„Nächste Zielperson: Frau Anna Thalhammer“
Jan Marsalek war extrem gut informiert. Der Ex-Wirecard-Vorstand und mutmaßliche russische Spion kannte im Juni 2022 offenbar den Tagesablauf von hohen Mitarbeitern des österreichischen Sicherheitsapperats in- und auswendig: „Er geht in der Früh gerne joggen, startet von seiner Arbeits(!)adresse und läuft dann entlang dem Donaukanal oder der Prater Hauptallee“, schrieb Marsalek am 18. Juni 2022 an Orlin Roussev. Roussev wurde im Februar 2023 in London wegen Russland-Spionage verhaftet und im Mai 2025 gemeinsam mit fünf Bandenmitgliedern zu langen Haftstrafen verurteilt.
Im Juni 2022 dirigierte der Bulgare aber in Marsaleks Auftrag die Bulgaren-Truppe in Wien. Unter anderem sollten sie wichtige Führungsfiguren des Innenministeriums beobachten – offenbar, damit irgendwann „Ninjas“ genannte Taschendieben zuschlagen können. Dafür hielt er intensiven Chatkontakt mit einem „Rupert Ticz“, hinter dem die Ermittlungsbehörden Jan Marsalek vermuten. Und Marsalek dürfte noch ein weiteres Ziel im Auge gehabt haben, wie heute im Prozess gegen Egisto Ott verlesen wurde: „Nächste Zielperson: Anna Thalhammer”.
profil macht nun die wichtigsten Chats zwischen Marsalek und Roussev zur Operation „Diebstahl“ öffentlich.
Inhalt Inhaltsverzeichnis
Die Chats zeigen, wie detailliert die Informationen waren, die Marsalek zur Verfügung standen – und wie penibel der Österreicher Angriffe auf heimische Beamte und profil-Chefredakteurin Anna Thalhammer geplant hatte.
Anweisungen aus Moskau?
Die Anklage gegen Egisto Ott ist ein Puzzle aus 119 Teil-Vorwürfen. Im Kern geht es um die Frage, ob der frühere BVT-Beamte für Russland spioniert hat.
Die Staatsanwaltschaft Wien vermutet eine Auftragskette: Der frühere Wirecard-Vorstand Jan Marsalek soll Aufträge an den früheren BVT-Abteilungsleiter Martin Weiss erteilt haben. Weiss soll die Aufträge dann Ott gegeben haben. Und der soll dann im BVT für Russland spioniert haben.
Ott bestreitet die Vorwürfe vehement. Es gilt die Unschuldsvermutung
Doch wie verbinden die Ermittler Egisto Ott mit den Londoner Chats? Einerseits geht es um die mutmaßliche Übergabe dreier Handys aus dem Innenministerium und eines speziell gesicherten Laptops. Alle vier Geräte sollen in einer Wohnung, in der Verwandte von Ott wohnen und zu denen Ott einen Schlüssel hat, an Handlanger von Marsalek übergeben worden und dann nach Russland gebracht worden sein. Andererseits um diese Taschendieb-Aktion im Sommer 2022 – und den Investigativjournalisten Christo Grozev.
profil berichtet ausführlich über russische Spionage in Österreich und die Causa Egisto Ott.
Die Recherchen von profil können Sie auch als Podcast hören:
- Russlands Einfluss in Österreich: Nicht zu fassen: Putin
- Der Prozess gegen Egisto Ott: Nicht zu fassen: Showdown einer Staatsaffäre
Abgefragt und eingebrochen
Marsaleks Handlanger sollen Grozev wochenlang beobachtet haben und später in seine Wohnung eingebrochen sein, wo sie einen Laptop gestohlen haben sollen. Grozevs Wohnadresse könnte der mutmaßliche russische Agent von Egisto Ott erhalten haben, vermutet die Staatsanwaltschaft: Ott hatte am 24. März 2021, ein knappes Monat nachdem er aus Untersuchungshaft entlassen worden war, im Meldeamt in Spittal an der Drau die Adresse von Grozev abgefragt. Rund zwei Stunden nach Otts Abfrage in Kärnten schrieb Marsalek:
Ott bestreitet jeden Vorwurf der Russland-Spionage und zweifelt die Authentizität der Chat-Nachrichten an. Es sei völlig ungeklärt, wer hinter dem Namen Rupert Ticz (hinter dem die Ermittler Jan Marsalek vermuten) stecke, so seine Verteidigung.
Der Richter fragte heute im Prozess dennoch, wen Ticz mit einer Nachricht zu „meinem österreichischen Freund, der verhaftet wurde“, gemeint haben könnte. Er könne den Inhalt fremder Chatnachrichten nicht beurteilen, sagte Ott: „Das müssen sie die fragen, die da schreiben. Aber im März 2021 war ich schon seit Wochen enthaftet.“
Operation Diebstahl
Unabhängig davon, ob sich hinter dem Namen Rupert Ticz der Österreicher Jan Marsalek versteckt: Die Person dürfte im österreichischen Sicherheitsapparat gut vernetzt gewesen sein und sie plante im Sommer 2022 offenbar im Auftrag des russischen Geheimdienstes FSB mehrere Spionage-Operationen.
Eine dieser Aktionen bezeichnen die österreichischen Ermittler als Operation „Diebstahl“:
Marsalek schickte danach gleich zwei weitere „Zielpersonen“ an Roussev durch. Einer davon war ein ehemaliger Vorgesetzter von Egisto Ott im BVT. Zu ihm sendete Marsalek besonders detaillierte Informationen:
Am 10. Juli schickte sich Ott ein Mail zu privaten Informationen des BVT-Beamten, darunter dessen private Wohnadresse. Am 11. Juli schickte Marsalek die Adresse an Roussev weiter.
Die österreichischen Ermittler halten dazu in einem Bericht fest: „Diese Nachrichten zeigen einmal mehr, dass MARSALEK auf mehrere Netzwerke gleichzeitig zurückgriff, um seine Aufträge aus Russland erfolgreich durchzuführen und Belege dafür abzuliefern.“ Die beschriebenen Observationen würden auch die Vorgehensweise russischer Nachrichtendienste offenlegen: Durch ausgelagerte Agenten solle eine Rückführbarkeit nach Russland unmöglich gemacht werden. „Außerdem müssen praktische Annehmlichkeiten berücksichtigt werden, nämlich, dass die Informationen über OTT am einfachsten und schnellsten zu beziehen waren.“ Ott bestreitet diese Vorwürfe vehement, es gilt die Unschuldsvermutung.
Thalhammers Schatten
Die Spionage-Aktion war dennoch weniger erfolgreich als von Marsalek erhofft. Ein Grund dürfte Tsveti D. gewesen sein. Die Bulgarin soll eine „Wegwerf-Agentin“ gewesen sein: Sie zeigt sich geständig, für Geld unter anderem Anna Thalhammer nachspioniert zu haben, will aber nicht gewusst haben, für wen sie gearbeitet hat. Sie habe ihre Aufträge zunächst für ein Studentenprojekt gehalten, später habe sie gedacht, dass ihre Auftraggeber für Interpol arbeiten würden, behauptete Tsveti D. gegenüber der Polizei.
Im Sommer 2022 wartete die Bulgarin jedenfalls vor Thalhammers damaliger Redaktion und in dem von Marsalek beschriebenen Restaurant auf die heutige profil-Chefredakteurin. Am 11. Juli 2022 fotografierte sie etwa um 9.39 Uhr mit ihrem Android-Handy die damalige Redaktion von Thalhammer.
Doch Tsveti D. wartete vergeblich, die mutmaßliche Spionin sah Thalhammer nicht. In den folgenden Tagen war sie wieder im Restaurant und filmte von dort aus den Redaktionseingang.
Am 17. Juli informierte Roussev Marsalek:
Am 23. Juli teilte Roussev mit, dass die „Ninjas“ genannten Taschendiebe bereit seien: „wir haben die Routine und Orte festgelegt“. Marsalek wollte daraufhin den Plan offenbar erweitern. Auch der Chef des österreichischen Geheimdienstes sollte bestohlen werden, gemeint war womöglich der damalige DSN-Chef Omar Haijawi-Pirchner.
Anfang August versuchte Tsveti D. laut Fotos und ihrer Aussage dann, einen weiteren hohen Beamten des Innenministeriums zu beschatten. Auch probierte sie weiter, Anna Thalhammer zu beobachten, doch: „Gerade die Restaurantbesuche im XXX waren teuer und ich konnte bzw. wollte mir das gar nicht leisten.“ Ihre Auftraggeberin, die wiederum im Auftrag von Roussev handelte, habe ihr daraufhin 50 Euro überwiesen.
Die Mühen der Spionage
Am 10. August wurde Marsalek ungeduldig:
Doch es kam nichts. Im ganzen August dürfte Tsveti D. wenig erfolgreich gewesen sein. Am 24. August 2022 schrieb sie ein weiteres Mitglied der in London verurteilten Spionage-Bande via Facebook-Messenger: „Ich überlege, mit der Journalistin zu beginnen, du sagtest, einen nach dem anderen.“ Und tags darauf: „Heute war ich bei Ani, der Journalistin von 7 in der Früh bis 7 am Abend, habe aber niemanden gesehen, der ihr nur annähernd ähnlich geschaut hat. Jetzt habe ich mehr Zeit, die ich aufwenden kann, aber es ist eine Glückssache. Schauen wir halt.“
Die österreichischen Ermittler gehen davon aus, dass diese Operation „Diebstahl“ somit im September 2022 zumindest befristet eingestellt wurde. Am 8. Februar 2023 wurden Roussev und sein bulgarisches Agenten-Team in London festgenommen.
Doch die österreichischen Ermittler gingen in einem Bericht davon aus, dass Marsaleks Tätigkeiten durch die Verhaftung nicht wesentlich beeinträchtigt wurde: „Eine Fortführung der Operation 'Diebstahl' zur Erreichung des Operationsziels in Österreich ist zumindest möglich.“
Der Prozess gegen Egisto Ott wird indes am morgigen Donnerstag mit der Verlesung weiterer Chats fortgesetzt.
Ein Urteil wird nicht vor Sommer erwartet: Die darauf folgenden Termine sind für 20. April und dann in der Woche vom 8. Juni geplant. Der verurteilte Russland-Spion Orlin Roussev überlegt offenbar noch, ob er als Zeuge aussagen will.