Eva Winzer muss mehrmals ihren Ärger hinunterschlucken, wenn sie ihre Tochter zum Kindergarten begleitet. Fünf Plakate zählt die Wiener Ernährungswissenschafterin, bis sie ein paar Straßen weiter die Pforte erreichen. Darauf zu sehen sind riesige Burger, Schokoriegel mit dem Versprechen, besonders viel Milch zu enthalten, goldgelbe Chips und überzuckerte Getränke in knalligen Farben. Besonders ärgert sich Winzer über die Kombiangebote einer Supermarktkette, die an einer Bushaltestelle prangen. Das erste Schnäppchen bietet Cola plus Chips plus Energydrink plus Schokolade an; das zweite, als vermeintlich „gesunde“ Alternative, Eistee plus Fruchtjoghurt plus Energydrink plus Kekse. „Es ist absurd, in welcher Umgebung wir uns bewegen müssen“, sagt Eva Winzer, die am Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien forscht.
Null Punkte
Dieses erschreckende Ergebnis erzielte Österreich in der Kategorie „Ernährungspolitik“ in einer eben erschienenen Studie, die 18 europäische und skandinavische Länder vergleicht. Sie stützt sich auf den sogenannten Public Health Index (PHI), der die politische Umsetzung wissenschaftlich empfohlener Maßnahmen für gesunde Lebensweisen misst. Forschende des Deutschen Krebsforschungszentrum und der deutschen Krankenkasse AOK untersuchten neben Ernährungspolitik auch die Alkohol-, Tabak- und die Bewegungspolitik in den jeweiligen Ländern.
Fazit: Österreich befindet sich in allen vier Kategorien entweder unter den Schlusslichtern oder im unteren Mittelfeld. Gleichzeitig hat es nach Deutschland das zweitteuerste Gesundheitssystem der EU. Was läuft da schief? Was machen die Top-Länder besser? Und was sagt das Gesundheitsministerium zu dem katastrophalen Abschneiden?
„Ich kapiere einfach nicht, warum Österreich sich diese Chance entgehen lässt“, sagte Jamie Oliver, der wohl bekannteste Koch der Welt, vor Kurzem im profil-Interview. Er meinte damit die Steuern auf Softdrinks, die seine Heimat Großbritannien vor fünf Jahren eingeführt hat. „Wir haben damit die größte Senkung des Zuckerkonsums aller Zeiten erreicht“, berichtet Jamie Oliver. Die Lebensmittelindustrie, die sich so sehr vor den Steuern gefürchtet hatte, habe sogar profitiert. „Die Konzerne erweiterten ihre Sortimente an gesünderen Drinks, und die Verbraucher hatten so mehr Auswahl und bescherten den Firmen noch mehr Umsatz.“
Spitzenreiter Großbritannien
Tatsächlich landete Großbritannien in der aktuellen Studie in der Gesamtwertung auf Platz eins, vor Finnland und Irland. Die Briten haben vier der von der Forschung empfohlenen Maßnahmen für bessere Ernährung umgesetzt: Neben der erwähnten Limonaden-Steuer gibt es ein umfassendes Junkfood-Werbeverbot, das vor allem Kinder schützen soll. Werbung für Burger, Chips und Cola ist im TV vor 21 Uhr und im Netz generell verboten. Einen Spießrutenlauf zwischen Plakaten wie in Wien gibt es in London nicht. Zudem gibt es strenge Vorgaben für die Qualität des Schulessens.
Gut schneiden im internationalen Vergleich auch Finnland, Frankreich, Polen und Irland ab. Frankreich hat zum Beispiel den Nutri-Score entwickelt und verpflichtend eingeführt, der Lebensmittel anhand ihrer Inhaltsstoffe bewertet – vom grünen A (gesund) bis zum roten E (sehr ungesund), nachzulesen hier. Dabei geht es nicht darum, den Salat statt der Fertigpizza zu kaufen, sondern auf den ersten Blick zu erkennen, welche der Pizzen die besseren Inhaltsstoffe hat.
Und in Österreich?
Hierzulande wurde keine einzige politische Maßnahme für gesündere Ernährung umgesetzt. Zwar gibt es einen Werberat, bei dem man sich wegen Kampagnen für Junkfood beschweren kann – Konsequenzen hat eine Rüge allerdings nicht. Der Nutri-Score hat es zwar ins aktuelle Regierungsprogramm geschafft, allerdings „unter Beibehaltung der Freiwilligkeit“.
Kategorien: Softdrink-Steuer, Nährwertkennzeichnung, Werbebeschränkung, Qualitätsstandards in der Schulverpflegung
(Für die Bewertungen der Bereiche Ernährung, Alkohol, Tabak und Bewegung wurde jeweils eine andere anerkannte Messmethode verwendet. Dabei wurden Punkte vergeben, die je nach Methode variieren. In die Gesamtwertung flossen die vier Bereiche mit je 25 Punkten ein.)
Was sagt das Gesundheitsministerium zu dem katastrophalen Ranking? Es sieht laut Stellungnahme gegenüber profil kein Problem, sondern moniert die in der Studie herangezogenen Parameter, die allesamt „verpflichtende Maßnahmen“ seien. Leider würden der „Strategieplan für gesunde und nachhaltige Ernährung“ und die zahlreichen Empfehlungen, Leitlinien und Qualitätsstandards nicht gewertet, so das Ministerium.
Prävention darf nicht nur Privatsache sein
Nur: Mit Freiwilligkeit kommt man offensichtlich nicht weiter – im Gegenteil. Es gibt in Österreich immer mehr Menschen mit Adipositas, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. „Viele dieser zumeist als Volkskrankheiten bezeichneten Erkrankungen wären vermeidbar, wenn Prävention nicht allein als Privatsache, sondern politisch ganzheitlich betrachtet würde“, schreibt Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft, im Vorwort der Studie.
Davon ist Österreich Lichtjahre entfernt. Hierzulande fließen nur 4,2 Prozent der Gesundheitsausgaben in die Prävention. „Das ist so gut wie nichts“, sagt Ernährungswissenschafterin Eva Winzer, die nicht an der Studie beteiligt war. Und das erklärt auch, warum unser Gesundheitssystem so teuer ist. Eben weil die Prävention fehlt, muss teuer therapiert werden, wenn der Schaden bereits entstanden ist.
Schlusslicht bei Zigaretten und Alkohol
Das beste Beispiel für Österreichs Unentschlossenheit in Sachen Gesundheitspolitik ist das Rauchverbot in Lokalen. Viele können sich wahrscheinlich noch an die aufwendigen Umbauten in Raucher- sowie in Nichtraucherbereiche erinnern, die ein schwammiges Gesetz der rot-schwarzen Koalition unter Bundeskanzler Alfred Gusenbauer 2009 ermöglichte. Fünf Jahre später kam es dann, wie es kommen musste: Die Regierung kündigte – als eine der letzten in Europa – ein generelles Rauchverbot für 2018 an; 2019 war es schließlich endlich wirklich so weit.
Kategorien Alkohol: Regelungen zur Produktion, Reglementierte Verkaufs- und Ausschankzeiten, Mindestverkaufsalter, Werbeverbote, Regeln im Straßenverkehr, Alkoholsteuer
Kategorien Tabak: Zigarettenpreis, Rauchfreie Umgebung, Aufklärungskampagnen, Werbeverbote, Warnhinweise, Unterstützung bei Tabakentwöhnung, Maßnahmen gegen illegalen Handel, Maßnahmen gegen Einflußnahme der Tabakindustrie
Und heute? Österreich landet in der Public-Health-Studie in der Kategorie Tabakpolitik auf Rang 14 von 18. Die Gründe: Die Zigarettenpreise sind trotz der Erhöhung von Mitte Jänner zu niedrig, die Werbeverbote und Warnhinweise zu schwach. Dementsprechend hoch liegt die Quote der täglich Rauchenden, nämlich bei 21 Prozent der Bevölkerung.
Das Gesundheitsministerium verweist auf die für Juli geplante Novelle des Tabakgesetzes. Darin sollen „Nikotinerzeugnisse und E-Zigaretten strenger geregelt, Einweg-E-Zigaretten verboten und Nikotinbeutel ins Gesetz aufgenommen werden.“ Und: Die Österreichische Gesundheitskasse stellt seit 2025 erstmals ein flächendeckendes und kostenfreies Angebot zur Nikotinentwöhnung bereit. Kern dieses Angebots sind die Kurse „Nikotinfrei in 6 Wochen“, die österreichweit sowohl in Präsenz als auch online angeboten werden. Außerdem verweist die Gesundheitskasse auf das Rauchfrei-Telefon, das unter der Nummer 0800 810 013 erreichbar ist.
Vorreiter Irland
Wie ein Tabakgesetz aussehen soll, macht Irland vor: Für eine Schachtel Zigaretten muss man auf der Insel im Schnitt 18 Euro hinblättern (in Österreich sind es nur 6,50 Euro). Ein striktes Werbeverbot, Packerl ohne Markenlogos und Aufklärungskampagnen sollen das Rauchen möglichst unattraktiv machen; gratis Entwöhnungsprogramme sollen helfen, von den Zigaretten loszukommen. Das Konzept geht auf: In Irland rauchen mittlerweile nur noch 14 Prozent der Menschen täglich.
Die Spitzenplätze bei der Alkoholpolitik belegen Norwegen, Finnland und Schweden. Hohe Steuern (in Finnland beträgt diese für eine Flasche Wein 3,20 Euro), ein hohes Mindestalter (in Norwegen darf man erst ab 20 Jahren Alkohol trinken), reglementierte Verkaufszeiten und Ausschank sowie Werbeverbote haben den Konsum stark dezimiert. „Die Schlusslichter wie Deutschland und Österreich hingegen machen es ihren Bürgerinnen und Bürgern besonders leicht, viel Alkohol zu trinken – durch sehr niedrige Preise, ständige Verfügbarkeit sowie Werbung“, heißt es in der Studie.
Bewegungsmangel von klein auf
ÖFB-Teamchef Ralf Rangnick bringt es auf den Punkt: „Sport wird als lästiges Beifach gesehen.“ Das müsse sich dringend ändern, die Gesellschaft müsse mehr Bezug zur täglichen Bewegung finden, sagt Rangnick. Seit September ist er Botschafter für die tägliche Bewegungseinheit – ein Projekt, das vor mehr als zehn Jahren als „tägliche Turnstunde“ erstmals diskutiert wurde.
An der Umsetzung hapert es bis heute: Gerade einmal 15 Prozent der Kindergärten und Schulen bis zur achten Schulstufe bieten täglich eine Stunde Bewegung, wie es die Weltgesundheitsorganisation für alle Kinder empfiehlt. Dementsprechend dramatisch sind die Zahlen in Österreich: Nur 13 Prozent der zehn- bis 16-jährigen Mädchen und knapp 25 Prozent der Buben erreichen laut Gesundheitsministerium dieses Ziel.
Kategorien: Fuß- und Radwege, Stadtplanung, Bewegungsangebote an Schulen und in der Arbeit, Kampagnen, Veranstaltungen wie Turniere und Marathons
Beim Ausbau der täglichen Bewegungseinheit soll trotz Budgetnot nicht gespart werden. Das Sportministerium stockt die Mittel von bisher 18 Millionen auf 19,5 Millionen Euro pro Jahr etwas auf. Damit werden unter anderem Coaches von Sportvereinen bezahlt, die im Schnitt zwei Mal pro Woche Einheiten anbieten. Um den Sprung von derzeit 15 auf 100 Prozent der Schulen und Kindergärten zu schaffen, reicht das Geld aber bei Weitem nicht – zumal gerade die Förderungen für Sportvereine um zehn Prozent gekürzt wurden.
Viel Luft nach oben
„Kinder legen durch Sport einen Bewegungsschatz an, der ihnen später enorm zugutekommt“, sagt Sandra Haider von der MedUni Wien. Die Sport- und Ernährungswissenschafterin spricht aus Erfahrung: Sie hat zehn Jahre in einem Reha-Zentrum gearbeitet. „Jene Patientinnen und Patienten, die von klein auf sportlich waren, hatten einen ganz anderen Spielraum bei der Rehabilitation.“
Mit Platz zehn und 330 von 400 möglichen Punkten steigt Österreich bei der Bewegungspolitik nicht ganz so schlecht aus. Das klingt aber womöglich besser, als es ist. Die Ergebnisse seien „mit Vorsicht zu interpretieren, da die Daten überwiegend auf Selbstangaben der Regierungen fußen“, heißt es in der Studie. Nur so kann man erklären, dass ein Radfahr-Musterland wie Dänemark in der Kategorie „Rad- und Gehwege“ zwei Punkte weniger erreicht als Österreich. „Was anderswo als Erfolg durchgeht, wird zum Beispiel in Kopenhagen als nicht ausreichend eingestuft“, erklärt Forscherin Haider.
Vor allem zwei Maßnahmen würden dem Bewegungsmangel laut Forschung entgegenwirken: Kinder- und Jugendprogramme sowie der Ausbau von Rad- und Gehwegen. Bei beiden hat Österreich noch Luft nach oben.
Der politische Wille fehlt
Ein Beispiel aus dem deutschen Bundesland Baden-Württemberg zeigt eindrucksvoll, dass wissenschaftliche Evidenz allein nicht ausreicht. Obwohl dort ein Nachtverkaufsverbot zu einem massiven Rückgang von Alkoholmissbrauch unter Jugendlichen geführt hatte, wurde es nach sieben Jahren wieder abgeschafft. „Es bedarf parlamentarischer Mehrheiten und Führungspersönlichkeiten, die bereit sind, Maßnahmen auch gegenüber Kritik öffentlich zu verteidigen“, heißt es in der Studie.
In Österreich laufe es ähnlich, sagt Forscherin Eva Winzer. „Wir haben unzählige hervorragende Pilotprojekte in allen vier Bereichen. Aber es braucht mehr politischen Willen, konsequente Präventionsmaßnahmen umzusetzen.“
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(profil.at, 44,30)
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Franziska Dzugan
schreibt für das Wissenschaftsressort, ihre Schwerpunkte sind Klima, Medizin, Biodiversität, Bodenversiegelung und Crime.
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