Die Berichte der Überlebenden der Silvesternacht in Crans Montana sind kaum auszuhalten. Nicht nur, weil sie schockierende Details enthüllen, sondern auch, weil Brandkatastrophen in Nachtclubs stets nach einem ähnlichen Muster ablaufen – und meistens vermeidbar gewesen wären.
Wenige Wochen vor dem Unglück in der Schweiz, am 6. Dezember 2025, brannte der Nachtclub „Birch by Romeo Lane“ im indischen Goa mit 25 Todesopfern. Elektrische Knallkörper dürften getrocknete Palmblätter entzündet haben, die man zur Dekoration aufgehängt hatte. Im März 2025 stand der Nachtclub „Pulse“ im nordmazedonischen Kočani in Flammen. Funkensprühende Feuerwerkskörper hatten bei einem Hip-Hop-Konzert die Akustikschaumplatten an der Decke entzündet, 63 Menschen starben. Im Oktober 2023 brannten im spanischen Murcia zwei zusammenhängende Clubs, 13 Tote.
Der Nachtclub „Birch by Romeo Lane“ im indischen Goa brannte vollständig aus, 25 Menschen starben.
Die Liste lässt sich über Jahrzehnte hinweg fortsetzen. Im Schnitt passieren Katastrophen wie jene in Crans Montana weltweit alle ein bis zwei Jahre. Wie kann das sein? Sind die Brandschutzverordnungen zu lasch? Wie kommt es zum sogenannten Flashover, der plötzlich einen ganzen Raum entflammt? Und wie sicher ist das Feiern in Österreichs Lokalen?
Das Video von der Silvesternacht im Schweizer Skiort Crans Montana ging um die Welt. Über eine Ecke der Schaumstoffdecke walzen sich die Flammen, sie fressen sich immer weiter in die grauschwarzen Noppen. Brennender Kunststoff tropft auf die Bar und die Tanzenden hinab, die Musik dröhnt, der Bass wummert. Die Partygäste filmen das Schauspiel, sie tanzen weiter, singen und grölen, anstatt zu fliehen. Wenige Minuten später brennt der Keller der Bar „Le Constellation“ lichterloh. Jene, die noch laufen können, drängen sich durch den dichten Rauch nach oben und verstopfen die Treppe.
Tote Körper, brennende Menschen
Die 17-jährige Laetitia ist gerade mit einer Freundin auf dem Weg nach unten, als sie hört, wie jemand „Feuer!“ schreit. „Die Leute haben angefangen zu rennen, also sind wir einfach weggerannt“, erzählt sie dem französischen Fernsehsender BMF. An der Tür bleibt sie hängen, zu viele wollen gleichzeitig in die rettende Nacht hinaus. „Ich habe einfach meine Hände hochgehoben und geschrien. Es gab einen Jungen, den ich überhaupt nicht kenne, dem ich von ganzem Herzen danke. Er hat an mir gezogen. Dank ihm habe ich es geschafft, hinauszukommen“, berichtet Laetitia. Sie hat tote Körper gesehen, brennende Menschen. „Es war furchtbar. Alle waren unter Schock, niemand hat etwas verstanden. Sogar die brennenden Leute haben nicht verstanden, was passierte.“
Die Bilanz des Infernos, ausgelöst wahrscheinlich durch Sprühkerzen, ist verheerend. 40 Tote, die Hälfte davon minderjährig. 116 Verletzte, von denen einige schwer verbrannt immer noch ums Überleben kämpfen.
Fatales Muster bei Nachtclub-Bränden
Für Forschende wie Christian Lebeda vom Fachbereich Schweißtechnik & Brandschutz an der Technischen Universität Wien sind es die immer gleichen Geschichten. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Vermeidung von Katastrophen dieser Art. „Da kommen immer mehrere Faktoren zusammen“, sagt er im profil-Gespräch. Als Referenz nutzt die Forschung meist die Brandkatastrophe im Nachtclub „The Station“ in der US-Kleinstadt West Warwick, die am 20. Februar 2003 100 Menschen das Leben kostete. Der Fall wurde minutiös untersucht und in zahlreichen Brandversuchen nachgestellt.
Wer die Analyse aus den USA liest (zu finden hier), stößt auf zahlreiche Parallelen. In der Schweiz hatten Sprühkerzen die Schaumstoffdecke entzündet, in Warwick waren es Sprühfontänen bei einer Bühnenshow. Ob in Crans Montana, Warwick oder Kočani: Fast immer waren lärmdämmende Schaumstoffe involviert, die den Brand beschleunigen – und zwar auch dann, wenn sie vorschriftsgemäß imprägniert wurden. Dann gelten sie zwar als „schwer entflammbar“, das heißt, die Flamme eines Feuerzeugs kann sie kaum entzünden. Aber: „Brennendes Magnesium aus einer Sprühkerze ist ein anderes Kaliber“, sagt Lebeda.
Wände und Decken nicht verkleiden – oder aufpassen!
Christian Lebeda, TU Wien
In den sozialen Medien kursiert ein Foto von einer Person, die auf den Schultern einer anderen sitzt und eine Champagnerflasche samt Sprühkerze direkt unter der Decke der Bar in Crans Montana schwenkt. Wäre das Unglück auch passiert, wenn der Plafond aus nicht brennbaren Materialien wie Beton, Stein, Stahl oder Ziegeln bestanden hätte? „Wahrscheinlich nicht“, sagt Lebeda. Der Rat des TU-Experten: „Wände und Decken nicht verkleiden – oder aufpassen!“
Viel zu späte Flucht
Hinzu kommt das Verhalten der Partygäste. Wie in den USA dauerte es lange, bis die Menschen in Crans Montana die Flucht ergriffen. Kaum jemand nahm die Flammen an der Decke ernst. „Das beobachten wir immer wieder. Die Menschen unterschätzen die Gefahr des Feuers“, sagt Lebeda. In der Forschung spricht man von der „Pre-movement time“, also der Zeit, bis die Menschen die Flucht ergreifen. Bei Feuersbrünsten beträgt diese meist drei bis fünf Minuten – wertvolle Zeit, die viele Leben retten kann.
Wenn Panik entsteht, entwickelt sich Stau vor Türen und Gängen, wie diese Simulation zeigt. Links können sich die Menschen noch zügig aus einer Konzerthalle bewegen, rechts kommen sie kaum noch voran.
Wenn Panik entsteht, entwickelt sich Stau vor Türen und Gängen, wie diese Simulation zeigt. Links können sich die Menschen noch zügig aus einer Konzerthalle bewegen, rechts kommen sie kaum noch voran.
Denn Brände breiten sich exponentiell aus. Das heißt: Wenige züngelnde Flämmchen können blitzschnell zur Feuerwalze werden. Möglicherweise kam es in Crans Montana sogar zu einem sogenannten Flashover, auf Deutsch Flammenüberschlag oder Durchzündung. Das Phänomen entsteht in einem geschlossenen Raum, wenn sich Pyrolysegase an der Decke sammeln. Diese Gase entwickeln sich beim Verbrennen organischer Materialien wie Biomasse oder Kunststoff. Ab einer Temperatur von etwa 550 Grad Celsius entzünden sich die Pyrolysegase explosionsartig im gesamten Raum; oft schlagen sie auch mit großer Wucht nach außen.
Notausgänge checken
Was kann man tun, um sich beim Feiern sicherer zu fühlen? „Schon beim Reingehen schauen, wo die Notausgänge sind“, rät Christian Lebeda von der TU Wien. Der Großteil der Menschen tendiere dazu, den Zugang zu nützen, durch den sie den Raum betreten haben. Das kann im Fall einer Panik fatal enden: Durch die nachströmenden Menschen werden die vorderen so zusammengedrückt, dass sie bewusstlos werden und Türen und Flure blockieren. Sieht man also irgendwo ein Feuer, und sei es noch so klein, sollte man sich sofort, „ruhig, aber rasch“, auf den Weg nach draußen machen.
Im spanischen Murcia brennen zwei zusammenhängende Clubs, die Flammen fordern 13 Tote.
In der Schweiz wird nun ermittelt, ob die Treppe der Bar „Le Constellation“ breit genug und die Notausgänge passierbar waren. Die Gemeinde Crans Montana räumte mittlerweile schwere Versäumnisse ein. „In den Jahren 2020 bis 2025 wurde der Betrieb „Le Constellation“ nicht von einem Brandschutzexperten der Gemeinde kontrolliert“, gestand der Präsident des Gemeinderats, Nicolas Féraud. Vorgeschrieben wäre eine jährliche Inspektion. Weshalb es zu dieser Lücke kam, konnte Féraud nicht sagen: „Wir haben heute keine Erklärung dafür.“
Brandschutz in heimischen Clubs
Wer aber kontrolliert Bars, Nachtclubs und Lokale in Österreich? Und wie oft gibt es Inspektionen? Das ist von Bundesland zu Bundesland verschieden. In Kärnten zum Beispiel wird die sogenannte Feuerbeschau nur alle neun Jahre fällig, wie Michael Schneider, der Leiter der Brandverhütungsstelle Kärnten, dem ORF sagte. Gemäß Gewerbeordnung könne aber auch alle fünf Jahre eine Überprüfung durch die Barbetreiberinnen selbst veranlasst werden. Reicht das aus? „Aus Sicht des Brandschutzes wären natürlich kürzere Intervalle jedenfalls wünschenswert“, sagt Schneider. In Salzburg müssen Lokale indes alle fünf Jahre geprüft werden, in Oberösterreich alle drei bis fünf Jahre, in der Steiermark alle vier Jahre. Zuständig sind zumeist die Gemeinden, die Sachverständige schicken und oft eng mit der örtlichen Feuerwehr zusammenarbeiten.
Danach wird genau analysiert, wie sich das Feuer ausbreitet und welche Materialien ihm länger standhalten.
In Wien sind mehrere Stellen zuständig, etwa die Baupolizei (MA 37), die Magistratsabteilung für technische Gewerbeangelegenheiten (MA 36), die Gruppe Sofortmaßnahmen und die Feuerwehr. Es gebe keine fixen Intervalle für Überprüfungen, heißt es in einer Stellungnahme der Magistratsdirektion gegenüber profil. Man richte sich dabei nach dem Gefahrenpotenzial: „Ein größerer Betrieb wird häufiger untersucht als ein kleiner Imbiss.“
Beanstandungen gibt es „leider meistens“
Im Jahr 2025 führte die Stadt laut eigenen Angaben 253 Kontrollen in Gastgewerbebetrieben, Veranstaltungsstätten, Clubs und Bars durch. Beanstandungen gebe es „leider meistens, zum Beispiel mangelnde Elektrobefunde“, so die Magistratsdirektion Wien. Bei Gefahr müssen Mängel sofort behoben werden, sonst komme es zu Zwangsmaßnahmen. „Im Dezember 2025 wurden in Wien zwei Veranstaltungsstätten wegen mangelnder Brandschutzqualifikation behördlich geschlossen.“
Und wie gefährlich sind Sprühkerzen? „Sprüh- und Wunderkerzen sind nicht grundsätzlich verboten. Aber lassen Sie es mich so formulieren: Wenn der Lokalbetreiber bei der Deko nicht aufpasst und die Gäste unvorsichtig mit Sprühkerzen hantieren, ist das Malheur angerichtet“, sagt der Bundesfeuerwehrrat Martin Mittnecker der Tageszeitung „Standard“.
Bettelalm, City Beats: Keine Sprühkerzen mehr
Manche Lokale wollen diese künftig nicht mehr verwenden. „Aufgrund der aktuellen Ereignisse haben wir uns entschieden, bis auf Weiteres auf Sprühkerzen (Tischfeuerwerk) beim Flaschenservice zu verzichten“, schreibt etwa der Wiener Nachtclub „Bettelalm“ auf Facebook. Auch Franz Busta, Geschäftsführer in Salzburgs größtem Nachtclub „City Beats“, plant, „ganz mit den Sprühkerzen aufzuhören und auf LED-Alternativen umzusteigen“, wie er den „Salzburger Nachrichten“ mitteilte.
Reicht der Brandschutz in Österreich aus? „Grundsätzlich ja“, sagt Christian Lebeda von der TU Wien. In den Vorschriften gebe es mehrere Sicherheitsebenen, ein Fehler sei somit verkraftbar. Zum Unglück führe stets eine Summe von Mängeln, so Lebeda. „Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht.“
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(profil.at)
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Franziska Dzugan
schreibt für das Wissenschaftsressort, ihre Schwerpunkte sind Klima, Medizin, Biodiversität, Bodenversiegelung und Crime.
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