Eine Zeichnung von Jan Marsalek hinter der Beliner Skyline
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Neue Chats und Ermittlungsakten legen nahe, dass Jan Marsalek Verbindungen zum deutschen Nachrichtendienst BND gehabt haben könnte.

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„Die Wahrheit wird sowieso nicht ans Licht kommen“, ist sich Jan Marsalek am 16. November 2020 sicher: „Alle werden einfach leugnen, leugnen, leugnen.“ Der Österreicher ist zu diesem Zeitpunkt bereits in Russland untergekommen.

Heute ist Jan Marsalek der meistgesuchte Europäer. Er soll als Vorstand des deutschen Zahlungsdienstleisters Wirecard für eine Milliardenpleite verantwortlich sein. Was die Öffentlichkeit im Herbst 2020 nicht weiß: Marsalek dürfte auch für Russland spioniert haben. Bis heute dürfte Jan Marsalek einer der wichtigsten Spione im Dienste Moskaus sein. profil berichtete ausführlich.

Glaubt man den Chats, die Marsalek im Herbst 2020 mit seinem Gehilfen Orlin Roussev ausgetauscht hat, könnte der Österreicher aber auch mit deutschen und amerikanischen Nachrichtendiensten zusammengearbeitet haben: „Meine einzige Sorge ist, dass einer meiner ehemaligen Vorstandskollegen, der von einigen Aspekten unserer Arbeit mit dem BND und der CIA wusste, etwas zugeben könnte“, schrieb Marsalek am 16. November 2020 weiter, und spekulierte: „Wahrscheinlich wird dieser Mann dann einen Selbstmord im Epstein-Stil im Gefängnis haben.“

Marsalek „mit dem BND in Kontakt“

Hat der russische Spion Jan Marsalek tatsächlich Kontakte in den deutschen Nachrichtendienst oder prahlte er nur in den Chats? Ermittlungsakten, die profil und „Süddeutscher Zeitung“ vorliegen, zeigen, dass auch die österreichischen Behörden vermuten, „dass Marsalek mit dem BND in Kontakt steht“.

Ende April 2021 hatte Marsalek seinen Gehilfen Roussev gefragt: „Hast Du immer noch die Kontrolle über die deutsche Mobilfunknummer, die wir für den BND-Chat genutzt haben?“ 

Marsalek könnte auch beim Kauf von speziell verschlüsselten SINA-Laptops mit dem deutschen Nachrichtendienst in Kontakt gestanden sein: „Ich habe jemanden gefunden, den der BND tatsächlich ausspionieren will, sodass sie uns buchstäblich zum Kauf der Laptops gedrängt haben 😂“, schrieb Marsalek am 11. Mai 2022. Aus Sicht der österreichischen Ermittler gibt Marsalek hier an, „dass der BND maßgeblich in diese Beschaffung involviert sei“.

Ein Keil zwischen westlichen Geheimdiensten

Die österreichischen Ermittler vermuten daher, „dass Marsalek mit dem BND in Kontakt steht sowie, dass der BND die Möglichkeit besitzt, über SINA-Geräte Benutzer auszuspionieren“. Eine derartige bewusste Sicherheitslücke „könnte bei Offenlegung einen Keil zwischen westliche Nachrichtendienste treiben oder auch ein eigenes Ausnutzen dieser Lücke ermöglichen“, halten die Ermittler fest. 

Neu wäre das nicht, schreiben auch die Ermittler: BND und CIA hatten auch die Schweizer Firma Crypto AG verdeckt betrieben und jahrzehntelang bewusst Chiffriergeräte mit geschwächter Verschlüsselung verkauft. „Berichten zufolge war hatte der KGB ebenfalls Kenntnis der Schwachstelle erlangt und nutze diese um verschlüsselte Kommunikation anderer Staaten zu entschlüsseln.“

Könnte Russland nun mit Marsaleks Hilfe die nächste Sicherheitslücke ausnutzen? 

Von Wien nach Moskau

Zumindest ein Laptop dürfte es von Wien über Istanbul nach Moskau geschafft haben. Alexander Surowiec, ehemals Pressesprecher der FPÖ, hatte im Jahr 2022 fünf SINA-Laptops offiziell für sein „journalistisches Projekt“ mit dem Namen „Fass ohne Boden“ erworben, im Oktober kamen sie bei ihm an. Drei der Geräte übergab Surowiec an Egisto Ott, der einstige BVT-Beamte sollte angeblich ein künftiger journalistischer Mitarbeiter werden. 

Am 16. November 2022 schrieb Marsalek: „Die Laptops werden in Wien sein. Wir würden dem Typen die 20.000 Euro geben und ‚im Gegenzug‘ könnten wir einen der Laptops abholen.“ Die Übergabe von Geld und Laptop soll dann den Chats zufolge in der Wohnung von Verwandten von Egisto Ott stattgefunden haben. 

Ott bestreitet, für Russland spioniert zu haben. Am 22. Jänner beginnt in Wien der Prozess gegen ihn. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Glaubt man Marsalek, waren die verschlüsselten Laptops für Russland hochrelevant: „[W]er auch immer da involviert ist, wird wahrscheinlich eine Medaille oder etwas bekommen, daher sind sie alle komplett aufgeregt 😂“, schrieb der Österreicher am 11. Dezember an Roussev. Am 13. Dezember dürfte der Laptop dann in Moskau angekommen sein: „Der Laptop ist gerade ohne Probleme durch den Zoll gekommen und befindet sich im Auto zur Lubjanka. 👍“, schrieb Marsalek. Lubjanka ist das Hauptquartier des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB.

Welche Kontakte hatte oder hat Jan Marsalek nun in den deutschen Nachrichtendienst BND? Auf Anfrage der „Süddeutschen Zeitung“ antwortet der BND nur, man nehme „zu Angelegenheiten, die etwaige nachrichtendienstliche Erkenntnisse oder Tätigkeiten betreffen, grundsätzlich nicht öffentlich Stellung“. Aus dem Umfeld der Behörde heißt es zur „Süddeutschen Zeitung“, es gebe keinen Anlass, die Causa Marsalek neu zu bewerten. Man habe keine Erkenntnisse, dass Mitarbeiter des BND Kontakt zu Marsalek hatten oder haben.

Max Miller

Max Miller

ist seit Mai 2023 Innenpolitik-Redakteur bei profil. Schaut aufs große Ganze, kritzelt gerne und mag Grafiken. War zuvor bei der „Kleinen Zeitung“.