Was Russland im Krieg mit der Ukraine wirklich schadet
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Wladimir Putin hat ein Problem. Russlands Präsident wollte die Ukraine in wenigen Tagen erobern, sein Land sollte wieder ein Imperium werden wie zu Zeiten des Zarenreichs. Dass der Krieg mittlerweile länger dauert als der Erste Weltkrieg und Russlands Truppen an der Front kaum vorankommen, vermag Putins imperialen Größenwahn nicht zu erschüttern. Doch zuletzt musste er zugeben, dass Moskau im Krieg gegen die Ukraine Schwierigkeiten hat. Die Angriffe auf Russlands Infrastruktur bereiteten „natürlich Probleme“, man beobachte „einen gewissen Mangel“, sagte Putin im Staatsfernsehen in Anspielung auf die Treibstoffversorgung – ein durchaus ungewöhnliches Eingeständnis.
Im Ukraine-Krieg gerät Russland immer stärker unter Druck. Vier Entwicklungen, die Moskau wirklich wehtun – und was daraus folgen könnte.
Der Krieg ist in Russland angekommen
Für Russlands Bevölkerung schien der Angriffskrieg auf die Ukraine lange weit weg. Das hat sich in den vergangenen Monaten geändert. Mit Drohnen und Raketen fliegt die Ukraine Angriffe auf russische Rüstungsfabriken und auf die Ölindustrie. Nicht nur im Hinterland gingen Raffinerien, Pumpstationen und Exporthäfen in Flammen auf. In Moskau brannte Ende Juni eine Ölanlage, in St. Petersburg traf es ein Ölterminal, und in der westrussischen Millionenstadt Woronesch wurde eine Fabrik durch Marschflugkörper beschädigt. Allein in der Nacht auf Dienstag fing Russland nach eigenen Angaben 419 Drohnen ab.
„Langstrecken-Sanktionen“ nennt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Offensive. Das Ziel: Putin in Verhandlungen für ein Kriegsende zu zwingen.
Brennende Raffinerie in Moskau
© AFP/APA/AFP
Brennende Raffinerie in Moskau
Für Putin sind die Angriffe eine persönliche Demütigung, und sie treffen auch die Wirtschaft. Russlands Kapazitäten zur Ölverarbeitung sind im Vergleich zum Vorjahr um ein Viertel eingebrochen, Benzin und Diesel werden knapp. In einigen Regionen gibt es Einschränkungen, um Hamsterkäufe zu verhindern, den Export von Benzin und Kerosin hat Moskau komplett gestoppt. „Was verfügbar ist, geht prioritär an die Streitkräfte“, sagt der Russland-Experte Gerhard Mangott von der Universität Innsbruck.
Besonders gravierend ist die Treibstoffknappheit auf der von Russland annektierten Krim und in den besetzten Gebieten in der Ostukraine.
Die Krim droht Putin zu entgleiten
In der Welt Putins nimmt die Krim einen besonderen Stellenwert ein. Bevor er die Halbinsel im Jahr 2014 annektierte, waren Putins Beliebtheitswerte auf einem Rekordtief, danach stiegen sie auf fast 90 Prozent. Mit der Behauptung, die Krim habe schon immer zu Russland gehört, und mit dem Versprechen, man könnte dort künftig günstig urlauben, vereinte Putin das Volk hinter sich. Doch nun nimmt die Ukraine auf der Krim Nachschubrouten, Raffinerien und Militäreinrichtungen ins Visier – und die Einwohner der Halbinsel erleben den Krieg hautnah.
Wird die Krim zur Insel, dann bedeutet das eine Beschädigung des russischen Nationalstolzes und trägt zur Kriegsmüdigkeit bei.
Russland-Experte Gerhard Mangott
An Urlaub auf der Krim ist nicht zu denken, der Tourismus ist bis September ausgesetzt, die Ferienlager geschlossen. Die von Russland eingesetzten Behörden haben den Ausnahmezustand ausgerufen. Benzin ist nicht mehr erhältlich, immer wieder fällt der Strom aus.
Ziel Kyjiws ist es, die Krim von Russland abzuschneiden. Man wolle sie „in eine Insel verwandeln“, sagte der ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow. Laut dem US-amerikanischen Institute for the Study of War sind alle drei Straßenverbindungen in die Südukraine beschädigt.
© AFP/APA/AFP/Satellite image ©2026 Vantor/HANDOUT
Die Armee versucht die Kertsch-Brücke, die auf russisches Festland führt, mit Bojen, Netzen und Kunstnebel vor ukrainischen Drohnenangriffen zu schützen. Für Autos und den Schwerverkehr ist die Brücke geschlossen, nur die Eisenbahn fährt noch. „Für Moskau ist die logistische Herausforderung groß“, sagt Mangott. Die Annexion der Krim hätten die Menschen in Russland auf den Straßen gefeiert, nun sei es umgekehrt: „Wird die Krim zur Insel, dann bedeutet das eine Beschädigung des Nationalstolzes und trägt zur Kriegsmüdigkeit bei.“
Die Situation an der Front
In Russland überwog lange der Glaube, dass man in der Ukraine auf dem richtigen Weg sei. Moskau rekrutierte mehr Soldaten, als auf dem Schlachtfeld fielen, die Gebietsgewinne gingen langsam, aber stetig voran. Das hat sich geändert. Mit bis zu 30.000 russischen Soldaten verliert Moskau monatlich mehr Truppen, als neue Freiwillige zur Armee stoßen. Es fehlt an gut ausgebildeten Kommandeuren, und an der Front erzielt die Armee kaum noch Gebietsgewinne. Das sorgt für Frust in der Armee.
Vorige Woche richtete ein Kriegsblogger Putin aus, was an der Front falsch läuft. Auf Instagram klagte Aleksandr Lunin, der bis 2025 in der Ukraine kämpfte, über Folter in der russischen Armee, Schutzgelderpressung durch Vorgesetzte und Einsatzbefehle, die den sicheren Tod bedeuteten. Hochrangige Vertreter des Verteidigungsministeriums und der Sicherheitsorgane hätten ihm aufgetragen, die Botschaft an Putin zu übermitteln. Er wolle ihn treffen, um ihm vor laufenden Kameras „die ganze Wahrheit darüber zu erzählen, was im Land geschieht“. Ansonsten, so Lunin, würde die Armee ihre Waffen gegen den Kreml richten. Das Video traf offenbar einen Nerv, mehr als 13 Millionen Aufrufe hatte es in den ersten 24 Stunden. Bald wurde Lunin festgenommen – elf Tage Ordnungshaft, hieß es aus seinem Umfeld.
Lunin ist nicht der erste Militärblogger, der nach Kritik an Putins Vorgehen in der Ukraine festgenommen wird. Dass er tatsächlich mit hochrangigen Leuten aus Putins Machtapparat in Kontakt war, glaubt Mangott nicht. Einfluss habe die Videobotschaft lediglich auf jene, die ohnehin kritisch auf den Krieg blickten. Loyale Kräfte betrachteten Putin als eine Art Zar, Fehler führten sie auf schlechte Berater zurück.
Kriegsblogger Aleksandr Lunin
Ultimatum an Putin: „Dann wird die Armee ihre Waffen gegen den Kreml richten.“
Innerhalb der russischen Führung gebe es drei Lager, sagt Mangott: Die Technokraten wollen den Krieg einfrieren, weil er langfristig nicht finanzierbar ist; die Nationalisten fordern eine Generalmobilmachung und noch brutalere Angriffe auf die Ukraine. Das dritte Lager sei unentschieden und wolle abwarten. Zu dieser Gruppe gehöre Putin, doch der Druck vonseiten radikaler Kräfte nehme zu. Im Staatsfernsehen sprach Putins Einpeitscher Wladimir Solowjow vor Kurzem von einem „unvermeidlichen Atomkrieg“ gegen die Ukraine und die NATO.
Der Wirtschaft fehlt es an Arbeitskräften
Immer mehr zum Problem wird auch der Mangel an ausgebildeten Fachkräften. Hunderttausende Menschen haben Russland seit Kriegsbeginn verlassen, mehr als eine Million Soldaten kämpfen im Ukraine-Krieg, Hunderttausende sind gefallen. Hinzu kommt die seit Ende der 1980er-Jahre niedrige Geburtenrate.
In der staatlichen Rüstungsindustrie seien die Löhne vergleichsweise hoch, sagt Mangott, auch darunter leide der zivile Sektor. Gebremst würden private Unternehmen auch durch den hohen Leitzins von 14,5 Prozent: „Die Wachstumskräfte sind verschwunden, die Wirtschaft schrumpft.“ Hoffnungen darauf, dass die schlechte Wirtschaftslage den Krieg verkürzt, mache er sich keine: „Für die kommenden zwei Jahre sehe ich keine Probleme, den Krieg weiter zu finanzieren.“
Egal wie hoch die Kosten oder die Verluste – Putin rückt nicht von seinen Maximalforderungen ab und will nach wie vor den gesamten Donbas einnehmen.
Das ist nach heutigem Stand unrealistisch, und die Ukraine wird das Gebiet kaum freiwillig aufgeben. Was kommt also als Nächstes? Wird Russland den Krieg eskalieren, womöglich sogar auf die NATO ausweiten? Vor Kurzem veröffentlichte Moskau eine Liste mit Adressen europäischer Rüstungsunternehmen. Diese seien potenzielle Ziele für die russischen Streitkräfte, sagte Dmitri Medwedew, Vizechef des Nationalen Sicherheitsrates. „Moskau wird eskalieren, aber nicht durch Militärschläge, sondern im hybriden Krieg gegen Europa“, sagt Mangott.
Cyberangriffe, Sabotageaktionen und Desinformationskampagnen nehmen zu, und es gibt Luft nach oben. „Der Export von Chaos ist ein Merkmal und kein Fehler in der russischen Herangehensweise an internationale Beziehungen“, warnte kürzlich Blaise Metreweli, Chefin des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6. Die Front verlaufe überall.
Siobhán Geets
ist seit 2020 im Außenpolitik-Ressort und seit 2025 stellvertretende Ressortleiterin. Schwerpunkt: Europa und USA.