Walter Ruck spricht bei einer Veranstaltung der Wirtschaftskammer Wien ins Mikrofon.
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Nach profil-Enthüllungen steigt Druck auf Ruck: „Scherbenhaufen“

Die Wiener Wirtschaftskammer kommt nicht zur Ruhe: Maria Neumann musste mit einer vorgefertigten Rücktrittserklärung ihren Posten als Spartenobfrau räumen. Ihr folgte ausgerechnet ein Freund von Präsident Ruck nach. Die Kritik aus der ÖVP wird lauter.

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Postenschacher, Druck auf Funktionäre, vorgefertigte Rücktrittserklärungen – in seiner aktuellen Ausgabe berichtet profil ausführlich über die Methoden des mächtigen Wiener Wirtschaftskammerpräsidenten Walter Ruck. Diese Geschichte endet aber nicht hier, und sie könnte weitere Kreise ziehen, als dem mächtigen WKW-Präsidenten Ruck lieb ist. Mit Maria Neumann (ÖVP) tritt jetzt erstmals eine ehemalige Spartenobfrau und Wirtschaftsbund-Funktionärin an die Öffentlichkeit, die mit einer vorab verfassten Rücktrittserklärung von WKW-Präsident Walter Ruck und dem Direktor des Wirtschaftsbunds, Florian Kollenz, am 1. April in einem 20-minütigen Gespräch zum Rücktritt gedrängt worden sein soll, wie sie sagt. Der „Standard“ berichtete bereits über ihr Outing.

Jetzt zeigen profil-Recherchen, dass der Obmann-Posten in der Sparte Gewerbe und Handwerk nach Neumanns Abberufung mit einem Vertrauten Rucks besetzt wurde. Aber der Reihe nach.

Neumann wollte sich das Vorgehen rund um ihre „unfreiwillige“ Abberufung, wie sie profil erzählt, nicht gefallen lassen. Am 17. Dezember 2025 schrieb sie deshalb einen Brief, der unter anderem an den Wirtschaftsbund- und WKW-Präsidenten Walter Ruck, an den Wiener Wirtschaftsbund-Direktor Florian Kollenz und an die damals noch interimistische WKO-Chefin Martha Schultz ging, in dem sie ihre Unterschrift auf der Rücktrittserklärung widerrief. „Ich lege Wert darauf, dass der Kommunikation des Wechsels der Obmannschaft der Sparte Gewerbe & Handwerk der Wirtschaftskammer Wien der Inhalt gegenständlichen Schreibens zugrunde gelegt wird – insbesondere, dass die Beendigung meiner Funktion NICHT auf meinen Wunsch hin erfolgt ist“, schreibt Neumann. Der Brief sowie die Rücktrittserklärung liegen profil vor.

In der ihr vorgelegten Rücktrittserklärung vom 1. April 2025 hatte sie per Unterschrift zugestimmt, alle ihre Funktionen beim Wiener Wirtschaftsbund sowie in der Spartenvertretung der Wirtschaftskammer Wien mit sofortiger Wirkung zurückzulegen. Die Funktion als Spartenobfrau sollte sie bis zum 31. Dezember weiterführen.

Rücktritt vom Rücktritt

Im später verfassten Brief erklärte sich Neumann zwar bereit, als Spartenobfrau zurückzutreten. Sie bestand aber darauf, ihr durch die WK-Wahl errungenes Mandat in der Spartenkonferenz der Wirtschaftskammer als einfaches Mitglied zu behalten. „Ich habe auch um einen entsprechenden Auszug aus der Funktionärsdatenbank ersucht und warte seit Wochen auf eine Antwort“, erklärt Neumann im Gespräch. Immerhin: Eine entsprechende profil-Anfrage beantwortet die WKW prompt. „Ja, sie ist Mitglied der Spartenkonferenz“, schreibt ein Sprecher auf Nachfrage. Das bestätigte auch der Wirtschaftsbund Wien auf Nachfrage. Ihr dieses Mandat zu verwehren, wäre rechtlich nicht möglich – ihre Demontage als Spartenobfrau sehr wohl.

Ruck selbst habe ihre Abwahl bei dem kurzen Gespräch Anfang April mit dem Stimmenverlust des Wirtschaftsbundes bei der Wirtschaftskammerwahl im Frühjahr 2025 in ihrem Bereich begründet. Dem „Standard“ antwortete Wirtschaftsbund-Direktor Kollenz wiederum: „Gerade in der Zeit des Wahlkampfs hat sich gezeigt, dass Maria Neumann aufgrund ihrer Doppelbelastung als Nationalrätin weniger Zeit als Spartenobfrau hatte. Um ihr einen gesichtswahrenden Ausstieg zu ermöglichen und vor allem auch, um ihr die Position der Wifi-Bundeskuratorin nicht zu verunmöglichen, hat man sich zu diesem Schritt entschieden.“ Und hier wird es heikel.

„Mein Abberufungsgespräch fand am 1. April 2025 statt. Zum Zeitpunkt der Unterschrift konnten weder der Präsident noch der Wirtschaftsbund-Direktor Kenntnis davon haben, wenn nicht einmal ich selbst wusste, wo meine Reise in Zukunft hingehen soll."

Maria Neumann (ÖVP)

zu ihrer Demontage durch WKW-Präsident Ruck

„Mein Abberufungsgespräch fand am 1. April 2025 statt. Ich habe mich dann ab Mai persönlich bemüht, meine Leidenschaft für Ausbildung, Jungend und Fachkräfte weiter einbringen zu können. Zum Zeitpunkt der Unterschrift konnten weder der Präsident noch der Wirtschaftsbund-Direktor Kenntnis davon haben, wenn nicht einmal ich selbst wusste, wo meine Reise in Zukunft hingehen soll. Die Wahl zur Kuratorin des Wifi-Österreich fand dann erst am 7. November 2025 statt“, sagt Neumann. Auf Nachfrage verweist Kollenz auf seine Aussagen gegenüber dem „Standard“ und Rucks Stellungnahme im Ö1-Mittagsjournal zur Causa Neumann: Der Präsident sagte dort, es sei alles rechtens, und er sehe keinen Grund, zurückzutreten.

Freundschaft?

Genauso berichtenswert wie Neumanns erzwungene Abbestellung ist die Ernennung ihres Nachfolgers. Am 19. Jänner – keine drei Wochen nach ihrem Rücktritt als Spartenobfrau – wird ein gewisser Gerhard Komarek laut Veröffentlichung der Geschäftsstelle der Hauptkommission der Wirtschaftskammer Wien zum Spartenobmann gewählt. Komarek leitet ein Unternehmen für Gebäude- und Fassadenreinigung. Und er ist mit Walter Ruck zumindest freundschaftlich verbunden, wie profil-Recherchen und Aussagen einiger Wirtschaftsbund-Funktionäre zeigen. Bei Spartenmitgliedern Gewerbe und Handwerk gilt er jedenfalls als Ruck-Intimus.

In den sozialen Medien sind zahlreiche Fotos von beiden Männern zusammen zu finden. Auch ihre Ehefrauen posten immer wieder gemeinsame Schnappschüsse in privaten Settings. Funktionäre des Wirtschaftsbunds berichten zudem von gemeinsamen Urlauben der beiden. Bekam also ein Freund des Kammerpräsidenten einen Posten als Spartenobmann, der mit knapp 5000 Euro monatlich dotiert ist? Und zwar nachdem seine Vorgängerin mit einer vorgefertigten Rücktrittserklärung zum Rücktritt gedrängt worden war?

Wirtschaftsbund-Direktor Kollenz antwortet profil: „Gerhard Komarek ist ein verdienter und sehr erfolgreicher Unternehmer, der in unterschiedlichen Funktionen der Interessenvertretung auf Landes- sowie Bundesebene umfassende Erfahrung gesammelt hat.“ Und weiter: „Seit der Gründung seines Unternehmens entwickelte er dieses von einem Ein-Personen-Betrieb zu einem überregional tätigen Leitunternehmen mit Sitz in Wien und aktuell über 150 Mitarbeiter:innen.“ Die freundschaftliche Verbindung zum Präsidenten bleibt unkommentiert.

Freilich steht es dem Wirtschaftsbund frei, Spartenobleute zu nominieren, und verboten ist all das nicht. Die Optik ist dennoch schief. Ruck verhalf schon seinen beiden Söhnen und seiner Ehefrau Petra Pinker zu verschiedenen Posten in der Sozialversicherung.

All das kommt in der Öffentlichkeit und bei Kammermitgliedern nicht gut an. Remus-Chef Stephan Zöchling, der immer wieder gegen die Pflichtmitgliedschaft in der Wirtschaftskammer wetterte, hat mit seiner Initiative #zusammenstärker eine Rücktrittskampagne gegen Walter Ruck gestartet. Und auch die Aussagen des sonst zurückhaltenden ÖVP-Wien-Chefs Markus Figl scheinen unmissverständlich: „Die Wirtschaftskammer braucht von außen keine Ratschläge, auch wenn die Diskussionen der letzten Woche gezeigt haben, dass es in der Wirtschaftskammer einen Reformbedarf gibt“, sagte er der Presse.

Deutlicher wird eine Ex-Landtagsabgeordnete der ÖVP Wien auf Facebook: Die Bau-Unternehmerin Isabella Leeb spricht von einem „Drama“. Ruck habe „seine bisherige Herrschaftsperiode dazu genutzt, alle aus dem Weg zu räumen, die seine fragwürdigen Wege und Methoden nicht mittragen wollten.“ Das „System“ Ruck könne aber, schreibt Leeb weiter, „nicht von einem perfektioniert werden“. Es gebe „willfährige Helfer“. Sie übte auch Kritik an den anderen Fraktionen im Wirtschaftsparlament, die „jahrelang zugeschaut und auch aktiv mitgespielt haben“ und sich mit Vizepräsidenten-Posten hätten abspeisen lassen. Die Kammer sei ein „Scherbenhaufen“, beendet Leeb ihren langen Eintrag.

Walter Ruck selbst verzichtet übrigens auf ein Gespräch mit profil. Interview- und Gesprächsanfragen der Redaktion bleiben unbeantwortet.

Marina Delcheva

Marina Delcheva

leitet das Wirtschafts-Ressort. Davor war sie bei der „Wiener Zeitung“.

Jakob Winter

Jakob Winter

ist Digitalchef und seit 2025 Mitglied der Chefredaktion bei profil. Gründete und leitet den Faktencheck faktiv.