei Mordaschow, Stahl-Unternehmer und bis vor einigen Wochen auch Großaktionär des Reisekonzerns TUI, war seinerseits wie selbstverständlich im Offshore-Geschäft unterwegs. Ihm konnte das Recherchekollektiv mehr als 60 Briefkastenfirmen zurechnen. Auch gegen Mordaschow sind Sanktionen in Kraft.

Eine von Mordaschows Zweckgesellschaften hatte einst Verbindungen zu einem Mann, der in Österreich nicht gänzlich unbekannt ist: Sergej Roldugin, auch bekannt als „Putins Cellist“, seit Ende Februar ein weiterer Name auf der EU-Sanktionsliste. Roldugin soll sich neben seiner künstlerischen Tätigkeit in der Vergangenheit auch als Vermögensverwalter des Kreml-Chefs verdient gemacht haben. Die Pandora Papers Russia liefern Hinweise darauf, dass Offshore-Firmen aus dem Umfeld von Mordaschow nach 2007 Millionen US-Dollar an Offshore-Firmen aus dem Umfeld von Roldugin leiteten.

Roldugin ist unter anderem auch Direktor des Hauses der Musik in St. Petersburg, das wiederum bis vor kurzem eine Partnerschaft mit dem Linzer Brucknerhaus hatte, die „Russischen Dienstage“. Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine hat Brucknerhaus-Intendant Dietmar Kerschbaum die Zusammenarbeit mit Roldugins Haus aufgekündigt – und stattdessen die „Ukrainischen Dienstage“ erschaffen.

Michail Guzerijew, ein gebürtiger Kasache, Gründer des russischen Ölkonzerns RussNeft und ehemaliges Mitglied der Staats-Duma ist wegen seiner Verbindungen zum belarussischen Diktator Alexander Lukaschenko bereits seit 2021 Gegenstand europäischer Sanktionen. Michail und seinem Bruder Sait-Salam Guzerijew (auch er ein ehemaliges Duma-Mitglied) lassen sich mehr als 80 „shell companies“ zurechnen, die im Laufe der Jahre von Rechtsberatern in Panama und Zypern betreut wurden.

Roman Avdeev, ist ein weiterer prominenter russischer Geschäftsmann, der in der Pandora Papers Russia eine Rolle spielt. Er begann in den späten 1980er Jahren mit dem Verkauf von Funkkomponenten und Decodern für Fernsehgeräte, nach dem Zerfall der Sowjetunion Ende 1991 kaufte er die Credit Bank of Moscow, ein großes russisches Finanzinstitut, das seit Februar dieses Jahres mit US-Sanktionen belegt ist. Er ist darüber hinaus in der Bau-, Holz- und Ölindustrie, besitzt eine Apothekenkette und den Fußballverein Torpedo Moskau. Die Datensätze zeigen, dass auch Avdeev sich in der Vergangenheit eines Netzes aus Briefkastenfirmen bediente, registriert auf den Seychellen, den Britischen Jungferninseln und in Belize.

Einmal mehr offenbaren die Recherchen ein fundamentales Problem: Wo Besitztümer hinter Schleiern aus Limiteds, Trusts und Treuhändern verschwinden, laufen Sanktionen schnell einmal ins Leere. Und dann braucht es Whistleblower und Insiderinformationen, um diese Schleier zu lüften. Wie sonst soll jemand gefunden werden, der sich der Dienste professioneller Hütchenspieler bedient, um sein Vermögen zu verstecken?