Christian Pilnacek und Christian Mattura
Pilnacek-U-Ausschuss: Auftritt eines Kronzeugen
Ist er schon in Wien? Und, falls nicht: Wird er es rechtzeitig dorthin schaffen? Am kommenden Donnerstag soll Christian Mattura als Auskunftsperson vor dem Untersuchungsausschuss zum Tod des Justizsektionschefs Christian Pilnacek erscheinen. Gegenüber der Parlamentsdirektion hat Mattura sein Erscheinen bestätigt. Allerdings: Sein offizieller Wohnsitz ist laut profil-Informationen Silicon Oasis, ein modernes Viertel im Südosten von Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten. In normalen Zeiten fliegt die AUA fünfmal pro Woche von Dubai nach Wien – Flugdauer sechs Stunden. Doch aufgrund der Kriegshandlungen im Nahen Osten wurden alle Flüge gecancelt.
Matturas Auftritt als Auskunftsperson wäre der erste große Höhepunkt im Pilnacek-U-Ausschuss, der mögliche Ermittlungsfehler und den Verdacht politischer Einflussnahme auf die Polizeiarbeit in Zusammenhang mit dem Tod des einst mächtigen Justizsektionschefs beleuchten soll. Dessen Leichnam wurde am 20. Oktober 2023 in einem Seitenarm der Donau bei Rossatz aufgefunden.
Heimliche Aufnahme im Ristorante
Christian Mattura, 40, ist eine Art Kronzeuge. Denn bei ihm handelt es sich um jenen Mann, der Pilnacek im Nobelitaliener „Il Cavalluccio“ in der Wiener Innenstadt drei Monate zuvor, am 28. Juli 2023, mit seinem Handy heimlich aufnahm. Der Mitschnitt wurde am 21. November 2023 von ORF und der „Kronen Zeitung“ veröffentlicht. Zu hören ist, wie Pilnacek sich gegenüber seinen Gesprächspartnern – neben Mattura war auch der deutsche Unternehmer und Pilnacek-Vertraute Wolfgang Rauball anwesend – über die ÖVP im Allgemeinen und den damaligen Nationalratspräsidenten Wolfgang Sobotka im Speziellen beschwerte. Er sei bedrängt worden, so Pilnacek, Einfluss auf Ermittlungen und Verfahren zu nehmen, was er aber verweigert hätte. Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) prüfte einen Anfangsverdacht gegen Sobotka wegen versuchter Bestimmung zum Amtsmissbrauch, verneinte diesen dann allerdings.
Nach der Veröffentlichung des Tapes wurde Mattura über Nacht zum gefragten Interviewpartner. Dabei gab er an, Pilnacek „ein, zwei Jahre“ zuvor im „Il Cavalluccio“ kennengelernt zu haben. Juristische Expertise à la Pilnacek hätte Mattura unter Umständen durchaus gebrauchen können. Wie profil berichtete, arbeitete Mattura früher für illegale Glücksspielbetreiber. Ab 2016 trat er als Sprecher der Schutzvereinigung der Automatenwirtschaft auf, einer Organisation von Wirten und Unternehmern, die infolge der Glücksspielreform 2011 ihre Berechtigung zum Aufstellen von Glücksspielautomaten verloren hatten. Einige der Betreiber machten illegalerweise weiter, die Vereinigung war ihr politisches Sprachrohr und Mattura ihr Gesicht nach außen. Dazu arbeitete er im Umfeld einer illegalen Glücksspiel-Clique in Oberösterreich, gegen deren Big Boss die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft nun eine Anklage einbrachte. In einem seiner Interviews gab Mattura an, er sei seit 2021 nicht mehr in der Glücksspielbranche tätig.
Abgeordnete und Medienvertreter im Sitzungssaal des Pilnacek-Untersuchungsausschusses.
Als Christian Pilnacek an jenem 28. Juli 2023 im „Il Cavalluccio“ begann, sich über die ÖVP in Rage zu reden, habe er einfach auf die Aufnahmetaste seines Handys gedrückt, so Mattura. Warum er das tat, erklärte er im Podcast „Die Dunkelkammer“ so: „Es ging darum, ich habe den Herrn Pilnacek unzählige Male davor angesprochen, es gibt ein Verfahren, das mich involviert, wo ich mit ziemlicher Sicherheit vermute, dass der Christian Pilnacek da eine Rolle gespielt hat in dem Verfahren.“ Offenbar erhoffte sich Mattura von Pilnacek Informationen über das angesprochene „Verfahren“ – zu dem Mattura im U-Ausschuss wohl eingehend befragt werden wird.
Damit in Zusammenhang steht auch die Rolle, die Mattura um den sagenumwobenen privaten Laptop von Christian Pilnacek spielte. Noch am Tag des Fundes des Leichnams holten niederösterreichische Kriminalbeamte Pilnaceks persönliche Gegenstände – Handy, Brieftasche, Autoschlüssel und Wohnungsschlüssel – in jenem Haus in Rossatz an der Donau ab, in dem Pilnaceks Freundin Karin Wurm und ihre Mitbewohnerin Anna P. lebten. Vom privaten Laptop wussten die Beamten nichts. Als erste erkundigte sich Pilnaceks Witwe Caroline List nach dem Verbleib des Geräts. Doch auch Karin Wurm hatte den Laptop benutzt. Wenige Tage nach Pilnaceks Tod bat sie einen ihr bekannten IT-Techniker, Daten darauf zu sichern.
Exfiltrierte Dokumente
Für den 7. November 2023 organisierte der Pilnacek-Vertraute Wolfgang Rauball ein gemeinsames Treffen mit Mattura, Karin Wurm und Anna P. in einer Wiener Konditorei. P. verließ mit Mattura das Lokal, ging mit diesem in eine Tiefgarage zu dessen Auto und legte ein Stoffsackerl mit dem Laptop und USB-Sticks in den Kofferraum. Wie Mattura im März 2025 in einer Zeugenaussage vor der WKStA – sie ermittelt gegen Wurm und P. wegen falscher Zeugenaussage – angab, habe er das Sackerl mit dem Laptop in ein Lager nahe Amstetten transportiert und dort zehn Tage lang zwischen Reifenstapeln versteckt. Jemand muss sich allerdings dafür interessiert haben. Laut profil-Informationen ergab eine forensische Auswertung der WKStA, dass im Zeitraum dieser zehn Tage Daten auf den USB-Sticks, die zuvor gelöscht worden waren, wiederhergestellt wurden. Von Amstetten ging der Laptop für rund vier Monate in den Besitz von Wolfgang Rauball über. In diesem Zeitraum wurden laut der WKStA-Auswertung zwei externe Datenträger an den Laptop gesteckt und Dokumente exfiltriert. Rauball kann dazu vom U-Ausschuss nicht mehr befragt werden. Er starb im Jänner 2025.
Über eine Anwaltskanzlei und einen Boten gelangten der Laptop und die USB-Sticks im März 2024 zum „Krone“-Journalisten Erich Vogl – in einem „grünen Spar-Sackerl“, wie Vogl jüngst vor dem U-Ausschuss aussagte. „Smoking Gun“ habe er keine darauf entdeckt. Nach der Auswertung übergab Vogl den Laptop Martin Kreutner, dem Leiter der Untersuchungskommission des Justizministeriums zur Pilnacek-Causa. Kreutner händigte den Laptop schließlich der WKStA aus. Brisantes fanden auch die Ermittler darauf nicht.
Doch warum nahm Mattura Pilnaceks Laptop überhaupt an sich? Hoffte er, darauf Informationen zu seinem „Verfahren“ zu finden? Hatte er ein anderes Interesse an den Unterlagen des einst einflussreichen Sektionschefs? War er einfach nur neugierig? All das werden die Abgeordneten im Pilnacek-U-Ausschuss von Mattura am kommenden Donnerstag wissen wollen.
So dieser im Parlament erscheint und nicht in Dubai gestrandet ist.