Monitoring: Wie kam so viel Ketamin ins Guntramsdorfer Abwasser?
Es war ein Ergebnis, das viele verwundert hat – insbesondere die Einwohner selbst. Guntramsdorf ist eine 9000-Einwohnergemeinde in Niederösterreich. Mit der Badner Bahn kommt man vom Wiener Karlsplatz in die Kommune mit ihren Weinbergen und Heurigen, die man im frühen Herbst besuchen kann. Nur zwei Ortschaften weiter liegt die Shopping City Süd, das größte Einkaufszentrum in Ost-Österreich. Nun könnte die Gemeinde im Wiener Speckgürtel aber eine neue Assoziation bekommen, eine äußerst unangenehme: Guntramsdorf, der „Drogen-Hotspot“ Österreichs. Falls Sie gerade beim Lesen etwas verwirrt sind, dann sind Sie garantiert nicht die Einzigen. Aber von vorne.
Das alljährliche Abwassermonitoring untersucht Kläranlagen in Österreich nach Krankheitserregern und Drogenrückständen. Eingeführt wurde es ursprünglich im Coronajahr 2020, um nachzuverfolgen, wie weit das Virus im Land verbreitet ist. Die Studie wurde auf Suchtmittel ausgeweitet – und überrascht seitdem Jahr für Jahr die breite Öffentlichkeit mit ihren Ergebnissen.
Durchgeführt wird das Monitoring von der Medizinischen Universität Innsbruck mit Herbert Oberacher als Studienleiter, bisher im Auftrag des Gesundheitsministeriums, heuer erstmals im Auftrag der Drogenagentur der Europäischen Union (EUDA).
Speed in Ried, Koks in Kufstein
profil berichtete bereits 2023 über die Ergebnisse bezüglich Kufstein – der „Kokainhochburg“ Österreichs. Denn nirgendwo wird laut der Abwasserstudie ein so hoher Kokainkonsum pro Kopf aufgezeichnet, wie in der Tiroler Stadt an der deutschen Grenze. Tatsächlich stieg der Wert seit der letzten Berichterstattung sogar: Von 371 Milligramm pro Tausend Personen auf 998 Milligramm pro Tausend Personen. Vergangenes Jahr leuchtete das oberösterreichische Ried im Innkreis in Puncto Speed auf – dieses Jahr ist Ried auf Platz zwei, obwohl auch hier der Konsum von 102 Milligramm pro Tausend Einwohner auf 104 Milligramm pro Tausend Einwohner pro Tag gestiegen ist. Die neue Nummer eins ist allerdings Guntramsdorf.
Guntramsdorf ist eine relativ überschaubare Ortschaft. Der Kern der Marktgemeinde ist die Badner Bahn-Station, gleich vis á vis befindet sich das „Rathaus Viertel“, ein unscheinbarer Neubau, der Rathaus, Polizeistation, Wien Energie Servicepoint, Bürgerservice, Erste Bank und Arztpraxis in einem ist. Dort hat der SPÖ-Bürgermeister Robert Weber sein Büro. profil trifft ihn zum Gespräch.
Auch wenn in Guntramsdorf offenbar weniger Kokain konsumiert wird als in Kufstein, liegen die Werte für Ketamin und Speed bei 56 Milligramm und 110 Milligramm pro 1000 Personen und Tag – hochgerechnet würde das bedeuten, dass statistisch jede Einwohnerin und jeder Einwohner im Jahr durchschnittlich jeweils eine Line konsumiert. Spiegelt diese Annahme die Realität wider?
„Wir werden uns mit den Einrichtungen der sozialen Jugendarbeit, der Polizei, mit den Schulen zusammensetzen und an weiteren Schritten arbeiten.“
Robert Weber, Bürgermeister von Guntramsdorf
Unterschiedliche Faktoren möglich
„Nein“, lacht Robert Weber. Den medialen Aufschrei findet er unterhaltsam – sogar die Satiresendung „Willkommen Österreich“ hat über das Ergebnis der Abwasserstudie berichtet, erzählt er. Allerdings unterstreicht er: „Guntramsdorf hat kein Problem mit Drogen“.
Tatsächlich sind sowohl Amphetamine wie Speed, als auch Ketamin, das als Anästhetikum verwendet werden kann, nicht nur Partydrogen, sondern auch Medikamente. In dem Ort gibt es ein großes Pflegeheim – ein Teil des Konsums könnte so zu erklären sein, meint Weber. Aus dem Pflegeheim heißt es auf profil-Anfrage dagegen: „Ketamin wird in unserer Einrichtung nicht verabreicht, Speed ist allgemein keine Medikation. Diese Substanzen stehen somit in keinem Zusammenhang mit der pflegerischen Versorgung unserer Bewohner.“
Zudem, betont der Bürgermeister, wäre die Kläranlage Guntramsdorf auch mit einer hochfrequentierten Autobahnraststätte inklusive Oldtimer-Lokal verbunden, an der viele Lkw-Fahrer zwischen ihren langen Fahrten Pause machen. Auch ein Teil der Nachbargemeinde Traiskirchen fließt in die Kläranlage ein. Aus dem Monitoring lässt sich jedoch nicht auf Personengruppen schließen, betont Weber. Hier handelt es sich lediglich um Vermutungen.
Man werde das Ergebnis allerdings ernst nehmen, versichert er im profil-Interview. Seit über zwanzig Jahren gibt es in dem Ort mobile Jugendarbeit, die Gemeinde arbeite eng mit Polizei und Sozialarbeitern zusammen, das betont auch Jugend-Gemeinderat Paul Gangoly (SPÖ) im profil-Gespräch. „Wir sind im regen Austausch. Drogen waren in den letzten Jahren allerdings eigentlich kein Thema.“ Er ist über das Ergebnis überrascht und damit definitiv nicht allein.
„Die Teenager hier haben ähnliche Probleme wie überall anders auch. Konflikte in der Clique, mit der Familie, Probleme in der Schule. Wir sind da, um zuzuhören.“
Sozialarbeiter Peter Nöbauer (m) und seine Kollegen Gerald Langeder (l) und Line Panzenböck (r).
Sozialarbeiter verwundert
„Wenn bei uns Substanzen aufgeflogen sind, dann waren sie meist von jungen Erwachsenen, selten direkt von Jugendlichen“, erzählt die Sozialarbeiterin Line Panzenböck von Moja, der mobilen Jugendarbeit, die für den Bezirk Mödling und damit auch für Guntramsdorf zuständig ist. profil trifft Panzenböck gemeinsam mit ihren Kollegen Gerald Langeder und Peter Nöbauer, dem Leiter der Einrichtung in ihrem Büro in Wiener Neudorf, dem Nachbarort von Guntramsdorf. Die Sozialarbeiter setzen bei ihrer Arbeit vor allem auf Streetwork, sie sind in den Gemeinden unterwegs, vor Schulen, auf Spielplätzen, in Skateparks und sprechen Jugendliche und junge Erwachsene an.
Wichtig sei es, Vertrauen zu schaffen, jungen Menschen das Gefühl zu vermitteln, sie können ihre Probleme anonym anvertrauen: „Die Teenager hier haben ähnliche Probleme wie überall anders auch. Konflikte in der Clique, mit der Familie, Probleme in der Schule. Wir sind da, um zuzuhören“, erzählt Nöbauer. Dass Jugendliche in Guntramsdorf vermehrt Probleme mit Suchtmitteln haben, ist den Sozialarbeitern nicht aufgefallen. Sie beobachten allerdings gesamtgesellschaftlich eine immer größere Akzeptanz von chemischen Drogen: „Im Vergleich zu den Neunzigern ist es schon so, dass es heute in der Musikszene eher um Opiate, Lean oder Benzos geht. Früher hat man dafür vielleicht von seinem Cannabiskonsum gerappt“, so Langeder. Auch der Dokumentarfilm über den deutschen Rapper Haftbefehl, der im vergangenen November auf Netflix erschienen ist und den Superstar inklusive seines problematischen Kokainkonsums zeigt, hätte laut den Sozialarbeitern „Öl ins Feuer gegossen“.
Selbst, wenn sie das Ergebnis des Abwassermonitorings wundert hat, werden die Sozialarbeiter in Guntramsdorf künftig genauer hinschauen: „Wir werden in naher Zukunft die Studie als Aufhänger bei unseren Gesprächen verwenden, um herauszufinden, wie die Teenies dazu stehen“, so Langeder.
Außerdem ist engere Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister geplant. „Ich halte es für immens wichtig, in der Prävention Trends zu erkennen. Und das tun wir als Gemeinde“, verspricht Bürgermeister Weber: „Wir werden uns mit den Einrichtungen der sozialen Jugendarbeit, der Polizei, mit den Schulen zusammensetzen und an weiteren Schritten arbeiten.“
Die Guntramsdorfer Begehung
Zurück zum Ortskern, der Badner Bahn-Station „Guntramsdorf Lokalbahn“. Gegenüber vom Rathaus befindet sich die Bäckerei „Der Mann“. Hier trifft profil Thomas, einen Local. Thomas heißt eigentlich anders, er hat darum gebeten, in dieser Reportage anonymisiert zu werden. Der 20-Jährige WU-Student im zweiten Semester lebt seit seiner Geburt in Guntramsdorf, auch sein Vater kommt aus dem Bezirk Mödling. Obwohl er in Wien studiert, kommt es für ihn nicht in Frage, in die Hauptstadt zu ziehen. „Warum auch? Mein Leben ist hier in Guntramsdorf“, sagt Thomas.
Er führt profil durch die Ortschaft und erzählt von der bescheidenen Partyszene. Im Ortsteil Neu-Guntramsdorf gab es immer wieder vereinzelt Personen und Familien, die mit Drogen gehandelt hätten und suchtkrank wären. Thomas erzählt von einem älteren Mann, der in Guntramsdorf mit chemischen Drogen gedealt hätte. Der Mann verschwand allerdings irgendwann. Auch ein Schulkollege von Thomas wäre in der Drogendealer-Szene in Guntramsdorf involviert gewesen: „Er sitzt aber seit einigen Jahren im Gefängnis. Er hat es irgendwann übertrieben und wurde erwischt.“
Thomas zeigt profil Orte, die abends „oft nach Marihuana riechen“. Etwa den „Billa-Park“ einen Park, der sich hinter der Billa-Filiale neben dem Rathaus befindet. Als wir den Park überqueren, riecht es nicht nach Cannabis, man sieht dafür kleine Kinder am Spielplatz. Eltern rauchen – herkömmliche Zigaretten.
Beim Verlassen des Stadtkerns kommen wir an einem weiteren Spielplatz vorbei. Der Spielplatz verfügt über eine öffentliche Toilette: „Hier nehmen manchmal Leute Drogen“, erzählt Thomas. Vor der Damentoilette sieht man Erbrochenes. Auch im Gebüsch gegenüber dem Barock-Pavillons neben dem Gymnasium und der Mittelschule Guntramsdorf treffen sich manchmal Jugendliche, um zu trinken oder den ein oder anderen Joint zu rauchen.
Grundsätzlich findet Thomas, dass sich die Drogensituation in dem Ort innerhalb der letzten Jahre extrem gebessert habe. Während es früher immer wieder vereinzelt Personen gab, die mit Suchtmittel gedealt oder sie exzessiv genommen hätten, nimmt er das heute weniger wahr. Der Guntramsdorfer Bürgermeister habe in Aufklärungs- und Präventionsarbeit investiert, außerdem sei die Polizei immer präsenter im Ort. Zusätzlich wurde vergangenes Jahr „Freiraum”, ein neuer Jugendtreff im Ort, eröffnet.
Das Abwasser lügt nicht
Wie repräsentativ ist die Abwassermonitoring-Studie? Diese Frage wurde in der vergangenen Woche von unterschiedlichen Seiten aufgeworfen. Eine Teilnahme ist nämlich freiwillig – österreichweit haben 2025 18 Kläranlagen mitgemacht. Lässt sich so ein genaues Bild über den Drogenkonsum des Landes schließen?
Grundsätzlich gilt das Abwassermonitoring als sehr genaue Methode, schließlich kann man hier schwer schummeln oder falsche Infos angeben, wie es bei Befragungen der Fall sein könnte. Laut Herbert Oberacher würden in den Einzugsgebieten der 18 Kläranlagen 40 Prozent der Bevölkerung leben. Andere repräsentative Umfragen basieren im Vergleich dazu auf Stichproben von einigen hundert bis wenigen tausend Befragten. Allerdings: „Wichtige Städte wie Linz oder St. Pölten sind derzeit nicht vertreten. Insbesondere in Niederösterreich und im Burgenland wäre eine Erweiterung des Monitorings sinnvoll.“
Herbert Oberacher, der Studienleiter warnt allerdings: „Ich bin allen beteiligten Kläranlagen und Regionen sehr dankbar für ihre freiwillige Mitwirkung. In der medialen Darstellung wird die Studie jedoch häufig verkürzt als Suche nach ‚Drogen-Hotspots‘ interpretiert. Dies kann dazu führen, dass Regionen eine Teilnahme ablehnen oder sich aus dem Monitoring zurückziehen.“ Guntramsdorf wird in den kommenden Jahren weiterhin an der Studie teilnehmen, versichert der Bürgermeister.
Es ist nach 18 Uhr, als es mit der Badner Bahn aus Guntramsdorf zurück nach Wien geht. Wie es zu diesem erschreckend hohem Ergebnis im Abwassermonitoring kam, bleibt ein Mysterium. Vor allem, wenn man die idyllische Kleinstadt und deren Bewohner besser kennt.