OLEG DERIPASKA, SIEGFRIED WOLF. Der große und der kleine Oligarch sind seit Jahren Partner.

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Pandora Papers Russia 
04/29/2022

Strabag: Wer kontrolliert den russischen Anteil? 

Oleg Deripaska hält offiziell 27,8 Prozent am größten Baukonzern des Landes. Eine internationale Recherche belegt aber: Der russische Oligarch hat bei seinem Österreich-Engagement seit Jahren verdeckte Co-Investoren. Eine Spur führt in den Kreml. 

von Stefan Melichar, Michael Nikbakhsh

Wer hat in Österreichs größtem Baukonzern Strabag das Sagen? Also genauer: Wer hat die Kontrolle über die börsennotierte Strabag SE? Die Gewichtsverteilung schien bisher eigentlich unzweideutig. Die Strabag hat vier große Aktionärskreise: Da wären einmal die Unternehmensgruppe rund um die Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien sowie die Raiffeisen nahestehende Uniqa Versicherung, die zusammen auf 29,5 Prozent kommen. Dann wäre da die Familie des Industriellen Hans Peter Haselsteiner, deren Privatstiftung 28,3 Prozent verwaltet.

Knapp dahinter der russische Oligarch Oleg Deripaska, ein Mann mit besten Verbindungen in den Kreml – und zum steirischen Unternehmer Siegfried Wolf. Deripaska ist bereits seit 2007 (mit einer Unterbrechung) ein Strabag-Kernaktionär. Über eine zypriotische Firmenstruktur kontrolliert er eine „MKAO Rasperia Trading Limited“ mit Sitz in Russland (die zuvor ebenfalls auf Zypern saß), und diese Rasperia hält 27,8 Prozent der Strabag-Anteile. 14,4 Prozent schließlich liegen bei privaten und institutionellen Anlegern. 

So stellt sich die Aktionärsstruktur der Strabag SE dar (das Kürzel SE steht für die Rechtsform der Europäischen Aktiengesellschaft „Societas Europaea“). Nachzulesen ist das auf der Website des Unternehmens. So stellt sich die Aktionärsstruktur vor allem aus Sicht der Konzernleitung dar, mit welcher profil und der ORF in den vergangenen Tagen in regem E-Mail-Austausch standen.  

„Herr Deripaska hat keine Kontrolle“ 

profil und der ORF recherchieren seit Wochen gemeinsam zu den Vermögenswerten russischer Oligarchen im Westen, versteckt hinter Briefkastenfirmen – den Rahmen bildet dabei das internationale Projekt „Pandora Papers Russia“, das vom International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) koordiniert wird (wir berichteten bereits ausführlich). Die Recherchen führten nun auch zu Oleg Deripaska und dessen Strabag-Beteiligung. Die Ergebnisse sind rundheraus verblüffend.  

Erstens: Der mittlerweile auch unter EU-Sanktionen stehende Oligarch war jahrelang nicht der alleinige Eigentümer des ihm zugerechneten Strabag-Anteils. Er hatte spätestens seit 2012 Mitgesellschafter, deren Einfluss im Laufe der Jahre immer größer wurde. Die Spur führt zu einer Kaskade von Offshore-Firmen (viele auf Zypern), von da zu einer komplexen Fondsstruktur in Luxemburg und von da gleichsam direkt in den Kreml: Zu Kirill Androsov, einst Vize-Stabschef von Wladimir Putin, als dieser Premierminister der Russischen Föderation war. Aber auch zu Evgeny Novitsky, einem russischen Geschäftsmann, dem seinerseits Verbindungen zu Putin nachgesagt werden. 

Zweitens: Oleg Deripaska hat nicht nur seit Jahren überaus stille Mitgesellschafter, zwischenzeitlich hat er auch keine Kontrolle mehr über die bereits benannte russische „MKAO Rasperia Trading Limited“, also jene Firma, welche „seine“ Strabag-Anteile verwaltet. Das zumindest ließ der Oligarch über seine Sprecherin Larisa Belyaeva ausrichten: „Herr Deripaska hält eine Minderheitsbeteiligung an Rasperia und hat keine Kontrolle über die Geschäfte des Unternehmens. Er hat auch kein Interesse an einer solchen Kontrolle“, schreibt Belyaeva in einer profil und dem ORF übermittelten Stellungnahme. Die Aktivitäten der Strabag in Russland seien seit Jahren „minimal“, überhaupt konzentriere Deripaska sich nunmehr fast ausschließlich auf „soziale und wohltätige Projekte, die darauf abzielen, die dringendsten globalen Probleme wie Klimawandel und Armut zu lösen“. Und soweit es die internationalen Sanktionen betreffe, seien diese „fehlgeleitet“, weil voller „falscher Anschuldigungen“. 

Oleg Deripaska ließ auf Anfrage der recherchierenden Medien also mitteilen, dass er keine Kontrolle über die russische Rasperia Trading Limited habe, womit er auch keine Kontrolle über die ihm bisher zugerechneten 27,8 Prozent am österreichischen Baukonzern haben kann (zusätzlich halten die Familie Haselsteiner und die Rasperia Trading noch jeweils eine „Namensaktie“, die zu jeweils einem Aufsichtsratssitz berechtigen). 

„Herr Deripaska hat keine Kontrolle über die Geschäfte dieses Unternehmens.“
 

Deripaskas Sprecherin über dessen Einfluss auf die Strabag-Kernaktionärin Rasperia 

Wenn aber der russische Oligarch die russische Rasperia Trading und damit den russischen Strabag-Anteil nicht kontrolliert – wer tut es dann? 

Deripaskas Sprecherin äußerte sich dazu nicht. In der Strabag wiederum ist man weiterhin davon überzeugt, dass Deripaska zum Kernaktionariat gehöre, wenngleich dessen Rechte mit Dauer der EU-Sanktionen beschnitten seien. „Oleg Deripaska wurde am 8. April 2022 seitens der EU-Kommission sanktioniert, konkret auf die Liste jener Personen gesetzt, für die Sanktionen in Form von Reiseverboten, des Einfrierens von Vermögenswerten und des Bereitstellungsverbots gelten“, schreibt Strabag-Konzernsprecherin Marianne Jakl auf Anfrage. „Anders als Strabag SE gilt ihre Aktionärin MKAO Rasperia Trading Limited als von diesen Sanktionen betroffen, weil sie (anders als die Strabag) von Deripaska im Sinne der EU-Sanktionsregelungen kontrolliert wird.“ Mit der Sanktionierung seien alle mit Deripaskas Strabag-Aktien verbundenen Rechte „eingefroren“ worden (das betrifft im Wesentlichen die Ausübung von Stimmrechten, den allfälligen Verkauf der Aktien und den Bezug der Dividende. Bereits vor den EU-Sanktionen hatte Haselsteiners Familien-Privatstiftung den Syndikatsvertrag mit Deripaskas vermeintlicher Firma aufgelöst). 

Ganz gleich, ob Deripaska die Kontrolle über die russische Firma Rasperia und damit auch über den Strabag-Anteil – zu aktuellen Kursen immerhin gut eine Milliarde Euro wert – nun einfach nur kleinredet oder tatsächlich abgegeben hat: Bei seinem Österreich-Engagement ist er seit Jahren nicht alleine. Ab hier führt die Spur zu dem bereits skizzierten Luxemburger Fondskonstrukt und Putins ehemaligem Vize-Stabschef Kirill Androsov. 

Projekt „Pandora Papers Russia“ 

Als Teil des ICIJ-Rechercheprojekts „Pandora Papers“ haben profil und der ORF Zugang zu einer fast zwölf Millionen Dokumente fassenden Datenbank, die sich aus geleakten Geschäftsunterlagen von vierzehn großen Offshore-Agenturen (Treuhänder, Anwaltskanzleien, Finanzdienstleister) zusammensetzt. Die ersten Berichte dazu veröffentlichten die Projektpartner im Herbst vergangenen Jahres, mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine rückten die russischen Connections in den Fokus der beteiligten Journalistinnen und Journalisten. 

Kirill Androsov ist ein Geschäftsmann und Ex-Politiker, der in der Kreml-Nomenklatura ziemlich weit oben anzusiedeln ist. Androsov war unter anderem Aufsichtsratschef der russischen Staatsbahn und der mehrheitlich staatlichen Airline Aeroflot. Zwischen 2008 und 2010 diente er dem damaligen russischen Premier Putin als stellvertretender Stabschef, nachdem er zuvor stellvertretender Minister für wirtschaftliche Entwicklung und Handel gewesen war. Sein Vorgesetzter als Wirtschaftsminister war damals Herman Gref, heute Vorstandsvorsitzender der vom Kreml kontrollierten Sberbank (Gref und die Sberbank stehen unter internationalen Sanktionen, Androsov hingegen nicht). 

Laut geleakten Datensätzen der Offshore-Agentur AsiaCiti saß Androsov in den 2010er Jahren unter anderem auch im „Board of Directors“ einer Luxemburger Investmentfondsstruktur namens „Altera Investment Fund SICAV-SIF“. Der Fonds war 2011 in Luxemburg mit Hilfe örtlicher Berater aufgesetzt und mit Vermögenswerten von rund 400 Millionen US-Dollar ausgestattet worden. 

Als maßgeblichen „Altera“-Financier der ersten Stunde identifizierte die Luxemburger Plattform reporter.lu (diese ist ebenfalls Teil des ICIJ-Recherchekollektivs) bereits im Oktober vergangenen Jahres den russischen Oligarchen Evgeny Novitsky.  

Der Geschäftsmann, der laut den „Pandora Papers“ zum „erweiterten Oligarchenkreis“ um Putin gehört, war viele Jahre Aufsichtsratschef des russischen Konglomerats Sistema, zuletzt saß er im Management des auf den Rüstungssektor spezialisierten russischen Technologiekonzerns RTI Systems, der bereits seit längerer Zeit auf US-amerikanischen und britischen Sanktionslisten steht. 

Ein Fonds und viele Briefkästen 

In den „Pandora Papers“ finden sich mehrere Dokumente, aus den Jahren 2012, 2016 und 2018, welche die Struktur des Luxemburger „Altera“-Gebildes beschreiben: An einem sogenannten Umbrella-Fonds hängen drei Subfonds, an denen wiederum Kaskaden von Briefkastenfirmen mit Sitz auf Zypern und den Britischen Jungferninseln hängen, an welchen schließlich Besitztümer im Gegenwert Hunderter Millionen Euro hängen: Immobilien und Unternehmensbeteiligungen vorwiegend in Russland, Großbritannien – und Österreich. 

Die von profil und ORF ausgewerteten Datensätze zeigen, dass einer der drei „Altera“-Subfonds von Androsov und Novitsky (spätestens ab dem Jahr 2012 und jedenfalls noch im Jahr 2018) über zwei Offshore-Firmen 7,5 Prozent an einer weiteren Briefkastenfirma hielt. 2016 hieß diese noch „Valtoura Holdings Limited“ und hatte ihren Sitz auf Zypern, mittlerweile sitzt sie in Russland und firmiert als "MKAO Valtoura Holdings Limited".

Von dieser Valtoura führt der Weg über einen kleinen Umweg wieder zur Strabag nach Wien (siehe dazu auch das Organigramm weiter unten).

Just diese Valtoura hielt damals und hält bis heute 100 Prozent der eingangs genannten Rasperia Trading Limited, die ja ihrerseits knapp mehr als ein Viertel an der Strabag hält. 

Um es nicht zu kompliziert zu machen: Valtoura ist seit Jahren die eigentliche Anteilsverwaltung für die Strabag-Aktien, dort laufen die Interessen von Oleg Deripaska und seiner stillen Strabag-Gesellschafter zusammen. Diese Valtoura steht gleichsam eine Ebene über der Rasperia Trading. Beide waren einst zypriotische Firmen, beide haben ihren Sitz nunmehr in Russland.

Nach offizieller Darstellung hatte Deripaska sich 2007 mit damals 30 Prozent in die Strabag eingekauft – allein, also ohne erkennbare Co-Investoren. „Siegfried Wolf war es, der den kaufwilligen russischen Oligarchen Oleg Deripaska mit Strabag-Chef Hans Peter Haselsteiner zusammenbrachte und damit den Grundstein für den Einstieg bei dem Baukonzern legte“, schrieb profil im Mai 2007 (Nr. 22/07). Wolf zog noch 2007 in den Aufsichtsrat der Strabag SE ein, wo er bis 2015 bleiben sollte. 

Der knapp mehr als 1,2 Milliarden Euro schwere Strabag-Einstieg 2007 war, wie so viele andere Deals des russischen Oligarchen auch, größtenteils kreditfinanziert. In der Finanzkrise 2008/2009 geriet er finanziell ins Schleudern; Deripaska verschaffte sich Luft, indem er die Strabag-Aktien (mit Ausnahme der einen Namensaktie) an Raiffeisen, Uniqa und die Haselsteiner Stiftung abtrat, ehe er 2010 wieder bei der Strabag andockte (mit zunächst 17 Prozent, der Anteil stieg in den Jahren darauf nach und nach auf zuletzt 27,8 Prozent). 

Nun stellt sich also heraus, dass Deripaska spätestens ab 2012 in der zypriotischen Strabag-Anteilsverwaltung „Valtoura Holdings“ zumindest einen Co-Investor hatte: Den Luxemburger „Altera“-Fonds, hinter dem Putins ehemaliger Vize-Stabschef Androsov und der Oligarch Novitsky standen. Laut den Datensätzen der Agentur AsiaCiti übernahm Androsov 2017 von Novitsky die Kontrolle über diesen Fonds, ehe die Struktur 2019 aufgelöst wurde. Ab da verliert sich die Spur. 

Ein Oligarch auf dem Rückzug 

Tatsache ist weiters, dass Deripaskas Anteil an dieser zentralen „Valtoura Holdings Limited“ zuletzt zusehends schrumpfte. Dies offenbar vor dem Hintergrund der bereits 2018 von den USA verhängten Sanktionen. Aus öffentlich zugänglichen Beteiligungsmeldungen der Strabag lässt sich herauslesen, dass Deripaska schon 2019 nur noch 79 Prozent der „Valtoura Holdings“ kontrollierte, seit September 2020 sollen es überhaupt bloß 49 Prozent sein. 

Das bedeutet: Seit bald zwei Jahren liegt die Mehrheit an jener Gesellschaft, welche in letzter Konsequenz mehr als ein Viertel der Strabag besitzt, formell nicht mehr in Deripaskas Händen. Aber wer besitzt nun diese Mehrheit? Die langjährigen Co-Investoren Androsov und/oder Novitsky? Wladimir Putins ehemaliger Vize-Stabschef, ein verdeckter Strabag-Großaktionär? Die vorliegende Dokumentation lässt keine abschließende Beurteilung zu. Kirill Androsov ließ eine Medienanfrage unbeantwortet.  

Die Strabag-Konzernleitung geht ungeachtet vorangegangener Anteilsverschiebungen davon aus, dass Deripaska die Struktur kontrolliert, selbst wenn er nicht länger die Mehrheit hält. Eine Sprecherin des Oligarchen sagt aber, dass Deripaska keine Kontrolle mehr darüber hat. Das klingt doch einigermaßen verzwickt. 

So oder so stellt sich die Frage, wer von den wirtschaftlichen Erfolgen des Baukonzerns in der Vergangenheit profitierte. Nach Auskunft ihrer Sprecherin hat die Strabag seit dem Börsengang 2007 Dividenden in einer Höhe von immerhin rund 290 Millionen Euro netto (nach Abzug der Kapitalertragsteuer) in Richtung Deripaska ausgeschüttet. Die „Pandora Papers“ legen nahe, dass er nicht der einzige Nutznießer der Dividenden war. 

Der Name Kirill Androsov fiel übrigens erst kürzlich in Zusammenhang mit einer anderen Recherche von profil und ORF: Androsov lässt sich mit einem mehrere Millionen Euro schweren Immobilienprojekt in Verbindung bringen, das derzeit im Nobel-Wohnpark „Fontana“ im niederösterreichischen Oberwaltersdorf realisiert wird. Betreiber des Wohnparks ist: Siegfried Wolf.