In Oberösterreich sind die Rollen klar verteilt. Die schwarz-blaue Landesregierung hält Windräder für Teufelszeug, große Rechenzentren hingegen betrachtet sie mit bemerkenswerter Gelassenheit. Brisant wird das allerdings, sobald man einen Blick auf den Strombedarf solcher Rechenzentren wirft. Eines der größten in Europa baut Google derzeit ausgerechnet im oberösterreichischen Kronstorf.
Im April luden die Österreich-Chefin von Google und die oberösterreichische Landesregierung zum Spatenstich in die kleine Marktgemeinde an der Enns. In zwei Jahren soll dort ein großes Rechenzentrum eröffnet werden, rund 100 neue Arbeitsplätze sollen entstehen. Jetzt wurden weitere Ausbaupläne eingereicht: Der Standort in Oberösterreich soll zu einem der größten des Konzerns werden. Damit steigt auch der Strombedarf deutlich an – von ursprünglich 1,3 auf bis zu 3,5 Terawattstunden (TWh) pro Jahr, also etwa ein Viertel des gesamten Bedarfs von Oberösterreich. Ein Investment in Milliardenhöhe, das Strom in Unmengen verschlingen wird. Woher soll Oberösterreich die dafür nötige Energie liefern? Und zwar ohne die Strompreise für Haushalte und Unternehmen in der Region massiv in die Höhe zu treiben?
Bundesland mit hohem Strombedarf
Oberösterreich ist schon heute das Bundesland mit dem höchsten Stromverbrauch des Landes; 14 Terawattstunden im Jahr, im Vergleich zu 1,6 Terawattstunden im Burgenland. Angesichts der hohen Industriedichte verwundert das nicht. Doch der Strombedarf wird weiter steigen. Der Stahlproduzent Voestalpine will seine Produktion elektrifizieren und von kohlebefeuerten Hochöfen auf elektrische Lichtbogenöfen umstellen. Auch andere Industriebetriebe verfolgen ähnliche Pläne.
Durch den steigenden Strombedarf wird die Energiestrategie des Industriebundeslandes umso relevanter. Der Energiemarkt ist zwar europäisch, doch Anstrengungen, um zu dekarbonisieren und unabhängig zu werden, sind auf jeder Ebene wichtig. Der oberösterreichische Strommix wird von Wasserkraft dominiert, mit deutlichem Abstand folgen Photovoltaik, Geothermie und Windkraft, aber auch Erdgas und ein kleiner Kohleanteil in der Industrie. Der Anteil erneuerbarer Energieträger an der Stromerzeugung lag im Jahr 2024 bei rund 80 Prozent, zeigen die Zahlen der Statistik Austria. Das war allerdings ein besonders niederschlagsreiches Jahr und daher günstig für die Wasserkraft. Salzburg, Tirol, das Burgenland und Kärnten erreichten im selben Zeitraum bereits einen Anteil von 100 Prozent. „Oberösterreich produziert weniger Energie, als es verbraucht, und in den meisten Jahren auch weniger Strom, als es für seine Bürgerinnen und Bürger sowie die Industrie braucht“, sagt Christoph Dolna-Gruber von der Österreichischen Energieagentur. Das wird sich durch das neue Rechenzentrum verstärken.
Oberösterreich ist das Bundesland mit dem höchsten Stromverbrauch.
Windenergie – ein rotes Tuch in Oberösterreich
Google kündigt an, den Strombedarf seiner Rechenzentren zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie auszugleichen. Das bedeutet nicht, dass die Anlagen ausschließlich mit grünem Strom betrieben werden. Der Konzern kann auch als Ausgleich in lokale Energieprojekte investieren. Doch trotz dieser Ausgleichsstrategie steigen die Emissionen von Google beträchtlich. Das Unternehmen verzeichnete einen Anstieg um ein Viertel von 15,2 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente auf 18,9 Millionen Tonnen im heurigen Jahr, heißt es in dessen Nachhaltigkeitsbericht.
In Oberösterreich stellt sich beim möglichen Ausgleich die Frage: in welche erneuerbare Energie investieren? Das Bundesland produziert mehr Sonnenstrom als noch vor ein paar Jahren. Hier groß zu investieren, wäre angesichts der belasteten Netze an sonnigen Tagen wenig sinnvoll. Bei Windkraft gibt es hingegen noch viel Potenzial. Das Bundesland verfügt nur über gerade einmal 31 Windräder, im Burgenland sind es 460. Die schwarz-blaue Landesregierung hat allerdings große Teile des Bundeslands als Ausschlusszonen für Windkraft ausgewiesen. „Die traurige Nachricht ist, dass wir in den letzten elf Jahren nur ein einziges Windrad eröffnen konnten“, kritisiert etwa Grünen-Landessprecher und Klimalandesrat Stefan Kaineder.
Google könnte allerdings auch Atomstrom importieren. Laut EU-Taxonomie gilt Kernenergie als „grün“. In einer Landtagssitzung vom 16. April zeigte sich Wirtschaftslandesrat Markus Achleitner nicht abgeneigt. „Der Strom hat kein Mascherl. Er kommt aus der Steckdose, und wenn der Wind und die Sonne nicht gehen, dann kann es sein, dass sogar Atomstrom dabei ist.“ Mittlerweile ist er bei diesem Thema zurückhaltender. „Ein Projekt dieser Größenordnung bedarf intensiver Prüf- und Genehmigungsverfahren, die gerade im Laufen sind“, heißt es aus seinem Büro.
Wie viel erneuerbare Energie produzieren die Bundesländer?
Wie viel erneuerbare Energie produzieren die Bundesländer?
Netzbelastung hoch
„Ein Megaprojekt wie das Google-Rechenzentrum hat das Potenzial, die Netze ordentlich zu überlasten“, sagt Wolfgang Denk, Sprecher der Netze Oberösterreich. Sie haben 1,3 Terawattstunden in Kronstorf für Google reserviert, bis zu 1,7 TWh wären verfügbar. Das ist ausreichend für die ursprünglich geplante Version des Rechenzentrums, mit der Erweiterung bräuchte es die Anbindung an die stärkere Netzleitung. Die Austrian Power Grid (APG) baut dafür derzeit das Umspannwerk Kronstorf aus. Google hat eine maximale Netzzugangszusage von 3,5 TWh. „Für diese zusätzlichen Kapazitäten ist ein weiterer Ausbau im Umspannwerk erforderlich“, heißt es dort.
Für Rechenzentren ist derzeit keine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) vorgeschrieben. „Ich verstehe, dass das vor einigen Jahren noch kein Thema war. Aber wir brauchen dringend eine Gesetzesnovelle, damit Rechenzentren UVP-pflichtig werden“, sagt Grünen-Landessprecher Kaineder. Google darf zudem bis zu 30 Grad warmes Wasser in die Enns einleiten. Das wird von Bürgerinitiative, Politik und Umweltorganisationen stark kritisiert. „Es wäre sehr wichtig, die Abwärme zu verwenden und etwa in das Fernwärmenetz Steyr zu leiten. Google kommuniziert allerdings sehr intransparent, ob das geplant ist.“
Weltweit werden die Folgen des Rechenzentren-Baubooms zunehmend kritisch gesehen. In Irland ließ der Energiebedarf der Rechenzentren die Stromrechnungen der Haushalte um mehrere hundert Euro pro Jahr ansteigen, berichtet die britische Tageszeitung „The Guardian“. Die vielen Rechenzentren verbrauchten im vergangenen Jahr fast ein Viertel des gesamten Stroms des Landes, heißt es dort. In den USA vereinbarte Präsident Donald Trump mit großen Technologieunternehmen, dass sie ihren zusätzlichen Strombedarf selbst finanzieren oder eigene Kraftwerke bauen. Damit der Strompreis nicht so stark steigt.
Einen Preisanstieg wie in Irland werde es in Österreich nicht geben. „Irland ist eine Insel, hat nur Stromleitungen nach Großbritannien und ist damit nicht gut in den EU-Binnenmarkt eingebunden“, sagt Dolna-Gruber. Irland hat einen viel höheren Anteil an Gaskraftwerken, und damit schlägt der Effekt preissetzender Gasstunden viel eher durch. Dieser Effekt „verschmiert“ sich in Österreich durch die starke Anbindung an den europäischen Strommarkt. Doch Google ist nicht der einzige Techriese, der in Österreich Datenzentren baut. Seit fast einem Jahr laufen in Niederösterreich gleich drei Microsoft-Zentren mit enormem Energieaufwand.
Das Leben ist kein Gugelhupf, könnte man nach dem Spatenstich sagen. Dort präsentierte der oberösterreichische ÖVP-Landeshauptmann Thomas Stelzer gemeinsam mit Google-Österreich-Chefin Christine Antlanger-Winter die Mehlspeise als Googlhupf. Viele Menschen wollen künstliche Intelligenz verwenden, Unternehmen bauen darauf, und Rechenzentrum sind eben ein Teil dieser Entwicklung. Ist das hier eine „Nicht in meinem Hinterhof“-Geschichte? Das bekannte Phänomen also, dass Menschen eine Sache zwar prinzipiell befürworten, sich aber dann beschweren, wenn es bei ihnen in der Nachbarschaft gebaut wird?
Es braucht einen umfassenderen Blick: Rechenzentren sind ein zentraler Teil der KI-Entwicklung. Erst langsam wird sichtbar, welche Folgen ihr Ausbau für den Stromverbrauch, den Flächenbedarf und den Wasserverbrauch hat. Wie groß diese Anlagen gebaut werden und welche Ressourcen sie beanspruchen, sind daher wichtige Fragen. Dazu kommt, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen hinterherhinken. Für Rechenzentren gelten derzeit keine Umweltverträglichkeitsprüfungen – egal wie groß sie sind. Doch vor allem braucht ein Industriebundesland wie Oberösterreich eine tragfähige Energiestrategie, wenn es gleichzeitig neue Rechenzentren ansiedeln und seine Industrie elektrifizieren will.
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Clara Peterlik
ist seit Juni 2022 in der profil-Wirtschaftsredaktion. Davor war sie bei Bloomberg und Ö1.