Zypern
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Meerblick statt Steuern: Das fragwürdige Geschäftsmodell der Zypern-Auswanderer

Sie posten Poolfotos, zahlen kaum Steuern und nennen Zypern ihr Zuhause. Seit kriegsbedingt Drohnen auf Dubai fallen, zieht es österreichische Influencer und Unternehmer ins „Steuerparadies“ Zypern – doch ganz so einfach geht die Rechnung nicht auf.

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Sommer, Sonne, Steuerfreiheit. Mit diesen drei Worten beschreiben Auswanderer aus Österreich und Deutschland die Mittelmeerinsel im Südosten Europas: Zypern – die meisten kennen das Land als Urlaubsziel oder durch seine wechselvolle Geschichte. Ein Bürgerkrieg zwischen Griechen und Türken hinterließ tiefe Narben und teilte die Hauptstadt Nikosia mit einer Mauer, die bis heute steht. Seit Kurzem aber ist Zypern als Auswandererparadies bekannt. Was macht die Insel für Auswanderer so attraktiv? profil hat sich auf Spurensuche begeben.

Das Influencer-Paar Lisa und Sascha, ursprünglich aus Oberösterreich, lebt seit Jahresanfang im Norden von Zypern – im türkischen Teil der Insel. Warum? „Weil es außerhalb der EU und warm ist und es weniger Touristen als im Süden gibt“, erklären sie. Außerdem können sie dort ihr in den USA angemeldetes Gewerbe völlig unabhängig von der EU-Jurisdiktion und damit vor dem Zugriff des Finanzamts führen. Das bedeutet wiederum, dass sie überhaupt keine Steuern zahlen, keine Buchhaltungs- oder Steuerberatungskosten haben und mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen können, sagen die Auswanderer jedenfalls. Lisa und Sascha führen einerseits einen eigenen Onlineshop, bei dem man Designvorlagen für Bastelprojekte kaufen kann. Andererseits baut das Paar gerade seinen eigenen OnlyFans-Kanal aus. Auch im Fernsehen kann man ihre Reise mitverfolgen: Die Oberösterreicher erzählen ihre Auswanderer-Story im Puls 4-Format „Die Auswanderer“. „Die Reichweite nutzen wir jetzt, um Werbung für unsere Businesses zu machen“, erzählen sie im profil-Gespräch. 

Eine Familie sitzt lächelnd auf einem Boot, zwei Kinder haben Herzen über den Gesichtern.
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Die Auswanderer Lisa und Sascha

Visum für Immobilienbesitzer

Europäische Staatsbürger dürfen per Gesetz 30 Tage als Touristen ohne Visum in Nordzypern verweilen. Wer länger bleiben möchte, kann nach 30 Tagen die Grenze in Nikosia nach Südzypern überqueren und dann gleich wieder zurück nach Nordzypern zurückkehren, um dort 30 weitere Tage zu bleiben. Wer zum Beispiel eine Immobilie kauft, kann eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung beantragen. Dafür braucht man einen Kontonachweis von 10.000 Euro pro Person, einen Gesundheitscheck, einen gültigen Reisepass, die Wohnanmeldung und Kauf- oder Mietvertrag. Arbeitnehmer können außerdem ein Jahr lang mit einer Arbeitserlaubnis in Nordzypern bleiben. Lisa und Sascha haben ein Visum für Immobilieninvestoren.

„Will keinen Krieg mitfinanzieren“ 

Auch Andreas, 31, der eigentlich anders heißt, aber nur anonym mit profil sprechen möchte, lebt seit drei Jahren auf Nordzypern. Der 31-Jährige Oberösterreicher arbeitet dort in der Baubranche, seine Wahl fiel auf Zypern, weil er nach „Investmentmöglichkeiten im Immobilienbereich“  gesucht hat – und wohl auch nach besonders steuerschonenden Geschäftsmöglichkeiten, die es in Zypern zuhauf gibt. Österreich oder ein anderes EU-Land waren keine Option. Der Grund? „Das Steuergeld wird komplett falsch ausgegeben. Warum finanzieren wir Europäer mit unseren Steuern den Krieg in der Ukraine?“, fragt Andreas. 

Als er noch in Österreich lebte, war er ebenfalls Einzelunternehmer und musste seiner Meinung nach zu hohe Steuern zahlen. Einzelunternehmer versteuern ihren Gewinn in Österreich mittels progressiver Einkommensteuer, die zwischen null und 55 Prozent liegt. Überschreitet man die Kleinunternehmergrenze von 42.000 Euro Umsatz, muss man außerdem eine Umsatzsteuer von meist 20 Prozent zahlen, hinzu kommen noch Sozialversicherungsbeiträge von rund 26 bis 28 Prozent des Gewinns.

Zu viel, findet Andreas. Nur die Schweiz kam als Alternative in Frage, dort beträgt die Abgabenlast für Unternehmen durchschnittlich 13,5 Prozent. Andreas entschied sich allerdings dagegen, weil er lieber „im Warmen am Meer“ leben wollte. Auch Dubai hat er sich überlegt, sich aber aufgrund der weiten Distanz nach Österreich und der wiederum zu heißen Temperatur dagegen entschieden.

Wachsende Community

Andreas, Lisa und Sascha sind nicht die einzigen Österreicher, die ihre Heimat verlassen und nach Zypern gezogen sind. Die drei berichten von einer immer größer werdenden deutschsprachigen Community. Laut dem Außenministerium sind 561 Auslandsösterreichern dort gemeldet. Die Diaspora wächst aber: 2024 waren es noch 480 Personen. Auf der Insel leben insgesamt rund 1,4 Millionen Menschen.

Zypern, das neue Zuhause kontroverser Internetstars

Nicht nur österreichische Influencer, sondern immer mehr kontroverse Internetstars aus Deutschland zieht es nach Zypern: Aus dem gesamten deutschsprachigen Raum sind vor allem die Auswanderergeschichten der beiden Influencer ApoRed oder Christian Wolf bekannt. Gegen den Hamburger YouTuber ApoRed, bürgerlich Ahmad Ahadi, der vor allem durch seine Prank-, Computerspiel- und Rap-Videos bekannt ist, liegt seit 2023 ein Haftbefehl vor. Er soll wegen Körperverletzung, Nötigung und der Störung des öffentlichen Friedens in seinen YouTube-Videos seine Bewährungsauflagen verletzt haben. Die Haftstrafe ist er nie angetreten, stattdessen wanderte er aus und pendelt nun zwischen Nordzypern und Dubai – mittlerweile nicht mehr als Influencer. Im Mai 2025 wurde ein heimlich aufgenommenes Video veröffentlicht, auf dem zu sehen war, dass ApoRed in einer Shishabar in Nordzypern kellnerte. Ahadi bestätigte, dass er in dem Video zu sehen ist, beteuerte jedoch, lediglich einem Freund auszuhelfen – und dort nicht angestellt zu sein.

Dass Auswanderer im türkischen Teil Zyperns leben, sei jedoch eher die Ausnahme als die Regel. Grund dafür ist vor allem die Wegzugsbesteuerung, also eine Steuer, die man auf Vermögen zahlen muss, wenn man in ein Drittland zieht. Zieht man in den griechischen Teil Zyperns, dann bleibt man in der Europäischen Union und kann diese Besteuerung verzögert bezahlen. Aus diesem Grund haben Lisa und Sascha vor ihrer Ausreise ihr gesamtes Vermögen in Österreich verkauft – sie waren nämlich davor bereits selbstständig. 

Doch auch der griechische Teil von Zypern will sich mit Steuerangeboten an Expats beliebt machen. Mit dem Non-Dom-Status bietet Zypern Personen, die aus dem Ausland kommen, eine Menge an steuerlichen Vorteilen an. Eine Person mit dem Non-Dom-Status muss Dividenden, Zinsen oder Mieteinnahmen nicht versteuern, wenn sie im Ausland erwirtschaftet wurden – ein großer Vorteil insbesondere für digitale Nomaden, also Personen, die im Ausland übers Internet für Firmen zum Beispiel in Österreich arbeiten. Dadurch erhofft man sich in Zypern, dass mehr Personen hierher auswandern und über lokale Ausgaben die Wirtschaft ankurbeln. Allgemein hat Zypern im Vergleich zu Österreich eher niedrige Steuern. Eine Körperschaftsteuer von 15 Prozent, der Spitzensteuersatz liegt bei 35 Prozent, in Österreich sind es 55 Prozent.

Suspekte Agenturen

Wenn man nach Informationen zu einem Umzug nach Zypern im Internet sucht, findet man eine Menge an Agenturen, Telegram-Gruppen oder Influencer, die genau das zu ihrem Geschäftsmodell gemacht haben: Sie bieten Kunden an, den Umzug zu organisieren und werben mit der Insel als  „Steuerparadies, in das jeder Unternehmer ziehen sollte“. Aber ist es tatsächlich so einfach, als Selbstständiger nach Zypern auszuwandern?

Screenshot Auswanderer-Agenturen
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,,Nein’’, sagt Steuerberater Martin Klokar, der bereits viele Zypern-Auswanderer betreut hat. „Ein Wegzug ist steuerlich sehr komplex.“ Vor allem die Selbstständigkeit im Ausland stellen sich viele in der Theorie einfacher vor, als sie in der Realität ist. Denn: Wer aus Österreich auswandert und im Ausland ein Unternehmen gründet (häufig als Limited, vergleichbar mit einer österreichischen GmbH), glaubt oft, damit automatisch im neuen Land steuerpflichtig zu sein. Das ist ein Irrtum.

Das österreichische Steuerrecht knüpft stark an die physische Anwesenheit der handelnden Personen an. Wer also weiterhin in Österreich wohnt, hier Familie hat oder von Österreich aus die Geschäfte leitet, riskiert, dass das Finanzamt trotzdem Österreich als „Ort der Geschäftsleitung“ einstuft – und damit die Steuerpflicht in Österreich bestehen bleibt.

Eine Auslandsgründung allein reicht also nicht, um Steuern legal ins Ausland zu verlagern. „Man bekommt bei einigen im Beratungsgespräch relativ schnell mit: Das ist noch nicht zu Ende gedacht, dieser radikale Cut, den es geben muss, damit das steuerlich funktioniert, neben den privaten Gründen natürlich.“ Dennoch bemerkt Klokar, dass sich immer mehr Selbstständige für Zypern entscheiden.

Er rät dringend dazu, seinen Umzug als Selbstständiger mit einem Steuerberater zu besprechen, bevor man potenziell etwas tut, das im Nachhinein sehr teuer wird. 

Tax-Refugees not welcome

Was bedeutet es eigentlich für das Leben der Zyprioten, wenn immer mehr Influencer und Unternehmer dorthin auswandern und wenige bis gar keine Steuern zahlen? Das Wirtschaftswachstum liegt bei 3,8 Prozent – also über dem EU-Schnitt, auch die Staatsverschuldung ist in den vergangenen Jahren um die Hälfte gesunken. Was dafür aber ebenfalls stark gestiegen ist, sind die Immobilienpreise. Einerseits, weil Zyprioten den Ansturm westlicher Investoren ausnutzen, um Grundstücke und Häuser teurer zu verkaufen, andererseits, weil Immobilienfirmen eben diese Grundstücke, Häuser und Wohnungen noch teurer weiterverkaufen. Auch die Mietpreise steigen in vielen Städten stark. In Limassol, der zweitgrößten Stadt der Insel, kostet die Miete einer Ein- bis Zweizimmerwohnung mittlerweile zwischen 900 und 1500 Euro im Monat – das ist sehr teuer, wenn man bedenkt, dass das zypriotische monatliche Durchschnittseinkommen bei etwa 1900 Euro netto liegt. 

Dass sie in ihrer neuen Heimat keine Einkommensteuer zahlen, stört Lisa und Sascha wenig. „Wir geben unser Geld ja trotzdem im Land aus“, sagt Lisa. Sie meint damit die Mehrwertsteuer, die beim Einkauf automatisch anfällt. Außerdem würden die beiden fast alles in stationären Handel kaufen, weil Amazon nicht zu ihnen liefert. Ob das reicht, um der neuen Heimat wirklich etwas zurückzugeben? 

Natalia Anders

Natalia Anders

ist seit Juni 2023 Teil des Online-Ressorts und für Social Media zuständig.