Putins Spione: Out of the Dark
Schriftgröße
Seit einem Jahr gehe ich nur mehr mit einem Taschenalarm aus dem Haus. Das hat mir die Polizei dringend empfohlen, nachdem sie meine Wohnung sicherheitstechnisch überprüft hatte. Hinter mir waren (oder sind) russische Spione her. Sie haben mich an meinen Arbeitsplatz und bis vor meine Wohnung verfolgt, mir monatelang aufgelauert, weil ich ihnen mit meiner Arbeit zu nahe gekommen bin.
Ich schreibe seit Jahren über Geheimdienste – mit Fokus auf Russland. Dass Wladimir Putin einen Krieg gegen den Westen führt, zeichnete sich spätestens mit der Annexion der Krim 2014 ab. Putins Kampf hierzulande ist dagegen schleichend, leise. Spaltung durch Unterwanderung ist die liebste Waffe des Ex-KGB Mannes, der heute im Kreml sitzt.
Als überzeugte Demokratin finde ich, dass man sich dagegen wehren muss. Scheinwerfer durch Öffentlichkeit sind das beste Mittel, wenn es darum geht, dunkle Machenschaften aufzudecken. Aber auch die Schattenwelt weiß sich zu wehren – und macht das meistens nicht mit Anwaltsbriefen bezüglich Medienrecht.
Ich habe allerdings nicht damit gerechnet, dass ich in eine derartige Gefahr geraten werde, nur weil ich meinen Job mache. Das geht vielen österreichischen Ermittlern, die an Fällen von Russlandspionage gearbeitet haben, wohl ähnlich. Auch sie und ihre Familien wurden Ziel jener Agentenzelle, hinter der sie her waren: Es gab Verleumdungskampagnen. Einbrüche in Wohnungen. Observationen. Mordpläne. Und ab einem gewissen Punkt war und ist nicht mehr klar, wer hier eigentlich wen jagt.
Das alles klingt wie abgedroschener Netflix-Stoff, aber es ist die Realität, ich kann es manchmal selbst kaum glauben. Aber wie hat das alles angefangen?
Die FSB-Zentrale in Moskau
Die FSB-Zentrale in Moskau
© APA/AFP/ALEXANDER NEMENOV;
Die FSB-Zentrale in Moskau
Die FSB-Zentrale in Moskau
2018 fand im österreichischen Verfassungsschutz (damals noch BVT) eine Hausdurchsuchung statt – alles daran war skandalös, der Vorgang wurde später für rechtswidrig erklärt. Für jene, die ihn zu verantworten hatten, gibt es bis heute keine Konsequenzen, im Gegenteil. Herbert Kickl, damals der zuständige FPÖ-Innenminister, führt heute Umfragen an und gewinnt Wahlen.
Er hat in freundlicher Kooperation mit der WKStA-Staatsanwältin Ursula Schmudermayer (die später zur europäischen Staatsanwältin befördert wurde) dafür gesorgt, dass ein Trupp an FPÖ-freundlichen Polizisten unter fadenscheinigen Bedingungen eine Razzia im Herzen des österreichischen Sicherheitsapparats durchführen konnte.
Das Giftl-Schriftl
Zuerst gab es ein Pamphlet, das Journalisten schon nach dem ersten Check als recht substanzlos einstuften. Die Justiz unterließ hingegen solche Grundrecherchen. Dann tauchten plötzlich „Zeugen“ auf. Kickls Kabinettsmitarbeiter hatten sie der Justiz zugeführt. Und ebendiese „Zeugen“ sind heute Protagonisten in den größten Ermittlungen rund um Russlandspionage, die es in Österreich jemals gegeben hat.
Ich habe dazu, ohne Übertreibung, im Laufe der Jahre wohl Hunderttausende Aktenseiten gelesen, zig Gespräche geführt – und bin zu der Überzeugung gelangt: Die Operation im Herzen des österreichischen Sicherheitsapparates wird von einer fremden Macht gesteuert. Und ich gehöre wirklich nicht zu jener Sorte Journalisten, die überall eine Verschwörungstheorie wittern.
Im Jahr 2025 bekam ich dann eine weitere Bestätigung: wieder Zigtausende bisher geheim gehaltene Akten. Die Ermittler sind offenbar zu demselben Schluss gekommen wie ich.
Aber wie kam es so weit? Im Vorfeld der Nationalratswahl 2017 wurde die FPÖ gezielt mit Falschinformationen gefüttert. Diese befeuerten die der Partei innewohnende Paranoia, alle anderen politischen Mitbewerber hätten sich gegen sie verschworen, vor allem die ÖVP. Der Staatsschutz, der auch gegen Rechtsextremismus ermittelt, war der FPÖ schon immer ein besonderer Dorn im Auge – was dort in den Akten stand, war für sie eine Blackbox. Die zugespielten „Informationen“ über das BVT fielen bei den Blauen also auf fruchtbaren Boden.
Hinter der Kampagne stand niemand Geringerer als Jan Marsalek, bis 2020 Wunderwuzzi der deutschen Tech-Branche und Vorstand von Wirecard, einem hoch angesehenen börsennotierten Unternehmen. Bis aufflog, dass dahinter ein grandioser Bilanzschwindel steckte. Und dann stellte sich auch heraus, wer Marsalek wirklich ist: Putins wohl wertvollster Spion. Heut nimmt man an, dass er schon seit dem Jahr 2015 für Russland operierte.
Zwei gute, mutmaßlich kriminelle Freunde
Jan Marsalek und Martin Weiss
© privat
Zwei gute, mutmaßlich kriminelle Freunde
Jan Marsalek und Martin Weiss
Marsalek flüchtete im Sommer 2020, bevor ihn die Staatsanwaltschaft festnehmen lassen konnte, nach Moskau. Stück für Stück wurde klar, welches Spiel hier läuft. Der Mann hatte sich mit den Millionen, die ihm zur Verfügung standen, ein Netzwerk aufgebaut, das der Mission seines Auftraggebers, des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, zuträglich war: mutmaßlich korrumpierte Beamte in Österreich – vielleicht auch in Deutschland. Selbst ernannte Nachrichtendienstler – und echte. Banden aus der organisierten Kriminalität – und schlicht Personen, die Aufträge gegen Geld erledigten, ohne lange nachzufragen.
Licht in die Unterwelt
Wühlt man sich durch die Akten, sieht man, dass allein in Österreich Hunderttausende Euros (gerne bezahlt in Kryptowährung) in russische Operationen geflossen sind. Geld hat für Jan Marsalek noch nie eine Rolle gespielt.
Er zahlte dafür, dass Personen observiert wurden. Dass Personen in Polizeicomputern und anderen Registern für ihn abgefragt wurden. Er führte Desinformationskampagnen durch – und schmiedete Mordpläne gegen unliebsame Journalisten. Man stahl hohen Sicherheitsbeamten die Handys und verbrachte diese in die FSB-Zentrale nach Moskau. Man exportierte geheime westliche Hochsicherheitstechnologie, damit die Russen sie „demontieren“ können, wie Marsalek das formulierte. Warum? Um Sicherheitslücken zu finden und diese für Spionageangriffe zu nützen. Und wie man heute weiß, hat Marsalek es auch geschafft, das Herz des österreichischen Sicherheitsapparats zu öffnen und tiefgehend zu infiltrieren.
Das ist, stark verkürzt, nur das, was auf österreichischem Grund und Boden passierte. profil berichtete ausführlich, Sie finden alles auf unserer Website. Es gab aber auch etliche andere Operationen in Bulgarien, Großbritannien, Italien, Montenegro, Deutschland – und vielen weiteren Ländern. Je tiefer man sich in die Thematik hineingräbt, desto größer erscheint das Universum, in dem sich diese Geschichte abspielt.
Woher man das alles weiß? In Österreich starteten schon bald nach der BVT-Razzia im Jahr 2018 Ermittlungen. Ein ehemaliger BVT-Beamter, Egisto Ott, wurde der Russlandspionage verdächtigt. Er bestreitet alle Vorwürfe. Man vermutete bald, dass er um die inszenierte Razzia eine zentrale Rolle gespielt haben könnte – ebenso sein ehemaliger Vorgesetzter Martin Weiss, der einst mächtige Abteilungsleiter im Staatsschutz. Von beiden trennte man sich 2017 wegen mutmaßlicher Malversationen. Weiss war kurz darauf einer der zentralen „Zeugen“ in der BVT-Causa. Ott ebenso. Beide gelten als Autoren des besagten Pamphlets, beide streiten das ab.
Österreich mitten im Kreml
Zwei Jahre später, im Frühjahr 2020, wird mit Jan Marsaleks Flucht rasch klar: Er arbeitet für Russland. Und es stellt sich noch etwas heraus: Martin Weiss arbeitete seit seinem Rauswurf im BVT für ihn, wickelte Spezialaufträge im nachrichtendienstlichen Bereich ab. Vielleicht tat er das auch schon länger – die beiden kennen sich seit 2014/15. Auch Egisto Ott soll Aufträge für Marsalek ausgeführt haben: Personenabklärungen im Auftrag Russlands. Dafür soll er auch Datenabfragen in Polizeicomputern gemacht und seine Kontakte zu Polizeibeamten im Ausland genützt haben. Er bestreitet alle Vorwürfe.
Die Ermittler haben ganze Arbeit geleistet, sind jedem Vorwurf bis ins kleinste Detail nachgegangen – die Qualität ihrer Arbeit ist beachtlich. Ebenso beachtlich ist aber auch, dass sich Deutschland bislang nicht sonderlich um die Aufklärung der Spionagetätigkeiten rund um Marsalek bemüht hat. Warum? Weil Wirecard auch mit dem Deutschen Bundesamt für Nachrichtendienst (BND) gearbeitet hat? Immerhin wurden verdeckte Quellen über den Zahlungsdienstleister entlohnt. Man bemüht sich jedenfalls, dass dazu nicht allzu viel an die Öffentlichkeit gelangt.
Egisto Ott und Jan Marsalek
Ott erledigte für Marsalek Aufträge
© APA/Montage: profil
Egisto Ott und Jan Marsalek
Ott erledigte für Marsalek Aufträge
Trotz der intensiven Ermittlungsarbeit in Österreich ist die Beweisbarkeit in Spionagefällen eine schwierige Sache. Ein Fax von Wien nach Moskau wird es nie geben. Wohl auch deswegen ist es in den vergangenen Jahrzehnten im Sprengel Wien zu keinen Anklagen in diesem Bereich gekommen – die Gesetzeslage ist schwammig. Und hinschauen wollte man bisher wohl auch nicht so ganz genau.
Wien gilt als Hauptstadt der Spione. Bisher spähten sich aber eher die vielen in Wien vertretenen Nationen gegenseitig aus. Es galt das stille Agreement, dass man Österreich in Ruhe lässt – und dass wir dafür nicht so genau hinschauen. Österreichische Lösung eben. Aber dann änderten sich die Vorzeichen.
2024 gelang nach jahrelangen Ermittlungen der Durchbruch – und plötzlich standen die Ermittler vor einem ganzen Schatz an schriftlichen Beweisen. In London wurde im Frühjahr 2023 eine Zelle von Bulgaren ausgehoben, die im Verdacht standen, für Russland zu spionieren.
Es gab eine groß angelegte Razzia, die Ermittler kassierten Berge an Handys und anderer Datenträger ein – und konnten ihr Glück kaum fassen: Die Meisterspione hatten offenbar noch nie etwas von selbstlöschenden Nachrichten gehört. Zigtausende Chats entlarvten im Detail, wie die Bande arbeitete. Ihr Auftraggeber: Jan Marsalek. Die britischen Behörden kooperieren mit den österreichischen, 2024 wurden die Ermittlungen hierzulande intensiviert. Und so kamen auch die beiden Sicherheitsbeamten aus Österreich, die mutmaßlich für Marsalek gearbeitet haben, in die Ziehung.
Martin Weiss versteckt sich in Dubai. Nach profil-Informationen zahlt der Staat noch immer einen Teil seines Gehalts – weil er als Ex-Beamter ein Recht darauf hat. Man könnte es als Staat natürlich auch darauf anlegen, ob jemand, der wie Weiss mit internationalem Haftbefehl gesucht wird, es seinerseits darauf anlegt, sein Gehalt einzuklagen. Dann wüsste man vielleicht wenigstens seinen Aufenthaltsort. Auch Ott bekommt zwei Drittel seines Gehalts. Das Innenressort will sich dazu nicht äußern.
Der russische Präsident
versucht Europa mit seinen Spionen zu unterwandern.
© APA/AFP Alexey Druzhinin
Der russische Präsident
versucht Europa mit seinen Spionen zu unterwandern.
Egisto Ott steht ab 22. Jänner 2026 vor Gericht. profil wird ausführlich berichten. Ich darf Ihnen als Vorbereitung gerne unseren Ott-Podcast ans Herz legen. Und unsere vielen Artikel zum Thema. Der Prozess wird sich über Monate ziehen – das Jahr 2026 wird in dieser Hinsicht ein entscheidendes für uns.
Nicht nur wir Journalisten beobachten den Prozess mit Argusaugen. Er wird international zu einer Nagelprobe. Ott, aber vor allem der Umgang mit diesem Fall, soll ein Hauptgrund dafür gewesen sein, warum der österreichische Nachrichtendienst von seinen internationalen Partnern lange auf Eis gelegt wurde. Mich sprechen internationale Diplomaten häufig auf diese Causa an – sie wirkt offenbar weit über die Landesgrenzen hinaus. Man versteht nicht, wie so etwas sein kann – und noch weniger, warum es bisher keine Konsequenzen gab.
Am Ausgang dieses Verfahrens wird gemessen werden, wie Österreich mit Spionagevorwürfen prinzipiell umgeht. Man wird daran messen, wie ernst es uns ist, damit aufzuräumen. Im Idealfall wird der Fall Ott nicht der letzte sein, der vor Gericht verhandelt werden wird. Etliche Komplizen Marsaleks laufen wohl noch frei herum – die meisten sind noch nicht enttarnt.
Agenten unterwegs
Anders verhält es sich mit der bulgarischen Agentin, die mich federführend verfolgt hat. Während ihre Komplizen in Großbritannien verhaftet, verurteilt und eingesperrt wurden, ist sie auf freiem Fuß. Ihre Kompromissbereitschaft mit der Polizei hat ihr diese temporäre Freiheit vorerst ermöglicht – aber wenn Österreich Konsequenz zeigen will, muss auch in ihrem Fall eine gerichtliche Klärung der Vorwürfe folgen.
Apropos Klagen: Egisto Ott ist mit meiner Berichterstattung und den Kommentaren zu ihm offenbar gar nicht einverstanden. Ich bekomme laufend Briefe von seinem Anwalt. Ich kann sie schon nicht mehr zählen – es handelt sich unseren Einschätzungen nach eindeutig um SLAPP-Klagen, die uns zum Schweigen bringen sollen. Tatsächlich sind derartige Klagen für ein Medium wie profil ein Problem – sie kosten viel Geld, Zeit und Nerven.
Wir werden uns davon trotzdem nicht einschüchtern lassen und weiter berichten. Sehr viele Länder auf dieser Erde haben keine entwickelte Demokratie, wie wir sie haben. Und auch wenn hierzulande vieles nicht perfekt läuft, diese Grundwerte gilt es zu verteidigen. Das tun wir Journalisten mit spitzer Feder.
Und Sie helfen uns dabei, wenn Sie uns lesen. Danke an dieser Stelle. Auf ein gutes neues Jahr.
Anna Thalhammer
ist seit März 2023 Chefredakteurin des profil und seit 2025 auch Herausgeberin des Magazins. Davor war sie Chefreporterin bei der Tageszeitung „Die Presse“.