Wladimir Putin, Dmitry Senin und Egisto Ott
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Warum der Kronzeuge im Ott-Prozess verschwinden könnte

Der Kronzeuge im Megaprozess wegen russischer Spionage ist ein Ex-FSB-Offizier. Putin will ihn töten lassen – er sucht Schutz, den ihm bisher kein europäischer Staat bieten will.

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Egisto Ott saß vergangene Woche an den ersten beiden Verhandlungstagen im Gerichtssaal. Ich auch.

Im Zentrum des Prozesses steht der Fall Dimitry Senin. Senin ist ein geflüchteter FSB-Offizier, der von Ott ausgespäht worden sein soll: Fingerabdrücke, Passabfragen, Bewegungsprofile sowie Hoteldaten seiner Familie. Das Magazin profil berichtete darüber ausführlich. Der russische Präsident Wladimir Putin selbst ist an seiner Ausschaltung interessiert. Senins Aussage wird eines der zentralen Elemente dieses Verfahrens sein – denn wer könnte die Arbeitsweise des FSB besser erklären als jemand, der jahrelang Teil dieses Apparats war?

Langsam scheint dies auch der österreichische Staat zu begreifen. Erstmals gibt es ernsthafte Bemühungen, Senin sicher nach Österreich und damit in den Gerichtssaal zu bringen. Doch das ist alles andere als einfach.

Denn Senin ist auf der Flucht. Und Flucht bedeutet in seinem Fall nicht Freiheit, sondern permanente Gefahr. Jeder Ortswechsel kann tödlich sein. Mehrfach war er Personen, die im Interesse des Kremls handeln, bereits gefährlich nahegekommen. Jede öffentliche Erwähnung, jede Aussage verschärft seine Lage.

Ich möchte ihn treffen. Wir stehen seit Wochen in Kontakt. Ich möchte seine Geschichte persönlich hören. Derzeit hält er sich an einem vergleichsweise sicheren Ort auf – doch wie lange noch? Werde ich ihn überhaupt wieder erreichen können?

Senin verließ Russland im Jahr 2017. Plötzlich lautete der Vorwurf: Korruption – ausgerechnet gegen jemanden, der zuvor in Russland selbst mit der Bekämpfung von Korruption betraut war. Ein junger, hochbegabter Offizier, der offenbar den Falschen zu nahegekommen war. Es ging um Ermittlungen im Zusammenhang mit der Vergabe staatlicher Aufträge an die Russische Eisenbahn – Ermittlungen, die schließlich auch für Putin selbst gefährlich wurden.

Mit dem Machtwechsel begann der Albtraum

Aus Kollegen wurden Gegner. Aus Ermittlern wurden Verfolger. Senin verließ das Land und war jahrelang auf der Flucht. Im Frühjahr 2023 beantragte er Asyl in Montenegro – damals unter Premierminister Dritan Abazović, dem ersten muslimischen Regierungschef des Landes. Senin erhielt Schutz. Wenige Monate später änderte sich jedoch die politische Lage grundlegend. Pro-russische Kräfte übernahmen die Macht – und für Senin begann ein Albtraum.

Ein deutliches Signal waren öffentliche Aussagen führender Vertreter dieser Kräfte. Im Februar 2024 forderte Milan Knežević offen eine Überprüfung des Flüchtlingsstatus von Dimitry Senin. Danach verschlechterte sich seine Situation rapide.

Senin geriet unter Beobachtung. Er entdeckte einen GPS-Tracker in seinem Fahrzeug. Auch andere kremlkritische Personen mit Bezug zum Ott-Verfahren wurden in Montenegro überwacht. Österreichische Behörden warnten Montenegro ausdrücklich vor der konkreten Lebensgefahr für Senin. Eine Reaktion der montenegrinischen Behörden blieb aus.

Das Ausbleiben jeglicher Schutzmaßnahmen, das Ignorieren konkreter Warnungen und faktisches Nichtstun machten einen weiteren Verbleib im Land unmöglich. Senin war gezwungen, Montenegro zu verlassen – nicht aus freien Stücken, sondern aus Gründen elementarer Selbstsicherung.

Eine Rückkehr nach Montenegro birgt für Senin das Risiko des Entzugs seines Status und einer anschließenden Abschiebung nach Russland als „Illegaler“ – auf diesem Weg ließe sich die zuvor verweigerte Auslieferung faktisch umgehen. Eine Rückkehr nach Russland bedeutet für ihn aber den sicheren Tod.

Senin ist gefangen.

Wie Österreich helfen könnte

Und Österreich? Wien ist kaum ein Ort, an dem Senin wirklich sicher wäre: In kaum einer anderen europäischen Stadt leben so viele russische Staatsbürger, zudem ist die russische diplomatische Präsenz außergewöhnlich groß.

Dennoch gäbe es eine Alternative: Verantwortung zu übernehmen und konkrete Hilfe zu leisten. Auf diplomatischem Weg. Als Anerkennung dafür, dass Senin mit seiner Zeugenaussage erneut sein Leben riskiert – für dieses Verfahren und für diesen Staat. Als eine Form der Verantwortung für die Tatsache, dass das Handeln eines österreichischen Staatsbürgers, eines ehemaligen Staatsschützers, sein Leben in akute Gefahr gebracht hat.

Den Behörden jenes Landes, in dem Senin sich derzeit aufhält, müsste vertraulich die Tragweite dieses Verfahrens erläutert werden. Denn wer die Akten und Ermittlungsergebnisse zu Senin kennt, kann sich nur darüber wundern, dass dieser Mann bis heute überlebt hat.

Vielleicht ist es an der Zeit, jemandem zu helfen, der diese Hilfe tatsächlich braucht. Denn für Menschen wie Dimitry Senin wurde das Asylrecht geschaffen.

Anna Thalhammer

Anna Thalhammer

ist seit März 2023 Chefredakteurin des profil und seit 2025 auch Herausgeberin des Magazins. Davor war sie Chefreporterin bei der Tageszeitung „Die Presse“.