Ingrid Brodnig
Ingrid Brodnig

© Alexandra Unger

Gesellschaft
02/03/2021

#brodnig: Alle daheim

Ein unerwünschter Nebeneffekt der Pandemie: dass wir Provinzialisierung erleben.

von Ingrid Brodnig

Ein großes Paradoxon der Corona-Krise ist, dass wir dank digitaler Tools, Videokonferenz-Dienste oder Online-Kurse die Welt in unser Wohnzimmer holen können. Gleichzeitig aber droht eine Provinzialisierung. Denn wir können zwar auf den Bildschirmen Fachleute, Kulturschaffende, Intellektuelle aus der ganzen Welt verfolgen, können ihre digitalen Auftritte oder Social-Media-Profile betrachten-aber der physische Austausch ist nicht möglich. Jemanden tatsächlich auf der Bühne mitzuerleben, ist etwas anderes, als den Stream davon zu sehen.

Neulich habe ich den Radiosender FM4 gehört. Die Moderatorin spielte das Lied einer Band und erzählte, dass dies die letzte internationale Gruppe war, die sie noch live im Studio erlebt hat. Das war kurz vor Beginn der Corona-Krise-seither sind internationale Touren natürlich abgesagt. Wohlgemerkt ist das keine Kritik an österreichischen Bands-davon gibt es großartige, nur auch sie können derzeit nicht im Ausland auftreten. Und ich glaube, es tut uns weder kulturell noch gesellschaftlich gut, dass der Austausch mit Menschen aus anderen Ländern derzeit nur über die Distanz und über digitale Kanäle möglich ist.

Das ist auch nicht die Schuld des Internets: Noch schlimmer wäre die Corona-Krise ohne Online-Kanäle. Aber je länger die Pandemie andauert, desto sichtbarer wird, wie viel wegfällt bei rein digitalem Austausch. Zum Beispiel fahren viele Berufstätige auf Konferenzen ins Ausland, um in ihrem Fach dazuzulernen. Jetzt finden viele Konferenzen online statt-und man sieht, es ist absolut möglich, Inhalte digital zu vermitteln. Nur dass man abends noch ein Bier trinkt mit Kollegen aus Paris, Prag oder Neu-Delhi, das passiert dann nicht.

Wenn die Krise eines Tages endet, halte ich es für wichtig, dass wir der Provinzialisierung gegensteuern: dass wieder möglichst viele Kulturschaffende aus anderen Ländern eingeladen werden, dass wir reisen, dass wir nicht nur den Austausch mit unseren Bekannten und Freunden suchen, sondern auch mit der Ferne. Soziale Medien eignen sich gut dafür, dass man Bilder von anderen Ländern eingeblendet bekommt. Aber die Luft anderer Länder tatsächlich zu schnuppern, diese Erfahrung lässt sich nicht digitalisieren.

Was denken Sie darüber? Schreiben Sie mir unter ingrid.brodnig@profil.at

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