Fragt die Rechten!
Sachsen-Anhalt könnte bald Geschichte schreiben. Im September wird in dem ostdeutschen Bundesland gewählt, und laut aktuellen Umfragen liegt die rechtsextreme Alternative für Deutschland (AfD) bei mehr als 40 Prozent. Sachsen-Anhalt könnte bald Deutschlands erstes Bundesland sein, das von der AfD regiert wird.
Im Osten Deutschlands ist die AfD besonders stark, doch nicht nur dort. Bei den Bundestagswahlen im Februar 2025 verdoppelte sie ihren Stimmenanteil und lag mit 20,8 Prozent auf dem zweiten Platz hinter der konservativen Union. Rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien sind in Europa auf dem Vormarsch. In Österreich liegt die FPÖ in Umfragen stabil bei 35 Prozent, in Frankreich hat der Rassemblement National im kommenden Jahr gute Chancen auf das Präsidentenamt, und im Vereinigten Königreich gibt ein Viertel der Befragten an, bei den nächsten Parlamentswahlen für den Rechtspopulisten Nigel Farage stimmen zu wollen.
Was macht Europas Rechtspopulisten so erfolgreich?
Einige Antworten darauf gibt das Buch „Why Populists are Winning And How to Beat Them“ (Wieso Populisten gewinnen und wie wir sie schlagen können). Geschrieben hat es der Labour-Abgeordnete Liam Byrne, der naturgemäß großes Interesse daran hat, den Aufstieg Farages zu bremsen. Der Rechtspopulist gilt als Architekt des Brexits, den Labour nie wollte, und seine Reform-Partei verdrängt die Sozialdemokraten immer weiter aus ihren alten Hochburgen.
Für sein Buch hat Byrne gemeinsam mit den Meinungsforschungsinstituten Best for Britain und YouGov Reform-Wähler umfassend nach ihren Motiven befragt und sie anschließend, je nach ihren Überzeugungen, in fünf Gruppen eingeteilt. Da gibt es etwa die „verärgerten Störenfriede“, die mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit Reform wählen wollen, eher männlich und für die Mitteparteien so gut wie verloren sind. Am anderen Rand des Spektrums stehen die „zivilgesellschaftlichen Pragmatiker“, die sich nur zu 59 Prozent sicher sind, Farage ihre Stimme zu geben – und die die Labour-Partei durchaus zurückgewinnen könnte.
Allen Gruppen gemein sind ein pessimistischer Blick in die Zukunft, wirtschaftlicher Druck und der Zorn auf die Politik, die in den Augen der Befragten komplett versagt hat. Häufig steht bei den Wahlmotiven nicht Migration im Vordergrund, sondern das Gefühl des Niedergangs und der Hoffnungslosigkeit: Die Löhne steigen nicht oder kaum, die Dörfer und Städte verfallen, die Infrastruktur ist kaputt. Wiederkehrend ist etwa der Frust darüber, dass die „Main Street“, die Lebensader des Wohnortes, immer mehr verkommt. Traditionsunternehmen wie das Pub und der Bäcker sind verschwunden, Wettbüros und Billigläden dominieren das Straßenbild; Jugendtreffs und Büchereien haben geschlossen, die Natur ist zugemüllt.
Auftritt Farage, der den Bruch mit einem kaputten System verspricht und eine Rückkehr in die guten alten Zeiten – in eine Welt, in der endlich wieder etwas für „unsere Leute“ getan wird.
Wahrscheinlich ist nicht alles, was Byrne für sein Buch herausgefunden hat, auf Länder wie Österreich und Deutschland übertragbar. Doch es gibt bestimmt Parallelen. In „abgehängten“ Regionen sind Rechtspopulisten besonders erfolgreich. Wenn die Jugend abwandert, der Bäcker schließt und die Busverbindung eingestellt wird, sinkt die Lebensqualität – und Populisten stoßen vor.
In seinem Buch schreibt Byrne, dass sich Mitte-Politiker dort Wahlkreise von den Rechten zurückholen, wo sie das Leben der Menschen sichtbar verbessert haben. Das kann auch etwas Kleines sein, wie die Wiedereröffnung der örtlichen Bücherei.
Von den fünf Gruppen der Rechtswähler könnten immerhin zwei bis drei zurückgeholt werden, glaubt Byrne. Möglich wird seine Analyse – und die Schlussfolgerungen darüber, wie Rechtspopulisten geschlagen werden können – durch die umfassenden Befragungen: Mehr als 4000 potenzielle Reform-Wähler nahmen an der Studie teil, und eine Handvoll von ihnen wurde gebeten, ihr Leben eine Woche lang zu dokumentieren. Sie sprachen über ihre Gefühle, filmten ihre Nachbarschaft und dokumentierten ihre Mediennutzung.
Mit Rechten reden wurde schon mal versucht. Wie wäre es mit: Die Rechten fragen?