Gabriel Felbermayr und Holger Bonin
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Hoffnung über Hormus: Österreichs Wirtschaft erholt sich

Wifo und IHS sehen Österreichs Wirtschaft trotz Iran-Krieg und Energiepreisschock auf Erholungskurs. Doch die Sommerprognose zeigt: Der Aufschwung bleibt fragil. Fehlende Investitionen setzen die Baubranche unter Druck, Strukturreformen lassen auf sich warten.

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„Österreichs Wirtschaft und die Bürger sind noch einmal davongekommen“, sagt Holger Bonin, Direktor des Instituts für Höhere Studien (IHS). US-Zölle, der Iran-Krieg und der darauffolgende Anstieg der Energiepreise hätten eine „Delle“, in der sich erholenden Wirtschaft hinterlassen. Doch wenn die Grundsatzeinigung zwischen den USA und dem Iran hält und sich die Lage am Persischen Golf weiter beruhigt, könnte der Schock vorerst begrenzt bleiben. Die Wirtschaftsforschungsinstitute gehen davon aus, dass sich die Produktion und Transport von Rohöl und Erdgas ab der zweiten Hälfte 2026 schrittweise normalisieren. Zuletzt lagen die Energiepreise bereits wieder deutlich niedriger als auf dem Höhepunkt der Eskalation. Ein Lichtblick für die heimische Wirtschaft?

Am Donnerstag haben die beiden führenden Wirtschaftsforschungsinstitute, Wifo und IHS, ihre Sommerprognose vorgestellt. Die Wirtschaft ist im Vorjahr stärker gewachsen, als erwartet. Damit ist die Ausgangslage für das laufende Jahr günstiger. „Der Iran-Krieg bremst Österreichs Wirtschaft nur kurz aus, sinkende Energiepreise sorgen ab der zweiten Hälfte 2026 für neuen konjunkturellen Schwung“, sagt Wifo-Ökonom Stefan Ederer.

Österreichs Wirtschaft soll heuer um 0,8 Prozent (IHS) beziehungsweise 0,9 Prozent (Wifo) wachsen. Für das Vorjahr revidierte die Statistik Austria ihre Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung – ein üblicher Vorgang in Statistikämtern, da Daten laufend und teils mit monatelanger Verzögerung eingemeldet werden. Aufgrund dieser Datenbereinigung können die Wirtschaftsforschungsinstitute den „Überhang“ des Vorjahres in ihre Prognose für heuer mitnehmen.

Sommerprognose von Wifo und IHS
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Ganz ohne Narben zu verursachen, wird die Blockade der Straße von Hormus aber nicht an der heimischen Wirtschaft vorüberziehen. Die Inflation soll heuer bei 3,2 Prozent (WIFO) beziehungsweise 3,0 Prozent (IHS) liegen und 2027 auf 2,4 Prozent (WIFO) oder 2,3 Prozent (IHS) sinken. Die Europäische Zentralbank strebt mittelfristig eine Inflationsrate von zwei Prozent an. 

Das IHS rechnet im zweiten und dritten Quartal 2026 weiterhin mit einer Stagnation der österreichischen Wirtschaftsleistung. Erst gegen Jahresende soll die heimische Wirtschaft wieder Fahrt aufnehmen und langsam an das Vorkrisenniveau anschließen.

Energie und Dienstleistungen treiben Inflation

Die Kaufkraft bleibt schwach. Das Wifo erwartet, dass die Realeinkommen der privaten Haushalte heuer infolge der hohen Inflation schrumpfen. „Klarerweise war dieser Inflationsschub primär auf den Energiepreisschub zurückzuführen“, sagt IHS-Ökonom Klaus Weyerstraß. Doch ein weiterer Faktor treibt die Teuerung wesentlich an: Dienstleistungen. „Die Dienstleistungspreise sind im Mai um 4,4 Prozent gestiegen“, sagt Weyerstraß. Die Kollektivvertragsabschlüsse des Vorjahres, insbesondere in den niedrigeren Dienstleistungsbranchen, würden sich nun in den Konsumentenpreisen wiederfinden.

Wirtschaftsforscher Gabriel Felbermayr und Holger Bonin
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„Die jüngste Krise bringt uns in Erinnerung, dass es keine gute Praxis ist, Dinge so auf Kante zu trimmen, dass man gerade noch einmal so durchkommt“

IHS-Direktor Holger Bonin appelliert Strukturreformen anzugehen.

Gegensteuern soll die von der Regierung fixierte Senkung der Lohnnebenkosten. Aber: „Die starke Senkung der Lohnnebenkosten ist ein teures und wenig zielgenaues Element“, sagt IHS-Direktor Bonin. Für mehr wirtschaftliches Wachstum bräuchte es vonseiten der Politik stärkere Signale als das bisherige Doppelbudget: Aufbruchstimmung und „überzeugende“ Strukturreformen in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Energie und Verwaltung. „Die jüngste Krise bringt uns in Erinnerung, dass es keine gute Praxis ist, Dinge so auf Kante zu trimmen, dass man gerade noch einmal so durchkommt“, mahnt Bonin. Er verweist auf Deutschland, wo gerade eine umfassende Pensionsreform samt Streichung der Frührente und Erhöhung des Antrittsalters angekündigt wurde.

Robuster Arbeitsmarkt

„Der Arbeitsmarkt bleibt insgesamt robust“, sagt Weyerstraß. Das Arbeitsangebot steige, ebenso nehme die Beschäftigung zu. Das IHS erwartet für das laufende Jahr eine Arbeitslosenquote von 7,5 Prozent und für 2027 einen Rückgang auf 7,3 Prozent. Zurückhaltende Lohnabschlüsse aus dem Vorjahr und die hohe Inflation dämpfen im laufenden Jahr die Kaufkraft, wodurch die Realeinkommen der privaten Haushalte neuerlich schrumpfen.

Dass die Arbeitslosenquote heuer dennoch steigt, liegt nicht an einem Beschäftigungsabbau, sondern am wachsenden Arbeitskräfteangebot. Laut Wifo schrumpft zwar die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, zugleich steigt aber die Erwerbsbeteiligung älterer Personen, insbesondere von Frauen ab 60 Jahren und die Zahl ausländischer Arbeitskräfte nimmt zu. Die Zahl der Arbeitslosen dürfte also für 2026 noch leicht steigen, bevor sie 2027 erstmals seit vier Jahren wieder zurückgeht. 

Baubewilligungen gehen zurück 

„Die Europäische Zentralbank war gezwungen, die Leitzinsen zu erhöhen, und das spiegelt sich auch in höheren langfristigen Zinsen wider“, sagt Weyerstraß. Das belastet Investitionen, insbesondere in der Baubranche. Die lange Niedrigzinsphase der EZB hatte einen regelrechten Bauboom ausgelöst. Mit steigenden Zinsen und höheren Kosten für Baumaterialien – die Zementproduktion ist immens energieintensiv – fahren Bauträger ihre Projekte zurück. Zuletzt lag die Zahl der Baubewilligungen um 45 Prozent unter dem Niveau von 2019.

Gabriel Felbermayr und Holger Bonin
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Da würde man mit wenigen Änderungen im Mietrecht einen Boom auslösen können, der budgetär nichts kostet

Gabriel Felbermayr

Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo)

Gleichzeitig wirkt sich das Sparbudget zusätzlich auf die öffentlichen Investitionen aus. Bund, Länder und Gemeinden sparen bei Bauprojekten. Die ÖBB verkündeten diese Woche, ihren Rahmenplan anzupassen; längerfristige Projekte sollen in die Zukunft verschoben werden. Das IHS geht davon aus, dass die Bauinvestitionen in den nächsten beiden Jahren weiter sinken werden.

Neubaufördernd wäre laut WIFO-Direktor Gabriel Felbermayr eine Reform der gesetzlichen Rahmenbedingungen. Gerade bürokratische Hürden machten private Investitionen in Neubau und Sanierung, etwa in die energetische Sanierung von Altbauten, wenig attraktiv. „Da würde man mit wenigen Änderungen im Mietrecht einen Boom auslösen können, der budgetär nichts kostet“, so Felbermayr.

Die Sommer-Prognose steht allerdings unter einem Vorbehalt. ‑„Hoch bleiben natürlich insbesondere die geopolitischen Risiken. Zurzeit sieht es so aus, dass es zu einer Beruhigung am Persischen Golf kommt“, sagt Weyerstraß. Eine neuerliche Sperre der Straße von Hormus würde jedoch die Energiepreise erneut nach oben treiben, internationale Lieferketten belasten und in Folge die Inflation in die Höhe schnellen lassen. 

Kevin Yang

Kevin Yang

seit 2024 Redakteur und Faktenchecker bei profil Digital. Schwerpunkte: Arbeitsmarkt, Wirtschaftsrecht und Wohnbau. Davor bei „Wiener Zeitung“ und ORF.