Literatur

Annie Ernaux: Zurück in die Jugend

Die französische Nobelpreisträgerin Annie Ernaux beschreibt in "Der junge Mann" ihre Affäre mit einem Studenten.

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Manchmal lohnt ein Blick auf alte Buchcover, um zu verstehen, welchem Sexismus Autorinnen lange ausgesetzt waren. Die französische Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux, 82, ist da ein gutes Beispiel. "Eine vollkommene Leidenschaft" (1991) nannte sich ihr Roman über die Affäre mit einem verheirateten Mann: Die deutschen Bucheinbände zeigten eine wartende junge Frau in Spitzenunterwäsche oder einen nackten Männerrücken, um den sich die Arme einer Liebhaberin schlingen. Die Coverbilder versprachen einen schlüpfrigen Erotikthriller, Literatur aus der Schmuddelecke. Wie wenig das mit der glasklaren, distanziert analysierenden Sprache von Ernaux zu tun hat, ist offensichtlich.

Zum Glück sind aktuelle Ausgaben sensibler. "Der junge Mann" ist im Jahr 2022 entstanden und mehr Skizze als tatsächlicher Roman oder Erzählung. Auf 40 sehr groß bedruckten Seiten beschreibt die Autorin da erneut autofiktional, wie sie mit Mitte 50 eine Beziehung mit einem 24-jährigen Studenten begann. Beeindruckend, wie gelassen sie über Sex und weibliches Begehren spricht; pointiert, wie Klassenbewusstsein auch diesmal wieder lakonisch hereinspielt: Er schneidet Spaghetti klein, spießt Apfelspalten mit dem Messer auf. "Er war die verkörperte Vergangenheit", schreibt Ernaux, die ihrer einstigen Schicht längst entwachsen ist. Sie fühle sich wie im "Theaterstück meiner Jugend".Gleichzeitig beschreibt sie die aburteilenden Blicke der Außenwelt: "A. machte mich darauf aufmerksam, dass wir anstößiger waren als ein homosexuelles Paar."Am Ende ist die Autorin allein und glücklich-und damit erneut ihrer Zeit voraus.

Annie Ernaux: Der junge Mann. Aus dem Französischen v. Sonja Finck. Suhrkamp. 48 S.,EUR 15,50

Karin   Cerny

Karin Cerny