Eine ABC Grafik mit Heinz-Christian Strache, Herbert Kickl und Jörg Haider
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70 Jahre FPÖ: Christentum, Ibiza und Zerstörungswut

Am 7. April feiert die FPÖ ihren 70. Geburtstag. Statt eines Straußes Kornblumen ein profil-Alphabet zur blauen Partei- und Ideengeschichte, inklusive G wie Gruselkabinett und O wie Opferrolle.

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A wie Anfang

Wie in einer Schrift des Freiheitlichen Bildungsinstituts, und nur dort, zu lesen ist, war die Gründung der FPÖ vor 70 Jahren „ein Glücksfall für die Republik“. Der erste FPÖ-Parteiobmann, Anton Reinthaller, NS-Staatssekretär und SS-Brigadeführer (siehe „N“), hielt fest, die FPÖ kämpfe, „für die Befreiung der Staatsbürger vom Gesinnungsterror politischer Parteien“. Die Freiheitlichen würden beweisen, „dass sie die Heimat aller nationalfreiheitlich gesinnten, sauber denkenden Österreicher“ sei. Die FPÖ ging aus untereinander zerstrittenen nationalliberalen Parteien des „Dritten Lagers“ hervor, wie dem Verband der Unabhängigen oder der Freiheitspartei. Ihr Gründungsparteitag erfolgte am 7. April 1956 im Hotel „Weißer Hahn“ in der Wiener Josefstadt mit 130 stimmberechtigten Funktionären. Ein Originalfoto zeigt ein Plakat im Veranstaltungssaal mit dem Leitspruch: „Glaube – Treue – Opferbereitschaft. Dann gehört uns die Zukunft“.

B wie Blau

Blau war die Farbe der Revolutionäre von 1848, auf deren Erbe sich die FPÖ beruft. Die Kornblume ist ihr Floral-Symbol. Im Mai 2005 beschloss Jörg Haider, orange zu werden, und spaltete das „Bündnis Zukunft Österreich“ von der FPÖ ab. Ausgangspunkt waren Streitereien mit dem rechten Rand um den jungen Wiener FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache. Das einzige Klare an der Trennung war die neue Parteifarbe. Wer sich nun „freiheitlich“ nennen durfte, beschäftigte sogar die Gerichte. Haiders BZÖ Kärnten bezeichnete sich weiterhin als „Die Freiheitlichen in Kärnten“. Die FPÖ alt firmierte dort unter „Freiheitliche Partei Kärntens“ (FPK).

C wie Christentum

Antiklerikalismus war eine Dominante im freiheitlichen Wesen, Religion Privatsache. Erst im 1997 erneuerten Parteiprogramm fand sich – auf Bestreben des Abgeordneten Ewald Stadler – die Formel vom „Christentum, das seine Werte verteidigt“.

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Im derzeit gültigen, unter Parteichef Strache beschlossenen Programm aus 2011 findet sich ein Bekenntnis zu einem nicht näher definierten „Kultur-Christentum“. Herbert Kickl nimmt in seinen Wahlslogans gern Anleihe bei der Bibel und Gebeten („Euer Wille geschehe“; „Nächstenliebe“) und absolviert Wahlkampfauftritte vor dem Wiener Stephansdom. Sein Büro ließ er nach einer Renovierung weihen.

D wie Deutschtümelei

Das Bekenntnis zur deutschen „Volks- und Kulturgemeinschaft“ war Kern jedes FPÖ-Programms. Jörg Haider lehnte die Vorstellung einer eigenen österreichischen Nation ab, bezeichnete sie im Jahr 1988 gar als „ideologische Missgeburt“ und erklärte Wien zur „deutschen Stadt“. Allerdings war es auch Haider, der 1995 eine Abkehr von der „Deutschtümelei“ forderte. Die stramm Nationalen in der FPÖ, vor allem in Haiders Kärntner Landespartei, sahen darin einen Verrat an den alten Werten. In ihrem aktuelle Programm aus 2011 bekennt sich die FPÖ zum „Heimatland Österreich als Teil der deutschen Sprach- und Kulturgemeinschaft“.

E wie Einzelfälle

Im Jahr 2018 sah sich die FPÖ (vom Koalitionspartner ÖVP) gezwungen, einen Historikerbericht über die braunen Flecken der Parteigeschichte verfassen zu lassen. Anlass war eine Häufung einschlägiger Vorkommnissen oder Utensilien wie ein Liederbuch der Schülerverbindung des niederösterreichischen FPÖ-Obmanns Udo Landbauer mit Spottversen über den Holocaust. Der Historikerbericht unter der Ägide des Rechtsprofessors und früheren FPÖ-Abgeordneten Wilhelm Brauneder ergab, dass es sich bei den Vorkommnissen um bloße Einzelfälle handelte und keinesfalls um eine der blauen Funktionärskaste immanente Geisteshaltung. Eine wirklich unabhängige Untersuchung fand allerdings nicht statt.

F wie Freiheit

„Die Freiheit gilt uns als das höchste Gut“, heißt es den diversen FPÖ-Programmen. Während der Coronapandemie tingelte Herbert Kickl auf einer sogenannten Freiheitstour durchs Land. Jörg Haider titelte ein 1993 erschienenes Buch mit einem Zitat des Lyrikers Max von Schenkendorf: „Die Freiheit, die ich meine“. Originell mutete Haiders Vorschlag eines Bürgerpflichtenkatalogs an, da „Bürgerpflicht“ wohl mit dem Freiheitsbegriff kollidiert. Geradezu paradox erscheint das Motto des FPÖ-Wahlprogramms aus dem Jahr 2024: „Festung Österreich, Festung der Freiheit“.

G wie Gruselkabinett

Beim politischen Personal der FPÖ gibt es einen „Narrensaum“, wie der Obmann der FPÖ-Oberösterreich, Manfred Haimbuchner, einmal eingestand. In Anlehnung daran ist der Schluss zulässig: Je erfolgreicher die Partei, desto mehr Mandate und folglich auch „Narren“. Im aktuellen FPÖ-Parlamentsklub mit seinen 57 Nationalratsabgeordneten finden sich Mandatare zum Gruseln: Mit Corona-Schwurblern, Impfgegnern und einem eigens installierten „Linksextremismus-Sprecher“ war zu rechnen. Die Breite des Narrensaums überrascht aber doch.

Gernot Bauer

Gernot Bauer

ist seit 1998 Innenpolitik-Redakteur im profil und seit 2025 Leiter des Innenpolitik-Ressorts. Co-Autor der ersten unautorisierten Biografie von FPÖ-Obmann Herbert Kickl.