Trockenheit: Wie Burgenlands Bauern ihr Wasser retten
Das Grundwasser wird weniger. Österreich will jetzt wissen, wer wie viel Wasser entnimmt. Im Seewinkel regeln die Bauern selbst, wie sie mit ihrem Wasser auskommen.
Auf Gerald Kerns Kartoffelfeld scheint die Welt in Ordnung. In wenigen Tagen beginnt die Ernte. Die Erdäpfelpflanzen stehen wadelhoch im satten Grün, trotz Hitzewelle und Trockenheit. Kern greift in die Erde und holt eine prächtige Kartoffel heraus. Bald wird sie im Frittierfett einer McDonald’s-Filiale schwimmen. Doch dass die Welt hier so in Ordnung scheint, verdankt Kern seinem Wasserschlauch und seinem Feldbrunnen.
„Wir arbeiten wassersparender und haben ausgemacht, niemand bewässert zu Mittag.“
In Österreich wird über Ziesel bei Bauprojekten und über Haselmäuse bei Stromleitungen gestritten. Ums Wasser ging es bislang selten. Die Ressource war im Überfluss vorhanden. Doch Trockenheit und Klimakrise lassen die Grundwasserreserven schrumpfen. Heuer sogar deutlich früher als sonst. Und die Wettermodelle verheißen einen besonders trockenen Hitzesommer. Wer wie viel Wasser entnehmen darf, wird zu einer heißen Frage – nicht nur im Burgenland. Der Rechnungshof forderte bereits vor zwei Jahren in einem Bericht belastbare Daten zur Wasserentnahme. ÖVP-Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig kündigte in der ORF-„Pressestunde“ an, dass ein Wasserentnahmeregister noch diesen Sommer kommen soll. Die Zeit drängt.
Am Rande des Kartoffelfelds liegt der dicke Bewässerungsschlauch. Mais, Kartoffeln und Soja werden hier in der Gegend bewässert. So war es auch vor vier Jahren, als das Burgenland einen regelrechten Wasser-Schocksommer erlebte. Damals erreichte der Pegel des Neusiedler Sees einen Rekordtiefstand, der daneben liegende Zicksee war komplett trocken. Gleichzeitig bewässerten Landwirte ihre Felder mit Grundwasser. Er sehe nicht ein, dass „bei sengender Mittagshitze bewässert wird, als gäbe es kein Morgen“, polterte damals SPÖ-Landeshauptmann Hans Peter Doskozil. Das Land erließ Bewässerungsverbote, so auch im darauffolgenden Jahr.
Seitdem hat sich einiges verändert. Die Bauern in der Region haben sich zusammengeschlossen, um einen öffentlichen Streit mit dem Land zu vermeiden. Landwirt Kern leitet die neu gegründete IG Bewässerung. „Wir arbeiten wassersparender und haben ausgemacht, niemand bewässert zu Mittag.“ Und wer hält sich daran? „Die gegenseitige Kontrolle funktioniert. Wer zu Mittag bewässert, bekommt schnell Besuch vom Nachbarn, und der sagt ihm klar und deutlich, dass er das lassen soll.“ Das Land legt Monat für Monat per Bescheid fest, ob und in welchem Ausmaß weiter bewässert werden darf. Landwirtschaftskammer-Vizepräsident Werner Falb-Meixner hält den Bescheid für Juli bereits in der Hand. Er sagt: „Noch haben wir genug Grundwasser.“ Aber einige Brunnen befinden sich bereits in der Warnstufe. Ohne Bewässerung wäre die Wertschöpfung in der Landwirtschaft hier um 80 Prozent niedriger, betont er – und damit könnten viele Landwirtschaftsbetriebe unmöglich überleben.
Das knappe Grundwasser ist längst ein österreichweites Thema. Auf dem bundesweiten Wasserportal eHYD dominieren rote und orange Markierungen: Sie stehen für niedrige bis sehr niedrige Grundwasserstände. Österreichweit verbraucht die Landwirtschaft im Schnitt 10 Prozent des Grundwassers, die Industrie 30 Prozent, und 60 Prozent entfallen auf die öffentliche Wasserversorgung. Doch die lokale Grundwasserrealität ist sehr unterschiedlich. Im nördlichen Burgenland braucht die Landwirtschaft am meisten Grundwasser, im Wiener Becken die Industrie.
Daher sind in diesem Fall lokale Daten besonders wichtig, um gezielt agieren zu können. Doch derzeit weiß niemand genau, wie viel Wasser Industriebetriebe und Landwirte aus Brunnen und Quellen entnehmen. Der Rechnungshof kritisierte bereits vor zwei Jahren in einem Bericht: „Die zur Wasserentnahme Berechtigten mussten die tatsächlichen Wasserentnahmen nicht an die Verwaltungsbehörden oder an das wasserwirtschaftliche Planungsorgan melden.“ Jahrzehntelang fiel das kaum ins Gewicht, Wasser war ausreichend vorhanden, aber der Druck stieg in den vergangenen Jahren.
Im Regierungsprogramm der Dreierkoalition kommt das Wasserentnahmeregister bereits vor, jetzt soll es tatsächlich kommen. „Die Stakeholder-Einbindung ist abgeschlossen, derzeit steht es kurz vor der Regierungskoordination“, sagt die zuständige Wasser-Sektionschefin Monika Mörth. Statt lokaler Absprachen und nachbarschaftlicher Kontrolle wie im Burgenland soll es österreichweit einheitliche Daten geben. Wasserzähler müssen installiert werden, die Länder und Bezirkshauptmannschaften sollen die Entwicklungen im Blick behalten. „Das Wasserentnahmeregister unterstützt die vorausschauende Planung, die bei Wasser ganz wichtig ist.“ Auch damit Ankündigungen wie in Pöggstall Einzelfälle bleiben. Dort drohte der Bürgermeister vergangene Woche mit einem Wasserstopp in der Nacht, wenn der hohe Wasserverbrauch der Bevölkerung nicht sinke.
In den kommenden Jahrzehnten wird der Wasserbedarf von Landwirtschaft und Bevölkerung um bis zu 15 Prozent steigen, prognostizierten die Autoren der Studie „Wasserschatz Österreich“ schon vor fünf Jahren. In der Industrie wird allerdings mit einem gleichbleibenden Wasserverbrauch gerechnet. Für den Greenpeace-Wasserexperten Sebastian Theissing-Matei fehlt ein Anreiz für große industrielle Wasserentnehmer, ihren Verbrauch zu senken: „Eine Wasserabgabe für industrielle Großverbraucher ist sinnvoll.“ Im Landwirtschaftsministerium sieht man das anders. Sektionschefin Monika Mörth verweist auf Erfahrungen aus anderen Ländern: „Andere Länder, die diese Bepreisung schon eingeführt haben, sind nicht besser unterwegs als Österreich. Jedenfalls wäre es ein großer bürokratischer Aufwand, deren Wirkung nicht klar ist.“
„Früher wurde hier entwässert, weil das Grundwasser so hoch stand“, sagt Kern.
Ernteezeit im Seewinkel
„Früher wurde hier entwässert, weil das Grundwasser so hoch stand“, sagt Kern.
Testversuche im Seewinkel
Zurück am Feld zeigt Landwirt Kern auf eine kleine blaue Fahne. Hier läuft ein Testversuch mit der Universität für Bodenkultur in Wien. Die Hälfte seines Erdäpfelfeldes ist mit einem Hydrogel behandelt, das das Wasser länger im Boden speichern soll. Wie gut es funktioniert, wird Kern erst nach der Ernte wissen. Am Rand der Felder verläuft ein Entwässerungskanal. „Früher wurde hier entwässert, weil das Grundwasser so hoch stand“, sagt Kern. Heute ist die Situation genau umgekehrt. In den vergangenen Jahren haben Landwirte und Gemeinden kleine Staubauwerke errichtet, damit das Wasser langsamer abfließt und länger im Boden bleibt.
Trockenheit und Hitze bringen Bewegung in die österreichische Wasserpolitik. In manchen Regionen könnte der Grundwasserbedarf bis zum Jahr 2050 nicht mehr gedeckt sein, wenn nicht rechtzeitig gegengesteuert wird, warnt die Studie „Wasserschatz Österreich“. Eine bessere Datenlage ist ein wichtiger erster Schritt. Die Frage ist, welche Entscheidungen getroffen, welche Prioritäten gesetzt werden und welche politischen Konsequenzen dann daraus gezogen werden.
Im Seewinkel ist Erntezeit. Die Zeit ist knapp, Kern muss schnell zum nächsten Feld, und er ist kein Mann der vielen Worte. Die Wasserdebatte scheint ihn fast ein wenig zu ermüden. Auf gut Burgenländisch sagt er, das Reden über das Wasser mache „einen laaren Saustall berad“ – viel Lärm um nichts. Doch seine Entspannung hat einen einfachen Grund: Er und seine Nachbarn passen sich an den Klimawandel und die Dürresommer an und haben aus den Konflikten der vergangenen Jahre Konsequenzen gezogen. In anderen Regionen ist das noch nicht passiert.
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Clara Peterlik
ist seit Juni 2022 in der profil-Wirtschaftsredaktion. Davor war sie bei Bloomberg und Ö1.