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Lügen über tödliche Schüsse in Minneapolis: Orwells Amerika

Beamte der US-Einwanderungsbehörde ICE erschießen einen entwaffneten Mann. Wie das Weiße Haus und rechte Medien versuchen, dieses Faktum zu verschleiern.

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Für Kristi Noem war schnell klar, wie der US-Amerikaner Alex Pretti am vergangenen Samstag auf offener Straße in Minneapolis zu Tode kam. „Während eines Einsatzes näherte sich eine Person mit einer Neun-Millimeter Halbautomatik-Pistole den Mitgliedern der US-Grenzschutzpatrouille“, sagte die Heimatschutzministerin tags darauf vor Journalisten. „Sie versuchten, den Verdächtigen zu entwaffnen, doch dieser leistete heftigen Widerstand. Aus Angst um sein Leben und die Sicherheit seiner Kollegen gab ein Beamter Notwehrschüsse ab.“

Pretti ist, nach der dreifachen Mutter Renée Good, bereits der zweite US-Bürger innerhalb von nicht einmal drei Wochen, den Beamte der Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis im Bundesstaat Minnesota getötet haben. Wie beim ersten Vorfall gibt es auch diesmal mehrere Videos vom Tathergang aus unterschiedlichen Perspektiven. Sie zeigen, wie Pretti, ein 37-jähriger Krankenpfleger, einer Demonstrantin zu Hilfe kommt, die ICE-Männer mit Pfefferspray besprüht und zu Boden gerissen hatten. Dann werfen sich die Männer auf ihn, einer zieht Pretti eine Pistole aus einem Gürtelhalfter. Pretti trug sie legal, und die Videos zeigen, dass er die Waffe nicht in die Hand nahm, sondern die Szene bloß mit seinem Handy filmte. Dennoch zieht einer der ICE-Agenten seine Pistole und drückt mehrmals ab, ein zweiter Beamter tut es ihm gleich. Innerhalb von fünf Sekunden fallen mindestens zehn Schüsse.

Millionen Menschen haben die Videos von der Tat gesehen, die Empörung darüber ist groß, doch wenn es nach dem Weißen Haus und rechten US-Medien geht, ist das alles gar nicht so geschehen. Sie erzählen eine komplett andere Version der Ereignisse.

Aus dem Heimatschutzministerium hieß es, Pretti habe Beamte „massakrieren“ wollen. Donald Trump kündigte zwar eine Überprüfung des Tathergangs an, machte aber zuvor schon selbst den Schuldigen aus: Die Demokraten in Minnesota hätten mit ihrer migrationsfreundlichen Politik den Nährboden für die Vorfälle bereitet, schrieb der US-Präsident auf seiner eigenen Plattform „Truth Social“. Und Trumps Vizestabschef Stephen Miller bezeichnete Pretti auf „X“ gar als „Terroristen“ und „potenziellen Attentäter“. Rechte Medien wie der TV-Sender „Fox News“ übernahmen die Sichtweise der Regierung unhinterfragt. Sie deuteten an – oder sagten auch ganz offen –, dass Pretti an seiner Erschießung selbst schuld wäre. Eine unvollständige Liste der Behauptungen:

  • „Nur eine einzige Person hätte das Geschehene verhindern können, und das ist Alex Pretti. Er hätte nicht dort sein sollen.“ (Charles Hunt, Moderator der Talkshow „Fox & Friends Weekend“)
  • „Warum jemand mit einer Handfeuerwaffe gegen die Bundesbehörde vorgeht, ist mir unbegreiflich.“ (Hunts Co-Moderator Griff Jenkins)
  • „Alex Prettis ‚Sig‘-Pistole ist bekannt dafür, dass sie von selbst losgeht – das könnte der Grund sein, warum der Grenzbeamte auf ihn geschossen hat.“ (Headline der Boulevardzeitung „New York Post“)
  • „Bei einer früheren Konfrontation in Minneapolis bespuckte Alex Pretti ICE und zertrat ein Rücklicht.“ (Headline der „New York Post“; zuvor waren Videos von einer Auseinandersetzung Prettis mit ICE-Agenten elf Tage vor seinem Tod aufgetaucht)
  • „Ein Bild von Alex Pretti, das offenbar mit KI bearbeitet wurde, um ihn gepflegter aussehen zu lassen, wurde unter Demonstranten und sogar einigen Nachrichtenagenturen verbreitet.“ („New York Post“)
  • „Bericht: Alex Pretti war den Bundesbehörden bereits vor der Schießerei bekannt.“ (die rechtsradikale Website „Breitbart“)
  • „Renee Good und Alex Pretti starben für eine amoralische Sache.“ („Breitbart“)

Donald Trump und seine Leute lügen nicht erst seit vergangener Woche. Trumps Umgang mit der Wahrheit ist derart problematisch, dass seine damalige Beraterin Kellyanne Conway 2017 einen eigenen Begriff dafür prägte: alternative Fakten.

„Die Partei lehrte einen, der Erkenntnis seiner Augen und Ohren nicht zu trauen“, schrieb George Orwell in seinem dystopischen Roman „1984“, „das war ihr entscheidendes, wichtigstes Gebot“. Ähnliches gilt im Amerika unter Donald Trump. Was jeder und jede sehen kann, spielt keine Rolle mehr. Die Wahrheit geht in einem Meer aus Behauptungen, Verzerrungen und Missinterpretationen unter. Die USA sind im Jahr 1984 von George Orwell angekommen.

Siobhán Geets

Siobhán Geets

ist seit 2020 im Außenpolitik-Ressort und seit 2025 stellvertretende Ressortleiterin. Schwerpunkt: Europa und USA.