Viele Knospen
Der heurige Frühling verspricht intensiven Pollenflug.
Allergien: Probiotika als Hoffnungsschimmer für Heuschnupfen-Geplagte
„Allergien sind vor allem ein Problem der Schleimhäute“, sagt Maximilian Bastl vom Pollenservice Wien. Bestimmte Proteine in den Pollen reizen sie und provozieren Schnupfen, tränende Augen, einen juckenden Gaumen sowie Reizhusten. Nun ist der Darm die größte Schleimhaut im menschlichen Körper – und er beherbergt etwa 80 Prozent der Immunzellen. Deshalb vermutet die Forschung schon lange, dass er bei Allergien eine Rolle spielen könnte. Eine Studie der Berliner Charité, erschienen im Fachjournal „Allergy“, lieferte dafür nun erste Hinweise.
In der Allergenkammer
Die deutschen Allergieforscher Karl-Christian Bergmann und Thorsten Zuberbier teilten für die Studie 166 Allergikerinnen und Allergiker in vier Gruppen auf. Drei davon bekamen Probiotika mit einer unterschiedlichen Anzahl von Mikrokulturenstämmen, eine Gruppe bekam Placebos.
Drei Mal drei Tage lang nahmen sie die Mittel, über zwei Wochen hinweg. Kurz nach jeder Einnahme setzen Bergmann und Zuberbier ihre Probanden in eine sogenannte Allergenexpositionskammer, um sie intensiv mit Pollen einzunebeln.
Signifikante Linderung
Das Ergebnis: Jene Gruppe, die das Probiotikum mit den meisten Mikrokulturenstämmen bekommen hatte, erfuhr teils deutliche Linderung. Es reduzierte die Symptome um bis zu 45 Prozent, im Vergleich zu 26 Prozent in der Placebogruppe. Nun bedürfe es weiterer Forschung, sagte Studienautor Thorsten Zuberbier der Branchenzeitung „Apotheke adhoc“: „Es ist noch viel zu tun, aber das Potenzial ist enorm – und für Millionen Allergiker ein erster echter Hoffnungsschimmer.“
Pollensaisonen
Wann welche Bäume und Gräser blühen. (Quelle: MedUni Wien, www.pollenservice.wien)
Intensiver Pollen-Frühling steht bevor
Das sieht auch Maximilian Bastl von der Medizinischen Universität so, der nicht an der Studie beteiligt war. Er beobachtet momentan für den Pollenservice Wien die Entwicklung von Hasel und Birke. Deren Zweige tragen heuer sehr viele Blüten, die – nach der Verschnaufpause durch den kalten Winter – einen intensiven Pollen-Frühling versprechen. Im Osten beginnt die Hasel bereits langsam zu blühen; sie bervorzugt wenige Grad über Null und Sonnenschein.
Vorbeugung mit Molkeprotein
Wie können sich Heuschnupfen-Geplagte darauf vorbereiten? „Man kann zum Beispiel die eben in Berlin getestete Einnahme von Probiotika mit möglichst vielen Stämmen probieren“, sagt Bastl. Ebenfalls als hilfreich erwiesen sich in einer Studie der MedUni Wien Lutschtabletten mit Molkeprotein. Sie können den funktionellen Eisenmangel ausgleichen, an dem viele Allergikerinnen leiden (und der nicht durch herkömmliche Bluttests zu ermitteln ist). Man sollte damit möglichst schon Tage oder Wochen vor Blühbeginn anfangen, der Zeitpunkt wäre jetzt ideal.
Ansonsten gilt: Die Pollen so gut wie möglich zu vermeiden und an Tagen mit hoher Belastung zu Hause zu bleiben. Wer trotzdem raus muss, kann Gesicht und Haare mit Sonnenbrillen, Kappen oder Hüten abschirmen. „FFP2-Masken helfen aber am besten“, sagt Bastl, der selbst unter Pollenallergien leidet.
Antihistamin und Kortison-Nasensprays
Gegen die Symptome helfen zudem Antihistamin-Tabletten, -Sprays oder -Tropfen aus der Apotheke. Letztere führten früher oft zu Müdigkeit, die neueren Präparate haben diese Nebenwirkung aber nicht mehr. Kortisonsprays stoppen die entzündlichen Prozesse, die ein wesentlicher Teil der Allergie sind. Die Mengen sind bei diesen Sprays so gering, dass Nebenwirkungen des Kortisons nicht zu befürchten sind.
Immuntherapie: Jetzt Termin machen für den Herbst
Eine Immuntherapie ist zwar aufwendig, aber bis dato die einzige Möglichkeit, das Problem an der Wurzel zu packen. Durch Spritzen, Tabletten oder Tropfen wird der Körper über drei bis fünf Jahre hinweg immer wieder mit dem Allergen „geimpft“ und hört im Idealfall irgendwann auf, mit einer überschießenden Immunantwort zu reagieren. Die Beschwerden lassen sich damit oft über viele Jahre hinweg lindern. Da die Kapazitäten bei Ärztinnen und Ärzten begrenzt sind rät Maximilian Bastl, sich bereits jetzt einen Termin für den Herbst zu sichern. „Das ist die ideale Jahreszeit, um eine Immuntherapie zu beginnen.“
Für Kinder mit Pollenallergie gilt zudem, möglichst früh mit einer Immunisierung zu beginnen. Mit Tropfen oder Tabletten können auch Kinder ab fünf Jahren schon desensibilisiert werden. So lässt sich verhindern, dass eine schwere Allergie sprichwörtlich in die Lunge rutscht, also vom Heuschnupfen zum Asthma mutiert.