Wirtschaft

Wirecard-Prozess: Welche Spuren nach Österreich führen

Ab heute wird der milliardenschwere Untergang des Zahlungsabwicklers Wirecard vor Gericht aufgearbeitet. profil recherchiert seit zweieinhalb Jahren in dem Fall – und zu den Connections nach Österreich.

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Zweieinhalb Jahre ist es her, dass das DAX-Vorzeigeunternehmen Wirecard in einem Skandal um nicht vorhandene Milliarden unterging. Ab heute, Donnerstag, muss sich deshalb am Landgericht München ein Österreicher in einem Prozess verantworten, der seinesgleichen sucht: Die Staatsanwaltschaft wirft dem früheren Wirecard-CEO Markus Braun und zwei Mitangeklagten vor, Banken und Kreditgeber mittels gefälschter Bilanzen um insgesamt 3,1 Milliarden Euro gebracht zu haben. Für den Betrugsprozess sind vorerst hundert Verhandlungstage angesetzt. Mit einem erstinstanzlichen Urteil ist demnach nicht vor 2024 zu rechnen.  

Braun bestreitet die Vorwürfe vehement. Eines steht schon jetzt fest: Der Prozess wird auch durch einen großen Abwesenden geprägt sein. Jan Marsalek – ebenfalls ehemaliger Wirecard-Vorstand, ebenfalls Österreicher – ist den Behörden bisher nicht ins Netz gegangen. Seine Flucht soll Marsalek bekanntlich über den Flugplatz im niederösterreichischen Bad Vöslau nach Weißrussland und von dort angeblich weiter nach Moskau geführt haben.  

Korpsgeist und Treueschwüre 

Das Epizentrum der Wirecard-Affäre mag in der ehemaligen Konzernzentrale in Aschheim bei München angesiedelt sein, die Connections nach Österreich sind jedoch derart mannigfaltig, dass man kaum von einem rein deutschen Skandal sprechen kann. profil folgt seit Mitte 2020 den Spuren in die Alpenrepublik – mal alleine, mal gemeinsam mit Partnermedien. Zum Prozessstart schnüren wir ein Paket aus einigen der wichtigsten Wirecard-Storys der vergangenen zweieinhalb Jahre. 

Worum geht es im Wirecard-Skandal eigentlich – und wie konnte es zu einem solchen Zusammenbruch kommen? Ob Straftaten passiert sind oder nicht, wird das Gericht zu klären haben. Unabhängig davon ist eine Antwort auf diese Frage zweifellos auch in der Unternehmenskultur zu suchen. Die Staatsanwaltschaft München berichtete bereits früh im Ermittlungsverfahren über einen militärisch-kameradschaftlichen Korpsgeist und von Treueschwüren gegenüber Markus Braun als Führungsperson. Hinterfragt wird in einem solchen System vermutlich nicht viel. 

ÖVP-nahe Berater 

Was Connections nach Österreich betrifft, so führen diese unter anderem zu ehemaligen Kabinettsmitarbeitern des einstigen Innenministers Ernst Strasser: Der Wiener Unternehmer Christoph Ulmer führte für Wirecard „Social-Media“ - Beobachtung durch und verrechnet dafür 25.000 Euro – pro Monat. Durchgeführt wurde der Auftrag über eine gemeinsame Firma mit Thomas Zach, ebenfalls einst im Strasser-Kabinett. Zach sitzt über Vorschlag der ÖVP im ORF-Stiftungsrat

Ein weiterer ÖVP-naher Berater tauchte in Zusammenhang mit einem umkämpften Auftrag auf, den die ÖBB im Jahr 2015 an Wirecard vergaben. Inoffizieller Projektstart war ein gemeinsamer Oktoberfest-Besuch im Jahr davor gewesen. Marsalek zeigte sich derart stark an dem Auftrag interessiert, dass er einer ÖBB-Managerin eine großen Stoff-Pandabären nach Wien nachschickte, weil diese ihn auf der „Wiesn“ liegengelassen hatte. Das Stofftier wurde artengerecht auf Bambus gebettet und in einer großen Holzkiste verpackt – Panda-Diplomatie aus dem Lobbying-Lehrbuch. 

Russland-Freunde und BVT-Connection 

Die Geschichte von Wirecard führt in mehrerlei Hinsicht nach Russland beziehungsweise in die Kreise besonders guter Russland-Versteher – insbesondere zur Österreichisch-Russischen Freundschaftsgesellschaft nach Wien. Braun und Marsalek waren Mitglieder der Kategorie „Senator“. profil-Recherchen zufolge zahlte Wirecard dafür 10.000 Euro pro Jahr. Dafür fand man sich dann in bester - oder zumindest: best vernetzter – Gesellschaft wieder.  

Marsalek stand zudem in engem Kontakt mit einem ehemaligen hochrangigen Mitarbeiter des Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT; mittlerweile: DSN - Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst). Potenzielle Verbindungen zwischen ehemaligen BVTlern und Wirecard haben auch in Österreich die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen und zu einer ungeahnten Ausweitung bestehender Ermittlungen geführt. 

Kontrollversagen und mutiger Journalismus 

Die Liste der Österreich-Connections ist derart lange, dass hier nur einige wichtige Punkte herausgegriffen sind. Dass das System Wirecard zu Fall kam, ist indes einem Mann zu verdanken, der sich weder einschüchtern, noch durch unmoralische Angebote ködern hat lassen: Dan McCrum, Journalist der „Financial Times“, deckte mit seinen Recherchen über Jahre hinweg den Skandal auf.  

Der Fall Wirecard ist somit nicht nur ein Lehrstück über Kontrollversagen, sondern auch über mutigen Journalismus. Wie die einstigen Wirecard-Bosse Braun und Marsalek tickten, zeigen nicht zuletzt Tausende interne E-Mails, die profil ausgewertet hat.  

Wirecard hat uns intensiv beschäftigt und wird es auch weiterhin tun. 

Stefan   Melichar

Stefan Melichar

ist Investigativ- und Wirtschaftsjournalist bei profil und Mitglied beim International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ).

Michael   Nikbakhsh

Michael Nikbakhsh

ist stellvertretender Chefredakteur, Leiter des Wirtschaftsressorts und Mitglied beim International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ)