Keynote: The Future of Social with Jay Graber, Bluesky CEO
Pilze statt Milliardäre: Jay Grabers stille Bluesky-Revolution
„Nun, es ist jetzt die ganze Zeit dunkel und regnerisch. Aber die Pilze gedeihen“, schreibt Lantian „Jay“ Graber über vier Fotos von diversen Schwammerln, die sie vor ein paar Wochen auf Bluesky gepostet hat. Alle Bilder hat die Amerikanerin natürlich mit sogenanntem Alt-Text versehen, damit auch Blinde und sehbehinderte Menschen wissen, was sie da abfotografiert hat. Wobei Graber zugibt, dass sie nicht alle erkannt hat: „Gemeiner Klapperschwamm? Nicht sicher.“
Dabei kennt sich Graber mit Schwämmen aus. Die 34-Jährige ist Geschäftsführerin der Social-Media-Plattform Bluesky. Jeder einzelne Server der Plattform ist nach einem anderen Pilz benannt. Während das dezentrale Netzwerk wächst, sollen neue Server wie Schwammerl sprießen. Bluesky soll eine dezentrale Plattform für alle sein. Indem sie wählen, wem und welchen Kanälen sie folgen, sollen Userinnen und User selbst bestimmen, was sie sehen: „Wir werden keinen Algorithmus entwickeln, der den Nutzern einfach Werbung aufdrängt“, verspricht Graber und erklärt, dass ihre Plattform schon aufgrund ihrer dezentralen Struktur „Milliardärs-sicher“ sei.
Wir werden keinen Algorithmus entwickeln, der den Nutzern einfach Werbung aufdrängt.
CEO von Bluesky
Graber ist das Gegenteil der machohaften bis protofaschistischen Tech-Bros, die ihre Branche und damit unser aller Leben im Jahr 2025 dominieren: Elon Musk nutzt seine Rolle als reichster Mann der Welt, damit seine KI „Grok“ ihn als in allen Belangen überlegenes Wesen darstellt. Entscheidungsträger bei Apple, Google und diversen KI-Firmen tun alles, um ihr Oligopol zu schützen – sei es, dass sie sich öffentlich Donald Trump unterwerfen oder in Europa gegen Regulierung lobbyieren. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ließ sogar schon auf T-Shirts drucken, dass ihm ein freies Internet längst kein Ideal mehr ist: „Aut Zuck, aut nihil“, auf Deutsch: „Entweder Zuck oder gar nichts.“ Eine Anspielung auf die lateinische Redewendung „Aut Caesar aut nihil“ – entweder Kaiser oder nichts.
Welt ohne Kaiser
Bluesky kann mit der Reichweite der großen Kurznachrichtenplattformen wie Elon Musks X (früher Twitter) oder Metas Threads nicht mithalten. Auch ist Bluesky-Chefin Graber, die 34-jährige Tochter eines Schweizers und einer chinesischen Einwanderin, weder reich noch mächtig genug, um Demokratien rund um den Globus unter Druck zu setzen. Aber Graber kann sich gegen die wenigen Milliardäre stellen, die das Internet beherrschen. „Mundus sine caesaribus“ – Welt ohne Kaiser – druckte die Bluesky-CEO im März 2025 auf ihr T-Shirt. Und ihre Plattform Bluesky bleibt einer der wenigen kleinen Orte im Netz, in dem man noch nicht in einem Meer aus aggressivem Marketing und rechtsextremen Bots untergeht.
Der „blaue Himmel“ wurde eigentlich von Twitter geboren. Am 11. Dezember 2019 kündigte Twitter-Gründer Jack Dorsey an, ein fünfköpfiges Team dabei zu unterstützen, einen offenen und dezentralen Standard für soziale Medien zu entwickeln. Das Projekt wurde „Bluesky“ genannt. 2021 kam Graber an Bord, beinahe schicksalhaft: Ihr chinesischer Vorname sollte einen Wunsch ihrer Mutter ausdrücken, sagte Graber zu „Forbes“: „Sie wollte, dass ich endlose Freiheit habe. Die Möglichkeiten, die sie nicht hatte.“ Ihr Vorname Lantian bedeutet auf Mandarin „blauer Himmel“ – „blue sky“. Als Chefin forcierte Graber eine strikte Trennung von Twitter, aus dem kleinen Projekt wurde 2021 ein eigenes Unternehmen. Auf ihrer eigenen Plattform nennt sich Graber nur „Jay 🦋“.
Mit der Übernahme von Twitter durch Elon Musk wurde der blaue Himmel ein Fluchtort für alle, denen X zu rabiat, zu kommerziell oder schlicht zu dumm geworden ist. Auch Grabers persönlicher Account wirkt wie eine radikal langweilige Antwort auf den digitalen Größenwahn ihrer männlichen Tech-Konkurrenten: Die Bluesky-Chefin postet Bilder von ihrem Frühstück oder aus dem Wald, kommuniziert kleine Updates ihrer Plattform und teilt aus ihrer Sicht die Titel guter Bücher (früh geprägt wurde Graber von feministischer Sci-Fi), Artikel (etwa über Moose, die sie als Haustierersatz pflegt) und sonstigen Krimskrams („Ich liebe diese Kerzen“).
Man könnte Graber toxische Positivität unterstellen, wenn diese nicht ihr Mantra wäre: „Dauerhafte Veränderungen entstehen durch die Entwicklung von Lösungen, die Veränderung von Denkweisen und die Förderung des Guten im Herzen der Menschen und in der Welt.“
Es gibt wirklich Schlimmeres im weltweiten Web.