Eine stilisierte Darstellung von Wladimir Putin über einer Computertastatur, bedeckt mit roten Farbspritzern.
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Österreich fühlt sich sicher: neutral, klein, scheinbar weit weg vom Krieg. Das trügt. Angriffe auf Ministerien, Spionagefälle, russische Einflussoperationen und gezielte Desinformationen zeigen: Der Krieg hat längst begonnen – nur anders, als viele ihn sich vorstellen. Zwei Leaks enttarnen Putins Taktik bis ins kleinste Detail.

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Am Wechsel wird gerade der Ernstfall geprobt. Meine Kollegin Siobhan Geets pirscht mit Soldaten des österreichischen Bundesheers durch den Wald – ist live dabei, wie geübt wird, Drohnen abzuwehren oder ein von Feinden eingenommenes Dorf zurückzuerobern. (Die Story lesen Sie im nächsten profil, das Freitagmittag im E-Paper erscheint.

Für viele Menschen in Österreich wirkt der Gedanke an Krieg absurd. Was sollte jemand von diesem kleinen Land wollen, mitten in Europa, ohne Großmachtanspruch, ohne offene Feindschaften? Die Neutralität wird als Schutzschild gewertet: Wer sich raushält, wird auch nicht hineingezogen. Leider ist diese Vorstellung schlicht falsch, sie beruht weniger auf sicherheitspolitischer Analyse und Realitäten als auf einem lange eingeübten Selbstbild.

Die Wahrheit ist aber: Wir sind schon mittendrin. Ja, Österreich wird angegriffen. Noch nicht mit Panzern oder Raketen, nicht so, wie wir uns Krieg vorstellen. Wir müssen verstehen: Moderne Kriegsführung beginnt nicht erst, wenn geschossen wird.

Derzeit erleben Ministerien Cyberangriffe – nicht von irgendwelchen Hackern, denen langweilig ist, sondern von staatlichen Akteuren. Spionageaktivitäten haben massiv zugenommen: Einerseits werden hochprofessionelle Agenten in unsere Institutionen und in die kritische Infrastruktur eingeschleust – das zeigt der Fall des noch nicht rechtskräftig verurteilten Ex-Verfassungsschützers Egisto Ott,ebenso wie der eines verurteilten Obersts des Bundesheers; oder der eines aufgeflogenen russischen Spions in der OMV. Dazu nimmt das Phänomen der sogenannten Wegwerfagenten zu – das sind Personen, die Russland im Internet anheuert, um kleine Jobs zu erledigen: ein Foto, ein Paket abzuliefern, ein Gebäude auszukundschaften.

Kampf gegen den Menschenverstand

Aber auch jeder von uns wird von Russland angegriffen. Putin setzt da an, wo Menschen nicht mehr wissen, wem sie glauben sollen. Institutionen werden plötzlich mit vermeintlichen Fakten angezweifelt. Wut wird organisiert, Misstrauen gestreut und Angst politisch instrumentalisiert. Hybride Angriffe zielen nicht auf unser Staatsgebiet oder unsere Grenzen ab, sondern auf unsere Widerstandskraft. Wohl auch deswegen hat sich das Verteidigungsministerium die „geistige Landesverteidigung“ ganz oben auf die Agenda geschrieben. 

Wir konnten uns ein sehr genaues Bild davon machen, wie diese vom Kreml gesteuerten Angriffe funktionieren, wie höchstprofessionell sie organisiert werden. Zwei Mal hat profil in den vergangenen eineinhalb Jahren zwei Datenleaks aus der „Social Design Agency“ bekommen und mit internationalen Partnern in mühsamster Kleinarbeit ausgewertet.

Was die Dokumente zeigen: Es handelt sich hier um keine gewöhnliche Trollfabrik. Das ist keine Ansammlung schlecht gemachter Fake-Accounts, die irgendwo plump prorussische Kommentare posten – so wie man sich das gemeinhin vorstellt. Die SDA arbeitet eher wie eine professionelle Kampagnenzentrale: mit Zielgruppenanalysen, Reichweitenzielen, akribisch ausgearbeiteten Content-Plänen, professioneller internationaler Medienbeobachtung, Telegram-Kanälen, bezahlter Social-Media-Werbung, hochprofessionell gefälschten Nachrichtenseiten und scheinbar seriösen Think-Tank-Analysen. 

Die Unterlagen zeigen, wie Russland seinen Informationskrieg gegen Europa organisiert. Nicht immer laut, nicht immer offen prorussisch, oft viel subtiler. Die SDA dockt an reale Konflikte an: Energiepreise, Inflation, Migration, Ukraine-Müdigkeit, EU-Skepsis, Neutralität, Angst vor Krieg. Dann werden diese Konflikte zugespitzt, emotionalisiert und in eine Richtung gedreht, die Moskau nützt. Mittlerweile wurde die SDA von den USA, Großbritannien und der EU sanktioniert. Unter anderem wegen der Operation „Doppelgänger“. Dabei wurden westliche Medienseiten imitiert. Nutzerinnen und Nutzer glaubten, auf seriösen Nachrichtenportalen zu lesen. Tatsächlich landeten sie auf gefälschten Seiten mit russischer Propaganda.

Lügen haben lange Beine

Ein anderes Beispiel: In den Dokumenten finden sich auch Fake-Geschichten über Wolodymyr Selenskyj. Etwa die erfundene Behauptung, er habe seiner Mutter ein Luxusapartment in Dubai gekauft. Solche Geschichten müssen nicht dauerhaft halten. Sie müssen laufen. Sie müssen geteilt werden. Sie müssen Empörung auslösen. Am Ende soll hängenbleiben: Da war doch etwas.

Besonders interessant ist der Österreich-Bezug. In den Unterlagen taucht ein sogenannter Mitteleuropa-Plan auf: Österreich, Ungarn und die Slowakei als konservativer Block, Wien als politisches Zentrum. Das klingt auf den ersten Blick skurril, fast wie geopolitische Habsburg-Nostalgie. Aber es ist nicht harmlos. Denn solche Erzählungen müssen nicht realistisch sein, um politisch nützlich zu werden. Sie müssen nur anschlussfähig sein.

Und Österreich ist aus russischer Sicht anschlussfähig: EU-Mitglied, aber neutral. Historisch mit Osteuropa verbunden. Politisch polarisiert. Mit alten Russlandkontakten. Mit Debatten über Sanktionen, Ukraine-Hilfen, NATO, Brüssel und nationale Souveränität, an die russische Propaganda gut andocken kann. 

Wer resilient gegenüber solchen Operationen sein will, muss verstehen, wie das Spiel mit unseren Köpfen funktioniert. In der neuen Folge unseres Podcasts „Die Schlacht um Europa“ berichte ich über meine Recherchen – und darüber, wie wir uns mental gegen Putins Manipulationsversuche schützen können. (Hier können Sie den Kanal abonnieren – wir haben schon einige Folgen von zeitloser Schönheit!) Solche Recherchen brauchen viel Zeit und Geduld - ich möchte mich an dieser Stelle bei all unseren zahlenden Abonnenten bedanken, dass sie das mit ihrem Beitrag ermöglichen. (Haben Sie schon ein Abo? Wollen Sie eins?)

Hören Sie rein! Momentan bin ich ja nur mehr am Podcasten (liebe es) – morgen kommt auch eine neue Folge unseres Investigativpodcasts „Nicht zu fassen“: Der ORF. Es geht um jene Männer, die die wahre Macht am Küniglberg haben – und das ist nicht der Generaldirektor, wie man meinen könnte. Viele Medien haben nach der Wahl am Küniglberg ihre Berichterstattung eingestellt – die Würfel sind immerhin gefallen. Wir finden, da gibt es noch einiges aufzuarbeiten – hier abonnieren!

Anna Thalhammer

Anna Thalhammer

ist seit März 2023 Chefredakteurin des profil und seit 2025 auch Herausgeberin des Magazins. Davor war sie Chefreporterin bei der Tageszeitung „Die Presse“.