Der Flughafen Wien-Schwechat wird bald stillstehen
Der Flughafen Wien-Schwechat wird bald stillstehen

© APA/HELMUT FOHRINGER

Österreich
03/17/2020

Die Corona-Chroniken: Der Ausnahmezustand ist die neue Normalität

Der tägliche profil-Überblick zur Corona-Krise.

von Michael Nikbakhsh

Als wir am vergangenen Freitagabend das neue profil fertiggestellt hatten und die Redaktion verließen, hatten wir bereits eine Vorahnung, was in den darauffolgenden Stunden und Tagen auf uns alle zukommen könnte – eine wirkliche Vorstellung aber nicht.

Seither haben sich die Ereignisse überschlagen. Die Welt rund um uns befindet sich tatsächlich in jenem Zustand, den wir auf der Titelseite der aktuellen Ausgabe metaphorisch in wenige Worte zu fassen versuchten: Sie steht (fast) still, und das im wörtlichen Sinn.

Ein herzhaftes „Respekt!“

Wenn Sie diese Zeilen lesen, sind Sie möglicherweise daheim, um sich und Ihre Familie vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 zu schützen; möglicherweise müssen Sie sich einem gewissen Risiko aussetzen, weil es notwendig ist, das Haus zu verlassen; vielleicht können Sie aber auch gar nicht anders, als die ganz konkrete Gefahr einer Infektion auf sich zu nehmen, weil das Leben und die Gesundheit anderer Menschen von Ihrer Arbeit abhängen. An dieser Stelle, auch wenn es pathetisch klingen mag, ein herzhaftes „Respekt!“ an alle Einsatz- und Pflegekräfte, Medizinerinnen, Apotheker, Sozialarbeiter, Supermarkt-Beschäftigte, Abfallentsorger und viele andere Berufsgruppen, die sich eine Selbstisolation nicht leisten können, weil sonst das öffentliche Leben und die Gesundheitsversorgung zusammenbrechen würden.

Wir bei profil haben, wie viele andere auch, auf eine Art Notbetrieb umgestellt. Die meisten arbeiten von zuhause aus, aber bereits jetzt sind die Recherchen und Vorbereitungen für die nächste Ausgabe im Gange.

Jeden Tag um die Mittagszeit

Um Sie bestmöglich informieren zu können, haben wir aber beschlossen, bis auf weiteres auch einen profil-Newsletter zur Corona-Krise zu produzieren. Wir werden von heute an jeden Tag um die Mittagszeit die aktuelle Lage kompakt für Sie einordnen: Was sind die neuesten Zahlen? Wie können sie interpretiert werden? Was verraten sie über die Entwicklungen. Ergänzt werden diese Informationen durch Berichte, Glossen, Interviews – und individuellen Beobachtungen von profil-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die das Lebensgefühl in den Zeiten von Corona beschreiben.

Normalerweise würden wir Ihnen an dieser Stelle vermutlich viel Spaß bei der Lektüre wünschen. In diesem Fall sagen wir bloß: Bleiben Sie gesund!

Zur Lage im Land

Das Gesundheitsministerium meldet landesweit (Stand 17.3.2020, 8.00 Uhr) 1132 bestätigte Coronavirus-Fälle nach 10.278 vorgenommenen Testungen. Drei Personen (zwei Männer in Wien, eine Frau in der Steiermark) sind zwischenzeitlich an den Folgen von Covid-19 gestorben, die „Kronen Zeitung“ berichtet heute Morgen allerdings von einem vierten Todesfall. Dieser scheint noch nicht in der amtlichen Statistik auf, da eine Obduktion aussteht. In Wien war in der Nacht auf Sonntag eine positiv getestete 48-jährige Frau in Heimquarantäne verstorben.

Acht Patientinnen und Patienten sind mittlerweile genesen.

Die meisten bestätigten Infektionsfälle hat Tirol (275), gefolgt von Oberösterreich (231), Niederösterreich (165), der Steiermark (145) und Wien (130). Die wenigsten Fälle verzeichnete bisher Kärnten mit 18 positiven Testungen.

Weltweit wurden bisher rund 182.000 Fälle bestätigt (zur Seite des Gesundheitsministeriums geht es hier.)

Seit Anfang März hat sich die Anzahl der registrierten Infektionen in Österreich in etwa alle drei Tage plusminus verdoppelt. Waren am 6. März 55 Personen betroffen, so waren es am 9. März 112, am 12. März 361 und am 15. März 860. Bei unverändertem Trend würden wir morgen Abend irgendwo bei 1700 bestätigten Fällen liegen. Das wirkt für sich genommen vielleicht noch nicht so bedrohlich, doch das Exponentielle ist tückisch. Es hieße, dass Österreich Anfang April die Marke von 100.000 knacken würde. Rund zehn Prozent der Betroffenen landen im Spital, etwa ein Prozent benötigt intensivmedizinische Betreuung. Bei 100.000 Infizierten wären das rund 1000 Akutfälle. Für deren Versorgung würde es an Betten und Gerätschaften und wohl auch an Personal fehlen (zuletzt häuften sich auch Meldungen über Infektionen unter Medizinern und Pflegern).

Kaufzwang

Österreichs Wirtschaft hat den Betrieb großflächig eingestellt. Das kann hässlich werden. Bleiben Sie bitte daheim.

Von Michael Nikbakhsh

Diesen Donnerstag wird frühmorgens Austrian Airlines-Flug OS66 aus Chicago in Wien-Schwechat erwartet. Es wird dies der letzte Austrian-Linienflug in diesem Monat gewesen sein. Erstmals in seiner Geschichte stellt das Unternehmen alle regulären Flüge ein – bis vorerst 28. März. Die Passagiere von OS66 werden einen Flughafen vorfinden, an dem nichts mehr so ist, wie sonst. Die Flughafen Wien AG hat mit Blick auf den Kollaps des Flugverkehrs bereits „Notmaßnahmen zur Aufrechterhaltung des Betriebs“ ergriffen, Mitarbeiter werden auf Kurzarbeit geschickt, die Geschäftsleitung rechnet mit nicht quantifizierbaren Umsatzeinbußen. Wo kein Flugzeug mehr fliegt und kein Sportevent mehr steigt, hat auch die Gastro-Gruppe Do & Co keinen Auftrag mehr. Do & Co hat mehrere hundert Mitarbeiter beim AMS zur Kurzarbeit angemeldet. Bei den Casinos Austria sind davon gleich 2000 Leute betroffen. Der Spielbankenmonopolist hat seine zwölf Casinos und 19 Automatensalons bis vorerst 3. April dichtgemacht. Die Salzburger Porsche Holding, einer der größten Autohändler Europas, hält den Laden bis Ende des Monats geschlossen, bis dahin geht auch im Grazer Werk von Magna nichts mehr.

Mehr als nur ein Hilfspaket

Die Liste ließe sich bedrohlich lang fortsetzen, von den großen Arbeitgebern im Land hin zu den Mittelständlern, den Gewerbetreibenden, Selbständigen und Freischaffenden.

Österreichs Wirtschaft hat den Betrieb großflächig eingestellt. Vorerst für zwei Wochen. Das ist an sich schon schlimm. Wenn sich das Mistvieh von Coronavirus bis dahin nicht vertrollt hat, könnte das allerdings noch sehr viel schlimmer werden. Bis auf einen jungen Mann, dem ich am Wochenende via willhaben.at einen Fauteuil abgekauft habe (man sitzt ja jetzt mehr rum), bin ich jedenfalls noch niemandem begegnet, der ernstlich glaubt, die Krise sei Ende März ausgesessen. Könnte also gut sein, dass die Regierung mehr als nur ein Hilfspaket schnüren muss.

Der Gedanke fühlt sich dann schon sehr nach Nordkorea an: Geschäfte und Wirtshäuser, die wochenlang nicht geöffnet haben; menschenleere Fabrikhallen, Märkte, Fitnesscenter und Fußballstadien; Dienstleister, die nichts mehr leisten dürfen (ich versuche mir ja unter anderem vorzustellen, wie wir alle alsbald ohne Friseure aussehen werden).

Sie und ich sind eben keine Nordkoreaner

Wer baut in einer solchen Situation ein Einfamilienhaus? Wer plant die Investition in eine neue Fertigungslinie (wenn es nicht gerade Klopapier ist)? Wer setzt Start-up in Gang? Und was, wenn in einer Lebensmittelproduktion Infektionsfälle auftreten? Oder bei einem Logistiker?

Sie und ich sind eben keine Nordkoreaner. Wir sind Teil der Konsumgesellschaft, Gesellschafter und -innen. Das ist ein Job mit großer Verantwortung. Unser Konsum ist es, der die Wirtschaft am Laufen hält. Wenn das Virus unseren Konsum lähmt, verkaufen Firmen weniger Produkte und Dienstleistungen, das erzeugt mehr Arbeitslose, die dann wiederum weniger konsumieren können; und für den Staat bedeutet das einerseits höhere Kosten im Sozialsystem und andererseits niedrigere Steuereinnahmen, was wiederum zu steigenden Staatsschulden und Belastungen für die eh schon belasteten Bürger führt. Mit geöffneten Supermärkten, Bäckern, Autowerkstätten und Apotheken, werden wir unsere Konjunktur jedenfalls dauerhaft nicht retten. Und wenn man nicht gerade Netflix heißt, ist die Digitalisierung nicht zwingend Zuflucht für jeden Wirtschaftstreibenden. Fußpflege online ist halt schwierig.

Klar kann man die augenblickliche Situation romantisieren. Der Gedanke, auf ein Leben wie vor hundert Jahren entschleunigt zu werden, hat fraglos seine Reize - und tut dem Klima gut. Dass es an den Börsen jetzt auch noch nach und nach die Heuschrecken zerlegt (leider nicht nur diese), kann man erst recht lässig finden, eat the rich!

Dabei wird es nicht bleiben. Je länger diese Krise dauert, umso gefährlicher wird das für uns alle. Gesundheitlich, gesellschaftlich, wirtschaftlich. Soweit muss es nicht kommen. Sie müssen eigentlich nur daheim bleiben (so gut es eben geht). Bleiben Sie gesund!

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„In der Broad Street, wo ich wohnte, war wirklich nichts zu sehen als Wagen und Karren, beladen mit Hausgeräten und Weibern, Dienstmädchen, Kindern u.a.m., Kutschen voll von Leuten der besseren Klassen, Reitern, die sie begleiteten – alles auf der Flucht. (...) Diese Flucht dauerte, wie gesagt, einige Wochen, d.h. den ganzen Mai und Juni hindurch, besonders auch, weil das Gerücht von einer kommenden Verfügung sprach, alles Reisen durch Schlagbäume und Schranken auf den Straßen zu verhindern.“ Daniel Defoe, „Die Pest zu London“ (1722)

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News

+++ In vielen Städten wurden zwischenzeitlich die Kurzparkregeln gelockert oder zur Gänze ausgesetzt. Die Stadt Wien hebt mit heutigem Tage die Kurzparkzonen bis auf weiteres auf, auch die Stadt Graz hat die Parkraumüberwachung aufgegeben.

+++ Die Arbeitsämter meldeten gestern hohes Besucheraufkommen, was einerseits den Umständen geschuldet ist, andererseits aber das Verbreitungsproblem nicht kleiner macht. Laut AMS-Chef Johannes Kopf wurden allein gestern 16.000 Anträge auf Arbeitslosigkeit ausgegeben.

+++ Das Institut für Höhere Studien, das die Krise vor einigen Tagen etwas vorschnell kleingeredet hatte, rechnet nun für 2020 mit einem Schrumpfen der österreichischen Wirtschaftsleistung. Die Ökonomen der UniCredit Bank Austria erwarten ihrerseits eine „technische Rezession“ im ersten Halbjahr, gefolgt von einer „starken Erholung“ im zweiten. Deren BIP-Erwartung für 2020: minus 0,6 Prozent. Am Ende hängt alles davon ab, wie lange diese Krise andauert.

+++ An den Börse geht es weiter rund, die Rezessionsängste treiben Anleger in Scharen aus Aktien und das quer durch alle Branchen, die Verluste sind kaum noch in erfassbaren Zahlen auszudrücken. Der US-Dollar hat gegenüber dem Euro deutlich nachgegeben, der Bitcoin-Kurs fällt und fällt und auch der Goldpreis schwächelt.

+++ Nicht alle leiden. Der Lebensmittelhandel hat Arbeit wie selten. Die Billa-Mutter Rewe Österreich sucht nach Angaben ihres Geschäftsführers temporär mehr als 2000 zusätzliche Mitarbeiter, um die hohe Nachfrage zu befriedigen. Der US-Onlinehändler Amazon will gleich 100.000 Mitarbeiter für Lager und Auslieferung in den USA einstellen und 350 Millionen Dollar aufwenden, um die Stundenlöhne der Beschäftigten in den USA um zwei Dollar und in Europa um etwa zwei Euro zu erhöhen. Der deutsche Medizintechnik-Hersteller Geratherm ist spezialisiert auf Fieberthermometer und Lungenfunktionsmessgeräte. Die Auftragsbücher sind proppenvoll. Die Geratherm-Aktie hat gestern gegen den allgemeinen Trend um fast 50 Prozent zugelegt, auch heute liegt sie im Plus.

+++ Die Oesterreichische Nationalbank meldet, dass die Bargeldversorgung gesichert sei, wobei Bargeld im Augenblick eine unsere kleineren Sorgen ist – man kann es ja kaum ausgeben.

+++ Im Euromillionen-Europot liegen derzeit 65 Millionen Euro. Die nächste Ziehung ist heute, Annahmeschluss um 18.30 Uhr.

30.000

österreichische Touristen sind derzeit nach Angaben von Außenminister Alexander Schallenberg in 100 Ländern auf der ganzen Welt unterwegs. Für sie startet nun eine Rückholaktion.

Zum Hören

Den „Super Tuesday“-Podcast von profil gibt es auch heute – es geht um die Auswirkungen der Epidemie auf die US-Vorwahlen