Schlank im neuen Jahr
Gastkommentar von Adipositas-Expertin Bianca-Karla Itariu
Keine andere chronische Erkrankung wird so moralisiert und von der Wellness-Industrie ausgeschlachtet wie Adipositas. Die Neujahrsangebote der Fitnessstudios sind aber für Betroffene so hilfreich wie eine FFP-2-Maske für jemanden mit schwerer Lungenentzündung. Viele Menschen wenden sich aus einer Not heraus an die Adipositas Gesellschaft. Neulich hat uns ein Mann aus Kärnten geschrieben, dass er stark abnehmen muss, bevor er eine neue Hüfte bekommen kann – sonst wird er mit seinen 150 Kilogramm nicht operiert.
Seine Ärztin hat vergeblich versucht, ein Medikament dafür vom Chefarzt bewilligt zu bekommen. Die Krankenkasse schickte ihn auf Reha, aber dort war er schon und musste nach zwei Tagen abbrechen, weil er solche Hüftschmerzen hatte. Da beißt sich die Katze in den Schwanz, sagt er. Er kann sich nicht mehr bewegen, braucht eine neue Hüfte, aber bekommt sie nicht ohne Gewichtsreduktion – und die Abnehmspritze kann er sich nicht leisten. Das ist kein Einzelfall, sondern strukturelle Unterlassung (nachzulesen hier).
Nicht jede Therapie muss lebenslang erfolgen. Manche können die Medikamente wieder absetzen.
„Aus Worten entsteht Macht“, schreibt die Schriftstellerin Margaret Atwood. Ich fürchte jedoch, sie hat nie versucht, eine chefärztliche Bewilligung für ein Medikament zur Gewichtsreduktion zu erlangen.
Vielleicht denken Sie jetzt: Nicht schon wieder die Abnehmspritzen! Hier geht es doch nur um kommerzielle Interessen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die GLP-1-Medikamente mittlerweile als Standardbehandlung der Adipositas anerkannt (hier lesen Sie, wie sie wirken). Man unterstellt ihr, hier werde die Wirkung behandelt statt der Ursache. Ich frage mich: Riecht es auch nach Kommerz, wenn die WHO für Malariakranke Malariamedikamente empfiehlt, statt Gelsen zu jagen?
Fehlende Therapien kosten Menschenleben
Ausgerechnet Donald Trump, bekannt für seine widersprüchliche, oft wissenschaftsskeptische Haltung in Sachen Gesundheitspolitik, hat mit Pharmafirmen verhandelt, um Abnehmspritzen in den USA deutlich günstiger zu machen. Und Russland hat sich das Patent einer Abnehmspritze kurzerhand geschnappt – offiziell wegen einer Gesundheitsnotlage – und stellt den Wirkstoff nun selbst her. Das russische Medikament heißt Semavic und kostet knapp 40 Euro pro Monat. Es liegt mir fern, die Gesundheitspolitik von Autokraten zum Vorbild zu erheben. Doch Millionen Menschen haben dort nun leichteren Zugang zu Therapien, die hierzulande für viele unerschwinglich bleiben. Die WHO warnt zu Recht vor Fälschungen. Aber die eigentliche Warnung müsste lauten: Fehlende Therapien kosten Menschenleben.
In Österreich kosten die Medikamente aktuell je nach Wirkstoff und Dosierung zwischen 140 und 580 Euro pro Monat. Ohne staatliche Verhandlungen kann die Industrie verlangen, was der Markt hergibt. Die Frage ist: Warum verhandelt niemand?
Bei Hepatitis C und HIV ging es viel schneller
Die Verantwortung dafür liegt nicht bei den Betroffenen. Sie liegt beim Gesundheitsministerium und beim Dachverband der Sozialversicherung. Dass keine flächendeckenden Strukturen existieren, ist kein Argument gegen Behandlung – es ist ein Auftrag, sie zu schaffen. Österreich hat bewiesen, dass es das kann. Bei Hepatitis C und HIV wurden innerhalb kurzer Zeit Versorgungsstrukturen aufgebaut, weil der politische Wille vorhanden war.
Die Sozialversicherung redet gern von „Eigenverantwortung“, einem Modewort, das dicke Menschen am häufigsten hören. Gleich danach kommt das „Solidaritätsprinzip“: Weil viele ähnlich kranke Menschen Anträge auf Behandlung stellen, verweigert man sie allen. Auch die Ernährungsberatung ist keine Kassenleistung. Wäre es nicht auch im Sinne der Eigenverantwortung, den Betroffenen selbst die Wahl zu lassen, ob sie drei Wochen Reha oder ein Jahr wirksame Medikamente bevorzugen?
Oft wird argumentiert, es fehlten noch Langzeitdaten. Dabei wird übersehen, dass nicht jede Therapie lebenslang erfolgen muss. Manche Patienten können die Medikamente später wieder absetzen. Wir müssen aber behandeln können, um Leiden zu lindern und Folgekrankheiten zu verhindern.
Neujahrsvorsätze und Selbstoptimierungsversuche sind eine schöne Beschäftigungstherapie, ersetzen aber keine medizinische Behandlung. Wenn schon Vorsätze, dann dieser: Fragen wir Betroffene, was sie wirklich brauchen, um gesünder zu leben.
Bianca-Karla Itariu
ist Endokrinologin und Präsidentin der Österreichischen Adipositas Gesellschaft.