Will nicht mehr haben: Kleinanzeigen-Hochsaison nach Weihnachten
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Der kitschige Weihnachtspulli von der Tante, das halbherzige Wichtel-Präsent vom Arbeitskollegen oder das Anglerzubehör vom Papa, das er sich eigentlich gern selbst geschenkt hätte: Viele Weihnachtsgeschenke sind gut gemeint, aber eben nicht gewünscht.
Was man vor einigen Jahren noch herzlos entsorgt oder bestenfalls weitergeschenkt hätte, wird heute schnell zu Geld gemacht. Auf dem Marktplatz der Kleinanzeigenplattform willhaben findet man ganzjährig Gebrauchtartikel von A wie Auspuffdrucksensor bis Z wie Zierteller. Um den Jahreswechsel boomen hier die Aufrufzahlen. In den ersten Kalenderwochen des neuen Jahres gehen im Schnitt 30 bis 40 Prozent mehr neue Anzeigen pro Woche auf willhaben online als in den letzten beiden Wochen des Vorjahres – trotz zunehmenden Secondhand-Weihnachtsgeschäfts.
profil wühlte sich an den Feiertagen durch die virtuelle Mottenkiste Österreichs.
Alte Schätze und Neujahrsvorsätze
Es ist der Tag nach Heiligabend. Die Suche nach dem Gebraucht-Lego für die Nichten und Neffen war noch pünktlich vor der Bescherung abgeschlossen, die aussortierten Altkleider verstauben weiter in der Umzugskiste. Der virtuelle Marktplatz von willhaben verfällt zu Weihnachten in einen kurzen Winterschlaf – die Besucherzahlen ruhen. Ab Silvester aber erwachen die Nutzerinnen und Nutzer der Plattform aus ihrem Weihnachtsdelirium. Nach und nach poppt der Ramsch am digitalen Flohmarkt auf: ein viel zu kleiner Pullover, die alte Kaffeemaschine, die an Weihnachten durch das funkelnde neue Modell ersetzt wurde, oder ein verstaubter Lampenschirm, der dem Neujahrsputz zum Opfer fällt. Sie alle finden ihren Weg ins Netz – um Kleinstbeträge.
„Rund um den Jahreswechsel haben die Menschen die Energie, sich von Sachen, die man kaum oder gar nicht verwendet hat, endgültig zu trennen“, erklärt Matija Striga, Chef des „Marktplatzes“ bei willhaben. Im Gegensatz zu den Inseratbereichen „Immobilien“, „Auto & Motor“ und „Jobs“, wo gewerbliche Händler eine Anzeigengebühr entrichten, ist das Marktplatz-Inserat für Privatpersonen kostenlos.
Und was bieten diese Privatpersonen nach Weihnachten feil? Vor allem Bücher, Filme, Spielwaren, Kleidung und Accessoires, aber auch Spielekonsolen, Smartphones oder Kaffeemaschinen gehen im neuen Jahr online – oftmals mit der Beschreibung: „War ein Weihnachtsgeschenk, aber leider nichts für mich.“ Am Marktplatz tummeln sich die Einträge der fehlgeschlagenen Aufmerksamkeiten: Edel-Whiskey für Abstinente oder Rapid-Fanartikel für Austrianer. Häufig erwischen die Großeltern die falsche Stiefel- oder Jackengröße für das Enkerl, oder dem Geschenksempfänger gefällt schlicht die Produktfarbe nicht – und die Umtauschfrist ist bereits verstrichen.
Ihr Sohn habe das Soundgerät bei einem Freund gesehen und es sich vom Christkind gewünscht, erzählt die Inserentin einer Musikbox für Kinder. Nach dem Auspacken sei diese für den Kleinen aber nicht länger interessant gewesen – darum wird sie nun für 120 Euro weitergegeben. Immer wieder sind auch richtige Kuriositäten dabei: „Schnee aus dem Garten“ wurde am Marktplatz schon inseriert, oder auch ein „Schneemann im Glas“ – also Wasser, in dem eine Karottennase und Kohlenaugen schwimmen.
Nicht nur das Angebot nimmt nach Silvester zu. Sportgeräte – seien es Ski, Eislaufschuhe, Hanteln oder Hometrainer für die Neujahrsvorsätze – werden im Jänner verstärkt nachgefragt. Der Beginn der Ballsaison ist gut fürs Geschäft mit Abendkleidern, und auch die ersten Faschingskostüme stehen auf der Merkliste.
Trendbarometer
Vor 20 Jahren gründeten die beiden Medienkonzerne Vend (vormals Schibsted) aus Norwegen und die Styria Media Group den virtuellen Marktplatz willhaben. Zur Styria gehören etwa die Tageszeitungen „Presse“ und „Kleine Zeitung“. Heute ist die Plattform mit 2,2 Millionen monatlichen Marktplatz-Anzeigen Österreichs größter Online-Flohmarkt und beschäftigt derzeit 370 sogenannte „Willhabinger“. Laut der im Firmenbuch (Wirtschaftscompass) hinterlegten Bilanz betrug der Gewinn der willhaben internet service GmbH & Co KG, die über die willhaben internet service GmbH zur Hälfte der willhaben Holding gehört, im Jahr 2024 11,6 Millionen Euro. Neben gewerblichen Anzeigen verdient die Plattform ihr Geld mit Werbung, Zusatzleistungen wie dem Hervorheben von Inseraten und der Nutzungsgebühr des eigenen Zahlungsdienstes PayLivery.
Vor allem die Coronapandemie und die damit verbundenen Lockdowns haben sich stark auf willhaben ausgewirkt, so Marktplatz-Chef Striga. Seit 2020 seien die Zugriffe um 60 Prozent gestiegen. Die Verlagerung des Arbeitsalltags in die eigenen vier Wände konnte man damals in den Suchanfragen fürs Homeoffice und den Schulunterricht zu Hause erkennen. „Klassische Hits waren Webcams, Headset, Computer, Computermäuse, Drucker und Monitore“, erzählt Striga. „Aber nach der Arbeit will man Spaß haben“ – gerade dann, wenn man die Wohnung kaum verlassen kann. Also kauften die Österreicherinnen viele Spielkonsolen und Videospiele, aber auch Brettspiele und Puzzles für den Feierabend im Lockdown.
Die Anfragen und Inserate auf Secondhand-Plattformen sind so etwas wie Trendbarometer. Das gestiegene Nachhaltigkeitsbewusstsein ist gut fürs Geschäft, so Striga. Inwiefern die Inflation die Nachfrage nach billigen Alternativen oder ein Bedürfnis nach schnellem Geld befeuert, könne man nicht genau messen. Jedenfalls sei die Hemmschwelle für einen Neukauf gesunken, weil sich die meisten Produkte heute leichter gebraucht weiterverkaufen ließen, so Striga.
Um Unliebsames schneller loszuwerden, empfiehlt er eine detaillierte Produktbeschreibung und gute Fotos aus unterschiedlichen Blickwinkeln. „Man kann auch einen Gegenstand neben das Produkt legen, damit man sich am Foto die Dimensionen vorstellen kann – da kann man sehr kreativ werden“, rät der Marktplatz-Chef. Bevor man jedoch Uropas Dachboden ausmistet und dessen Reliquien inseriert, lohnt sich ein Blick in die Liste unzulässiger Produkte: Medikamente, pornografische Inhalte, Waffen oder Artikel, die gegen das Wiederbetätigungsgesetz verstoßen, sind verboten und werden nicht veröffentlicht.
Das Verkaufen von Geschenken gleich nach der Bescherung mag herzlos wirken. Zumindest finden die Gegenstände so einen neuen glücklichen Besitzer. Man muss es der Tante oder dem Nachbarn, die es eigentlich nur gut meinten, ja nicht gleich unter die Nase reiben.
Hannah Müller
ist seit September 2025 bei profil.