Eine Kuh mit offenem Maul ist grafisch vor einem Gebäude und rotem Hintergrund mit Textfragmenten kombiniert.
Bild anzeigen
Wählen Sie profil als bevorzugte Google-Quelle

Tierärztinnen rebellieren: „Zahle mehr an Kammer als ans Finanzamt“

Ein millionenschwerer Pflichtfonds, hohe Zahlungen unabhängig vom Einkommen – und Wut: Warum jetzt vor allem Tierärztinnen gegen ihre Standesvertretung sturmlaufen und das bald Gerichte beschäftigt.

Drucken

Schriftgröße

Hören Sie sich diesen Artikel an

Simone Reiter ist müde. Sie hat gerade ihren Dienst am Schlachthof beendet, wo sie und zwei Tierarztkollegen 25 Rinder und rund 400 Schweine untersucht haben – an einem Tag. Jedes Tier, das zum Schlachthof kommt, muss vor der Schlachtung angeschaut werden. Die Tierärzte und Tierärztinnen kontrollieren die Betäubung – kein Tier sollte unter Stress, Qualen oder bei vollem Bewusstsein sterben. Danach untersucht Reiter die Organe und das Fleisch. Gibt es Auffälligkeiten? Bakterien oder Viren, die für den Menschen gefährlich sein könnten? Erst wenn gewährleistet ist, dass das Fleisch zum Verzehr geeignet ist, setzen die Tierärztinnen ihren Genusstauglichkeitsstempel darauf. Wenn sich das Fleisch später als gesundheitsschädlich entpuppt, weiß man so, wer für die Kontrolle zuständig war oder gar einen Fehler gemacht hat.

„Es ist eine fordernde, aber wichtige Arbeit. Wir fangen manchmal um 5.45 Uhr in der Früh an“, erzählt Reiter. Sie ist frustriert. Nicht wegen ihres Jobs als Tierärztin, sondern wegen ihrer Standesvertretung, der „Österreichischen Tierärztekammer“ (ÖTK). „Ich zahle heuer mehr an die Tierärztekammer als an das Finanzamt“, sagt sie. Der Grund für diesen Frust ist ein sogenannter Versorgungsfonds, aus dem pensionierte Veterinärmediziner Leistungen beziehen. Er speist sich aus den monatlichen Beiträgen aller Tierärztinnen und Tierärzte – zusätzlich zur jährlichen Kammerumlage und bei Selbstständigen, wie Reiter, ganz unabhängig vom eigenen Einkommen. Sie möchte das nun ändern und ist bereit, vor den Verfassungsgerichtshof zu ziehen. Aber der Reihe nach.

Mit ihrer Unzufriedenheit ist Reiter nicht allein. Die jährliche Kammerumlage und einen – aus zusätzlichen Pflichteinzahlungen gespeisten – Hunderte Millionen Euro schweren Fonds sehen viele als finanzielle Belastung. Vor allem Tierärztinnen prangern das Kammersystem an – es sei veraltet und nicht auf die Lebensrealität von Veterinärmedizinerinnen abgestimmt, die forschen, mal selbstständig, mal angestellt sind, Kinder bekommen und Betreuungspflichten haben. Und vor allem: auch als Selbstständige nicht immer in Vollzeit arbeiten. Dabei ist heute kaum ein Beruf so weiblich wie die Tiermedizin.

profil sprach mit Tierärztinnen und Tierärzten, studierte interne Unterlagen der ÖTK und durchforstete Postings in Tierarztgruppen in sozialen Medien. Wie konnte die Kammer so viel Unmut auf sich ziehen?

Marina Delcheva

Marina Delcheva

leitet das Wirtschafts-Ressort. Davor war sie bei der „Wiener Zeitung“.