Ein Mann steht mit EU und Georgien-Flagge vor Anti-Riot-Polizisten.
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Wie Georgiens Rechtspopulisten die EU-Integration sabotierten

Wie wurde aus der einst proeuropäischen Regierung Georgiens eine Partei der EU-Skeptiker? Eine Spurensuche in Tiflis.

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Es riecht nach Weihrauch im Zentrum von Georgiens Hauptstadt Tiflis. Ein Protestzug schiebt sich an einer orthodoxen Kirche vorbei, einige Protestierende bekreuzigen sich. Die Menge schwenkt EU-Fahnen und die Nationalflagge Georgiens. Mittendrin steht Elene Gabrichidze, während sich links noch einige Autos vorbeischlängeln. Sie hupen energisch. „Sie feuern uns an“, sagt die Aktivistin.

Solche Tage geben mir Hoffnung.

Elene Gabrichidze

Aktivistin

Heute ist sie fröhlich. In Georgien wird seit über einem Jahr – auch bei Minusgraden, Schneestürmen und Dauerregen – täglich gegen Georgiens EU-kritische Regierung und für eine Annäherung an Brüssel demonstriert. Gabrichidze war oft dabei und hat sogar ihr Studium pausiert, um bei der Organisation der Proteste mitzuhelfen. Manchmal waren es nur 50 Leute, die sich auf die Straße trauten, erzählt sie. Diesen Samstag sind es wohl weit mehr als 1000 Menschen. „Solche Tage geben mir Hoffnung“, sagt die 21-Jährige und stimmt in die Sprechchöre mit ein.

Jemand spricht in zwei Megafone vor dem georgischen Parlament (ein großes Gebäude aus hellem Vulkanstein, das beleuchtet wird)
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Menschenmenge, man sieht eine EU- und eine georgische Flagge.
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Menschenmenge, jemand hält eine Georgien-Flagge hoch, rechts Rauch
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Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung in Georgien befürworten einen EU-Beitritt. Georgien, das an Russland grenzt, war einst auf gutem Weg Richtung EU. Doch 2022 kippt alles. Die einst proeuropäische Regierungspartei „Georgischer Traum“ gerät wegen des Ausbruchs des Ukraine-Krieges in Panik und zerwirft sich krachend mit Brüssel, das auf mehr Unterstützung für Kyiv pocht. Der „Georgische Traum“ sieht in der EU plötzlich einen „Kriegstreiber“.

2024 führt eine Parlamentswahl das Land dann endgültig in die Dauerkrise: Die Regierung gewinnt eine absolute Mehrheit, doch die Opposition lehnt das Wahlergebnis als gefälscht ab. Internationale Wahlbeobachter dokumentierten Unregelmäßigkeiten wie Bestechungs- und Einschüchterungsversuche, doch für die von der Opposition vermutete groß angelegte Fälschung der Wahlen mangelt es an konkreten Beweisen. Opposition und Regierung radikalisieren sich.

Regierungsgegner sprechen von „Revolution“, und der „Georgische Traum“, der sich von „Extremisten“, „ausländischen Agenten“ und einem „Maidan-Putsch“ bedroht sieht, reagiert mit repressiven Gesetzen, darunter hohe Geldstrafen für Protestierende. Die EU legt das Beitrittsverfahren auf Eis.

Eine Frau hält ein Schild vor dem Parlament hoch, neben ihr stehen Kameramänner.
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Nach den Parlamentswahlen 2024 kam es zu Massenprotesten.

Das Kaukasusland schlittert heute Richtung Autokratie. Warum verwandelte sich der „Georgische Traum“ von einer proeuropäischen Partei zu einer EU-skeptischen Kraft im Stil von FPÖ, AfD und dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán? Welche Rolle spielen Ungarn und Russland? Und welche Fehler machte Brüssel, dass es so weit kommen konnte?

Ins Megafon schreien

„Ein Feind der eigenen Nation bleibt nicht ungestraft“, skandiert jemand lautstark in ein Megafon. Die Menge grölt mit. „Wir kämpfen bis zum Ende“, schallt es durch die Straßen. Gabrichidze kennt alle Sprechchöre – normalerweise steht sie an der Spitze des Demozugs. Vor dem Parlament, dem Ziel des Protestzugs, drücken ihr Freunde lachend ein schweres Megafon in die Hand. Darauf prangt ein Sticker mit der Aufschrift „Es lebe die Ukraine“. „Erst als ich begonnen habe, in dieses Megafon zu rufen, fühlte ich mich wirklich wie ein Teil dieser Bewegung“, sagt sie.

Raphael  Bossniak

Raphael Bossniak

ist seit Juli 2025 im Außenpolitik-Ressort. Davor freier Journalist für APA, Kurier und die deutsche Nahostfachzeitschrift zenith. Schwerpunkt Nahost / Kaukasus / Osteuropa.