Bilder von Stickern, die Teil einer russischen Desinformationskampagne waren
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Wie Moskaus Agenten russische Geschäfte in Wien zuklebten

Unter der Führung von Jan Marsalek klebten russische Agenten Wien mit russland-feindlichen Stickern voll. Ein Ziel: Russische Geschäfte.

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Das Logo des Berioska-Lebensmittelladens in der Marc-Aurel-Straße im 1. Bezirk in Wien zieren sechs Kirchtürme, die an die Basilius-Kathedrale am roten Platz in Moskau erinnern. Ausgerechnet dieses kleine russische Geschäft wurde zum Ziel von russischen Agenten.

Es war eine besonders unterschwellige und perfide Desinformationskampagne, die der Österreicher Jan Marsalek im Frühsommer 2022 für Moskau orchestrierte: In Europas Hauptstädten sollten Sticker und Graffitis des damals klar rechtsextremen, ukrainischen Asow-Regiments auftauchen (mittlerweile ist Asow ins ukrainische Militär eingegliedert und hat rechtsextreme Symbole abgelegt). „Die Leute müssen wissen, dass die Nazis zurück sind“, schrieb Marsalek im Mai 2022. Das Ziel: Europa sollte sich aufgrund der russischen Desinformation von der vermeintlich rechtsextremen Ukraine abgrenzen.

Eine Illustration eines Mannes mit kurzem Haar und Bart in Hemd.
Jan Marsalek, 17. Mai 2022

Lasst uns die ganze Stadt mit Azov-Graffiti besprühen. Die Leute müssen wissen, dass die Nazis zurück sind.

Mehr als drei Jahre später führt Russland seinen brutalen Angriffskrieg auf die Ukraine weiter fort. Dank Ermittlungsergebnissen und Chats, die profil, WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung vorliegen, gewinnt Europa einmalige Einblicke in den hybriden Krieg des Kremls. Auch zu Aktionen in Wien. profil berichtete ausführlich.

Schweine auf russischen Läden

In der ganzen Stadt ließ Marsalek 2022 neonazistische und russlandfeindliche Sticker aufkleben. Manche hetzten gegen „russische Schweine”: „No russian Pigs” stand auf einem durchgestrichenen, weißen Schwein vor schwarzem Hintergrund. Diese Aufkleber sollten vor allem an Geschäften angebracht werden, um die Eigentümer zu ärgern, befahl Marsalek: „Die Schweine sollten nicht als eine Azov-Kampagne wahrgenommen werden. Eher als europäischer Rassismus.“ Dafür zielten Moskaus Agenten explizit auf russische Geschäfte in Wien.

Etwa auf den Berioska-Lebensmittelladen in der Marc-Aurel-Straße. Mit Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine wurde das Schild am Eingang des Geschäfts auf „Ostspezialitäten“ geändert.

Für die Agenten des Kremls war die russisch-stämmige Eigentümerschaft aber offenbar weder Geheimnis noch Hindernis: „Bitte schlagen Sie vor, wie die Aufkleber dort am besten verteilt werden sollten”, schrieb Orlin Roussev, der Marsaleks Agenten in Wien anleitete, am 16. Juni 2022: „Ich dachte an den klassischen Schweine-Aufkleber am russischen Laden. Und ein paar Meter weiter an den anderen.” Marsalek: „Sehr gut 👍​”

Illustration eines Mannes mit kurzem Haar und Bart.
Orlin Roussev, 16. Juni 2022

Bitte schlag vor, wie die Aufkleber dort am besten verteilt werden sollten.

Illustration eines Mannes mit kurzem Haar und Bart.
Orlin Roussev, 16. Juni 2022

Ich dachte an den klassischen Schweine-Aufkleber am russischen Laden

Illustration eines Mannes mit kurzem Haar und Bart.
Orlin Roussev, 16. Juni 2022

und ein paar Meter weiter an den anderen.

Eine Illustration eines Mannes mit kurzem Haar und Bart in Hemd.
Jan Marsalek, 16. Juni 2022

Sehr gut 👍​

Schwarmintelligenz

Warum hat profil nicht gleich in seiner ersten Geschichte darüber berichtet? Weil unklar war, ob Marsaleks Agenten die Sticker mit russischer Desinformation auch tatsächlich am russischen Lebensmittelgeschäft angebracht wurden.

Russische Propaganda auf der Wiener Kaisestraße
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Russische Propaganda unter falscher Flagge mitten in Wien

An Fahrradständern auf der Wiener Kaiserstraße wurde die neonazistische „Wolfsangel“ angebracht. Das Symbol wurde damals vom Asow-Regiment genutzt. Es ist in Österreich und Deutschland verboten, weil auch SS-Einheiten das Symbol nutzten. Daneben ein Sticker, der gegen „russische Schweine“ hetzt. In Wahrheit sollten beide Sticker Stimmung gegen die Ukraine machen. 

 


 

Ein kleiner Blick hinter den Recherche-Vorhang: Von manchen Aufklebern liegen uns Fotos vor, die sie etwa an der Kaiserstraße oder direkt vor der profil-Redaktion aufgeklebt zeigen. Der Berioska-Laden ist eines von mehreren in den Chats erwähnten Zielen, zu denen es (noch) kein Bildmaterial gibt. Und da wir wissen, dass Marsaleks Chatpartner Roussev den eigenen Erfolg gerne überspitzt darstellt, wollten wir nur auf beweisbare Aktionen verweisen.

Auch in Deutschland, konkret in Berlin, hatte Marsalek eine ähnliche Desinformations-Kampagne geplant. Dort ging aber so gut wie alles schief, wie die Kollegen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung recherchierten. Zudem gibt es aus Deutschland gar kein Bildmaterial der Klebe-Aktionen.

Als Kollege Bossniak einen Blick auf die Seiten warf, wurde er aber stutzig: Er hatte manche der Sticker schon einmal gesehen. Im Sommer 2022. Als er eine Geschichte über russische Lebensmittelläden in Wien geschrieben hatte. Schon damals hatte ihm Olessia Zolotareva, die Besitzerin von Berioska, erzählt, dass plötzlich Sticker auf ihrem Geschäft geklebt hätten: „Nein zu russischen Schweinen“ sei darauf gestanden.

Olessia Zoloterava hatte die Aufkleber beinahe vergessen. Als ich sie am Telefon kontaktiert habe, fielen sie ihr erst nach mehrmaliger Nachfrage wieder ein: Das sei aber auch schon ewig her. Fotos habe sie wohl nicht mehr.

Deshalb meine Bitte: Falls Sie im Frühjahr 2022 zufällig Fotos von anti-russischen oder vermeintlichen pro-Azow-Aufklebern auf Wiens Straßen gemacht haben, schicken Sie sie bitte an profil. 

Und wenn Sie sich das nächste Mal über ein Pickerl ärgern, denken Sie daran, dass Ihr Zorn genau das Ziel der Aktion sein könnte.

Max Miller

Max Miller

ist seit Mai 2023 Innenpolitik-Redakteur bei profil. Schaut aufs große Ganze, kritzelt gerne und mag Grafiken. War zuvor bei der „Kleinen Zeitung“.