Nach Mord an Studenten in England: „Pure, kalte Wut“
„Das Establishment ist in Panik!“, „Echte Ausschreitungen werden folgen“ – vergangene Woche tat die britische Boulevardzeitung „The Sun“, was sie am besten kann: negative Emotionen schüren. In Großbritannien nutzen konservative Medien und rechtsextreme Kräfte den Mord an einem jungen Mann, um ein Lieblingsnarrativ der internationalen Rechten zu pushen: In westlichen Gesellschaften, vor allem in England, würden Minderheiten bevorzugt und Weiße diskriminiert.
Was ist geschehen?
Der 18-jährige Student Henry Nowak ist in der Nacht auf den 4. Dezember 2025 auf dem Heimweg, als er in einer dunklen Gasse der südenglischen Küstenstadt Southampton auf den 23-jährigen Vickrum Singh Digwa trifft. Dieser hat zwei Messer dabei. Ein kleineres, das er als Angehöriger der Religionsgemeinschaft Sikh tragen darf, und einen 21 Zentimeter langen zeremoniellen Dolch, der Nowak offenbar auffällt. In einem Video, das Nowak mit seinem Handy aufnimmt, fragt er Digwa, ob er ein „böser Mann“ sei. Digwa bejaht und entreißt Nowak das Handy. Dann sticht er vier Mal auf Nowak ein, und als dieser sterbend am Boden liegt, filmt er ihn mit seinem Handy. Währenddessen ruft Digwas Bruder die Polizei und behauptet, Vickrum Digwa sei Opfer eines rassistischen Angriffs geworden.
Ich kann nicht atmen
schwer verletzt am Tatort
Als die Polizei eintrifft, wiederholt Digwa die Lüge. Die Beamten glauben ihm und legen Nowak Handschellen an, anstatt ihm zu helfen. „I can’t breathe“ (Ich kann nicht atmen), sagt er mehrmals, und: „Ich wurde niedergestochen.“ Ein Polizist antwortet: „Das glaube ich nicht, Kumpel.“ Dass Nowak blutet, scheinen die Beamten in der Dunkelheit nicht zu bemerken. Henry Nowak stirbt an Ort und Stelle.
Der Öffentlichkeit bekannt wurde all das erst beim Prozess, in dem die Aufnahmen der Polizeikameras gezeigt wurden. Anfang Juni wurde Vickrum Digwa zu lebenslanger Haft verurteilt.
Wieso erhielt der Fall internationale Aufmerksamkeit?
Sein Sohn hätte „nicht auf der Straße in Polizeigewahrsam sterben dürfen“, sagte Henry Nowaks Vater nach der Urteilsverkündung vor der Presse. Doch er wolle nicht, dass sein Tod für „Spaltung und Hass“ instrumentalisiert werde. Genau das geschieht gerade.
Protestors outside Southampton Central Police Station hold
Am Dienstag vergangener Woche, dem Tag nach der Urteilsverkündigung, rief der rechtsextreme Aktivist Tommy Robinson zum Protest in Southampton. Es kam zu gewalttätigen Ausschreitungen, elf Polizisten wurden verletzt. Angeheizt wurde der Mob vom Rechtspopulisten Nigel Farage, der dem britischen Volk zu „purer, kalter Wut“ riet.