Die Patientin mit Welpen im Schoß im Garten
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Abnehmspritze: Patientin gewinnt vor Gericht gegen Krankenkasse

Eine Adipositas-Patientin verlor mit Abnehmspritzen wie Ozempic enorm an Gewicht. Als die Kasse die Kosten plötzlich nicht mehr übernehmen wollte, zog sie vor Gericht – und bekam Recht.

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Andrea Tews ist zwar krank, aber nicht wehrlos. Das bewies die pensionierte Tierärztin, indem sie gegen die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) klagte und auf Anhieb gewann. „Begonnen hat alles mit einem negativen Bescheid im Juni 2024“, erzählt die 66-jährige Oberösterreicherin beim profil-Besuch. Sie sitzt an dem großen Holztisch in ihrer Küche, auf dem breiten Fensterbrett döst Terrier-Hündin Annika. Sie leidet seit vielen Jahren an schwerer Adipositas. „Nach eineinhalb Jahren wollte die Kasse die Abnehmspritzen plötzlich nicht mehr bezahlen“, berichtet Tews. 

Dabei hatte sie bereits 20 Kilogramm abgenommen, und die Pfunde purzelten weiter. Die Begründung der ÖGK laut Gerichtsakt: Arzneimittel würden „zur Unterstützung von gewichtsreduzierenden Maßnahmen nicht zur Krankenbehandlung eingesetzt“. Eine Gewichtsreduktion könne hingegen durch „diätische Maßnahmen und Lebensstiländerungen erzielt werden“.

ÖGK nicht auf dem Stand der Wissenschaft

Dem widerspricht die Forschung seit Jahren: Medizinerinnen und Mediziner bezeichnen die seit 2018 in Europa zugelassenen Abnehmspritzen als Durchbruch in der Therapie von krankhaftem Übergewicht. Bei den Wirkstoffen Liraglutid, Semaglutid und Tirzepatid (bekannt unter den Markennamen Saxenda, Ozempic, Wegovy und Mounjaro) handelt es sich um Sättigungshormone, die der Darm natürlicherweise bildet. Sie unterstützen  Menschen mit Adipositas, bei denen die körpereigenen Hormone nicht ausreichend wirken.

So ging es auch Andrea Tews. Seit Jahrzehnten hatte sie mehr oder minder erfolglos gegen ihr Übergewicht gekämpft. Schon nach wenigen Tagen mit der Spritze spürte sie Erleichterung: „Der permanente Heißhunger löste sich in Luft auf. Ich war schon nach kleinen Mahlzeiten satt“, sagt sie. Die Medikamente verlangsamen die Magenentleerung, fördern das Sättigungsgefühl und beenden den sogenannten „Foodnoise“, die permanenten Gedankenschleifen rund ums Essen (nachzulesen hier). Von den Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, Reflux, Durchfall und Verstopfung, die in den ersten Wochen und Monaten der Therapie häufig auftreten (nachzulesen hier), wurde sie verschont. 

Eindeutiges Gutachten vor Gericht

Deshalb war Andrea Tews nicht bereit, ihre neu gewonnene Lebensqualität aufzugeben. Als ehemalige Betriebsrätin wusste sie sich auch zu helfen – und wandte sich an die Arbeiterkammer, die sofort Einspruch gegen den Bescheid der ÖGK erhob. Der Fall landete am Landesgericht Linz. Bei der Verhandlung rollte ein Gutachter Tews Krankengeschichte aus: Sie leidet neben Adipositas seit vielen Jahren an Rheuma, gegen das sie immer wieder Cortison nehmen musste, was „zu einer weiteren massiven Gewichtszunahme führte“.

Andrea Tews mit Hundewelpen auf einer Gartenbank im Grünen
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„Ich habe nicht nur für mich geklagt.“

Die pensionierte Tierärztin will auch anderen Betroffenen Mut machen.

Wegen ihrer zusätzlichen Polyneuropathie bekam die Oberösterreicherin einen sogenannten Charcot-Fuß. Dabei brechen die Fußwurzelknochen und das Fußgewölbe oft unbemerkt bei wenig Belastung. Rasches Gehen und längeres Stehen sind für Tews ein Problem, an Sport im herkömmlichen Sinn ist deshalb nicht zu denken. „Die Klägerin musste aufgrund dessen ein halbes Jahr einen Gips tragen, in dieser Zeit stieg ihr Gewicht weiter an.“ Erst die Abnehmspritzen halfen.

Das Urteil: Kassa muss zahlen

Das Fazit des Gutachters: „Ohne die Einnahme dieser Präparate besteht bei der Klägerin ein hohes Risiko für eine weitere Gewichtszunahme, im konkreten Fall einhergehend auch mit einer Verschlechterung der Arthrose und einer weiter zunehmenden Immobilität der Klägerin.“ Die Gabe der Spritzen „war und ist daher medizinisch notwendig zur Verbesserung der bei der Klägerin bestehenden Grunderkrankungen. Es handelt sich im konkreten Fall keinesfalls nur um eine rein kosmetische Maßnahme.“

Die Richterin folgte dem Gutachter. „Demensprechend war im konkreten Fall die beklagte Partei zur Übernahme der Kosten der begehrten Präparate im notwendigen Umfang zu verpflichten“, heißt es in dem Urteil, das profil vorliegt. Das heißt: Die ÖGK musste die zwischenzeitlich privat besorgten Medikamente, die Prozesskosten und nun die weitere Therapie bezahlen.

Was die ÖGK dazu sagt

profil hat nachgefragt, ob das Urteil in der Krankenkasse etwas verändern wird. Die Antwort: „Die ÖGK ermöglicht bei einem entsprechenden medizinischen Krankheitsbild, das meist in enger Abstimmung mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten besprochen wird, den Zugang zu den erforderlichen Therapien und Medikamenten. Dazu zählen selbstverständlich auch jene Arzneimittel, die für die Behandlung von Adipositas zugelassen sind."

Weiters schreibt die Pressestelle der ÖGK: „Die WHO anerkennt Adipositas als eigenständiges Krankheitsbild." Das sind neue Töne. In einer Stellungnahme gegenüber profil stellte die ÖGK im vergangenen Sommer die Einstufung von Adipositas als Krankheit noch in Frage – freilich wider jede wissenschaftliche Erkenntnis: „Wir können Ihnen dazu sagen, dass ganz wenige adipöse Betroffene dieses Problem aus Krankheitsgründen haben. Primär hängt Adipositas mit der Lebensweise und der Ernährung zusammen, d.h. es geht um zu viel Kalorienzufuhr und zu wenig Bewegung“, hieß es im August 2025 aus der ÖGK-Pressestelle. 

„Ich habe nicht nur für mich geklagt“, sagt Andrea Tews auf dem Weg in den Garten, die Schritte setzt sie wegen des Charcot-Fußes vorsichtig. Sie wolle eine Vorkämpferin für andere sein, sagt sie. Sie weiß, dass es vielen Patientinnen und Patienten mit Adipositas ähnlich geht wie ihr. Die Kasse übernimmt die Kosten für die Abnehmspritzen bisher nur in Ausnahmefällen – und für Menschen mit Diabetes. „Diese Krankheit ist mir zum Glück erspart geblieben“, sagt Tews.

Tatsächlich wurde der Wirkstoff Semaglutid ursprünglich als Diabetesmedikament entwickelt, doch es wurde schnell klar, dass er auch Menschen mit Adipositas enorm hilft. Bianca Itariu, Internistin und Präsidentin der Österreichischen Adipositas Gesellschaft, setzt sich dafür ein, dass der wissenschaftliche Konsens rund um Adipositas endlich Eingang ins Gesundheitssystem findet. „Unsere Gesundheitsbehörden rücken wirksame Therapien in die Schmuddelecke“, sagt sie. Damit spielt sie darauf an, dass bei den Abnehmspritzen immer wieder von „Lifestyle-Produkten" die Rede ist.

Billiger fürs Gesundheitssystem, teuer für Einzelne

Dabei würden die Vorteile für das Gesundheitswesen und vor allem für die Betroffenen die Kosten der Spritze bei Weitem übertreffen: Bluthochdruck, Diabetes, Fettleber, Herz-Kreislauf-Probleme, Gelenkschmerzen, Krebs, sogar Sucht nach Alkohol und anderen Drogen – das Risiko für all diese Erkrankungen geht durch die Spritzen und den Gewichtsverlust deutlich zurück, wie Forschung und Praxis belegen. Für Einzelne sind die Medikamente mit monatlich zwischen 140 und 581 Euro (je nach Präparat und Dosis) allerdings teuer. „Für meine Patientinnen heißt das oft: Wie viele Kilo weniger kann ich mir leisten?“, sagt Bianca Itariu. Die Adipositas-Gesellschaft arbeitet aktuell an einem Strategiepapier, das evidenzbasierte Empfehlungen zur Prävention und Behandlung von Adipositas für Politik und Öffentlichkeit aufbereitet.

Wie andere für ihr Recht kämpfen können

Vor dem alten Bauernhaus von Andrea Tews tummeln sich vier Terrier-Welpen mit ihrer Mutter im Gras. Dass sie sich wieder so gut um ihre Schützlinge kümmern kann, habe sie der modernen Medizin zu verdanken, sagt die ehemalige Tierärztin. Im Moment spritzt sie sich einmal die Woche Ozempic, die Kasse bezahlt. „40 Kilo habe ich dadurch mittlerweile abgenommen“, sagt sie stolz. Jedes Gramm weniger hilft, den angegriffenen rechten Fuß zu entlasten.

Sie empfiehlt Betroffenen, ebenfalls für ihr Recht zu kämpfen. Dafür sei wichtig zu wissen, dass man einen negativen Bescheid erst bei der Kasse anfordern muss. „Danach muss man binnen vier Wochen Einspruch erheben. Am besten mit Hilfe der Arbeiterkammer“, rät Tews. Sie hofft aber, dass dies bald nicht mehr nötig ist. „Wenn die ÖGK endlich dem aktuellen Stand der Medizin folgt.“ 




 

Franziska Dzugan

Franziska Dzugan

schreibt für das Wissenschaftsressort, ihre Schwerpunkte sind Klima, Medizin, Biodiversität, Bodenversiegelung und Crime.